RichardWagner
Libretti
Götterdämmerung

(DRITTER AUFZUG)
DRITTE SZENE

Die Halle der Gibichungen


(Es ist Nacht. Mondschein spiegelt sich auf dem Rheine. Gutrune tritt aus ihrem Gemache in die Halle hinaus)
GUTRUNE

War das sein Horn?

(Sie lauscht)

Nein! - Noch
kehrt er nicht heim. -
Schlimme Träume
störten mir den Schlaf! -
Wild wieherte sein Ross; -
Lachen Brünnhildes
weckte mich auf. -
Wer war das Weib,
das ich zum Ufer schreiten sah? -
Ich fürchte Brünnhild'! -
Ist sie daheim?

(Sie lauscht an der Tür
rechts und ruft dann leise)


Brünnhild'! Brünnhild'!
Bist du wach?

(Sie öffnet schüchtern und
blickt in das innere Gemach)


Leer das Gemach.
So war es sie,
die ich zum Rheine schreiten sah! -

(Sie erschrickt und lauscht
nach der Ferne)


War das sein Horn? -
Nein! -
Öd' alles!
Säh' ich Siegfried nur bald!

(Sie will sich wieder ihrem Gemache
zuwenden: als sie jedoch Hagens
Stimme vernimmt, hält sie an und
bleibt, von Furcht gefesselt, eine
Zeitlang unbeweglich stehen)
HAGENS STIMME
(von aussen sich nähernd)

Hoiho! Hoiho!
Wacht auf! Wacht auf!
Lichte! Lichte!
Helle Brände!
Jagdbeute
bringen wir heim.
Hoiho! Hoiho!
(Licht und wachsender Feuerschein von aussen)
HAGEN
(tritt in die Halle)

Auf, Gutrun'!
Begrüsse Siegfried!
Der starke Held,
er kehret heim!
GUTRUNE
(im grosser Angst)

Was geschah? Hagen!
Nicht hört' ich sein Horn!
(Männer und Frauen, mit Lichtern und Feuerbränden, geleiten den Zug der mit Siegfrieds Leiche Heimkehrenden, unter denen Gunther)
HAGEN

Der bleiche Held,
nicht bläst er es mehr;
nicht stürmt er zur Jagd,
zum Streite nicht mehr,
noch wirbt er um wonnige Frauen.
GUTRUNE
(mit wachsendem Entsetzen)

Was bringen die?
(Der Zug gelangt in die Mitte der Halle, und die Mannen setzen dort die Leiche auf einer schnell errichteten Erhöhung nieder)
HAGEN

Eines wilden Ebers Beute:
Siegfried, deinen toten Mann.
(Gutrune schreit auf und stürzt über die Leiche hin. - Allgemeine Erschütterung und Trauer)
GUNTHER
(bemüht sich um die Ohnmächtige)

Gutrun'! Holde Schwester,
hebe dein Auge, schweige mir nicht!
GUTRUNE
(wieder zu sich kommend)

Siegfried - Siegfried erschlagen! -

(Sie stösst Gunther heftig zurück)

Fort, treuloser Bruder,
du Mörder meines Mannes! -
O Hilfe! Hilfe! Wehe! Wehe!
Sie haben Siegfried erschlagen!
GUNTHER

Nicht klage wider mich!
Dort klage wider Hagen.
Er ist der verfluchte Eber,
der diesen Edlen zerfleischt'.
HAGEN

Bist du mir gram darum?
GUNTHER

Angst und Unheil
greife dich immer!
HAGEN
(mit furchtbarem Trotze
herantretend)


Ja denn! Ich hab' ihn erschlagen!
Ich - Hagen -
schlug ihn zu Tod. -
Meinem Speer war er gespart,
bei dem er Meineid sprach. -
Heiliges Beuterecht
hab' ich mir nun errungen:
drum fordr' ich hier diesen Ring.
GUNTHER

Zurück! Was mir verfiel,
sollst nimmer du empfahn.
HAGEN

Ihr Mannen, richtet mein Recht!
GUNTHER

Rührst du an Gutrunes Erbe,
schamloser Albensohn?
HAGEN
(sein Schwert ziehend)

Des Alben Erbe
fordert so sein Sohn!

(Er dringt auf Gunther ein,
dieser wehrt sich; sie fechten.
Die Mannen werfen sich dazwischen.
Gunther fällt von einem Streiche
Hagens darnieder)


Her den Ring!
(Er greift nach Siegfrieds Hand; diese hebt sich drohend empor. - Gutrune und die Frauen schreien entsetzt laut auf. Alles bleibt in Schauder regungslos gefesselt)
(Vom Hintergrunde her schreitet Brünnhilde fest und feierlich dem Vordergrunde zu)
BRÜNNHILDE
(noch im Hintergrunde)

Schweigt eures Jammers
jauchzenden Schwall!
Das ihr alle verrietet,
zur Rache schreitet sein Weib.-

(Sie schreitet ruhig weiter vor)

Kinder hört' ich
greinen nach der Mutter,
da süsse Milch sie verschüttet:
doch nicht erklang mir
würdige Klage,
des hehrsten Helden wert.
GUTRUNE
(vom Boden heftig sich aufrichtend)

Brünnhilde! Neiderboste!
Du brachtest uns diese Not:
die du die Männer ihm verhetztest,
weh, dass du dem Haus genaht!
BRÜNNHILDE

Armselige, schweig'!
Sein Eheweib warst du nie,
als Buhlerin
bandest du ihn.
Sein Mannesgemahl bin ich,
der ewige Eide er schwur,
eh' Siegfried je dich ersah.
GUTRUNE
(in jähe Verzweiflung ausbrechend)

Verfluchter Hagen!
Dass du das Gift mir rietest,
das ihr den Gatten entrückt!
Ach, Jammer!
Wie jäh nun weiss ich's,
Brünnhilde war die Traute,
die durch den Trank er vergass! -
(Sie wendet sich voll Scheu von Siegfried ab und beugt sich, im Schmerz aufgelöst, über Gunthers Leiche; so verbleibt sie regungslos bis zum Ende. - Hagen steht, trotzig auf Speer und Schild gelehnt, in finsteres Sinnen versunken, auf der entgegengesetzen Seite)

Music
BRÜNNHILDE
(allein in der Mitte; nachdem sie
lange, zuerst mit tiefer Erschütterung,
dann mit fast überwältigender Wehmut
das Angesicht Siegfrieds betrachtet,
wendet sie sich mit feierlicher
Erhebung an die Männer und Frauen).
(Zu den Mannen)


Starke Scheite
schichtet mir dort
am Rande des Rheins zuhauf!
Hoch und hell
lodre die Glut,
die den edlen Leib
des hehrsten Helden verzehrt.
Sein Ross führet daher,
dass mit mir dem Recken es folge:
denn des Helden heiligste
Ehre zu teilen,
verlangt mein eigener Leib.
Vollbringt Brünnhildes Wunsch!
(Die jüngeren Männer errichten während des Folgenden vor der Halle nahe am Rheinufer einen mächtigen Scheiterhaufen, Frauen schmücken ihn mit Decken, auf die sie Kräuter und Blumen streuen)






















































































































Music
BRÜNNHILDE
(versinkt von neuem in die Betrachtung
des Antlitzes der Leiche Siegfrieds. Ihre
Mienen nehmen eine immer sanftere
Verklärung an)


Wie Sonne lauter
strahlt mir sein Licht:
der Reinste war er,
der mich verriet!
Die Gattin trügend,
- treu dem Freunde, -
von der eignen Trauten
- einzig ihm teuer -
schied er sich durch sein Schwert.
Echter als er
schwur keiner Eide;
treuer als er
hielt keiner Verträge;
lautrer als er
liebte kein andrer:
und doch, alle Eide,
alle Verträge,
die treueste Liebe -
trog keiner wie er! -

Wisst ihr, wie das ward?

(nach oben blickend)

O ihr, der Eide
ewige Hüter!
Lenkt euren Blick
auf mein blühendes Leid:
erschaut eure ewige Schuld!
Meine Klage hör',
du hehrster Gott!
Durch seine tapferste Tat,
dir so tauglich erwünscht,
weihtest du den,
der sie gewirkt,
dem Fluche, dem du verfielest:
mich musste
der Reinste verraten,
dass wissend würde ein Weib!

Weiss ich nun, was dir frommt? -

Alles, alles,
alles weiss ich, -
alles ward mir nun frei!
Auch deine Raben
hör' ich rauschen;
mit bang ersehnter Botschaft
send' ich die beiden nun heim.
Ruhe, ruhe, du Gott! -

(Sie winkt den Mannen, Siegfrieds
Leiche auf den Scheiterhaufen zu tragen;
zugleich zieht sie von Siegfrieds Finger
den Ring ab und betrachtet ihn sinnend)


Mein Erbe nun
nehm' ich zu eigen. -
Verfluchter Reif!
Furchtbarer Ring!
Dein Gold fass' ich
und geb' es nun fort.
Der Wassertiefe
weise Schwestern,
des Rheines schwimmende Töchter,
euch dank' ich redlichen Rat.
Was ihr begehrt,
ich geb' es euch:
aus meiner Asche
nehmt es zu eigen!
Das Feuer, das mich verbrennt,
rein'ge vom Fluche den Ring!
Ihr in der Flut
löset ihn auf,
und lauter bewahrt
das lichte Gold,
das euch zum Unheil geraubt.

(Sie hat sich den Ring angesteckt und
wendet sich jetzt zu dem Scheiterhaufen,
auf welchem Siegfrieds Leiche ausgestreckt
liegt. Sie entreisst einem Manne den
mächtigen Feuerbrand).
(den Feuerband schwingend und
nach dem Hintergrunde deutend)


Fliegt heim, ihr Raben!
Raunt es eurem Herren,
was hier am Rhein ihr gehört!
An Brünnhildes Felsen
fahrt vorbei! -
Der dort noch lodert,
weiset Loge nach Walhall!
Denn der Götter Ende
dämmert nun auf.
So - werf' ich den Brand
in Walhalls prangende Burg.

(Sie schleudert den Brand in den Holzstoss,
der sich schnell hell entzündet. Zwei
Raben sind vom Felsen am Ufer aufgeflogen
und verschwinden nach den Hintergrunde zu).
(Brünnhilde gewahrt ihr Ross, welches
zwei junge Männer hereinführen.
Sie ist ihm entgegengesprungen, fasst
es und entzäumt es schnell; dann neigt
sie sich traulich zu ihm)


Grane, mein Ross!
Sei mir gegrüsst!
Weisst du auch, mein Freund,
wohin ich dich führe?
Im Feuer leuchtend,
liegt dort dein Herr,
Siegfried, mein seliger Held.
Dem Freunde zu folgen,
wieherst du freudig?
Lockt dich zu ihm
die lachende Lohe?
Fühl' meine Brust auch,
wie sie entbrennt;
helles Feuer
das Herz mir erfasst,
ihn zu umschlingen,
umschlossen von ihm,
in mächtigster Minne
vermählt ihm zu sein!
Heiajoho! Grane!
Grüss' deinen Herren!
Siegfried! Siegfried! Sieh!
Selig grüsst dich dein Weib!
(Sie hat sich auf das Ross geschwungen und hebt es jetzt zum Sprunge. Sie sprengt es mit einem Satze in den brennenden Scheiterhaufen. Sogleich steigt prasselnd der Brand hoch auf, so dass das Feuer den ganzen Raum vor der Halle erfüllt und diese selbst schon zu ergreifen scheint. Entsetzt drängen sich Männer und Frauen nach dem äussersten Vordergrunde).
(Als der ganze Bühnenraum nur noch von Feuer erfüllt erscheint, verlischt plötzlich der Glutschein, so dass bald bloss ein Dampfgewölk zurückbleibt, welches sich dem Hintergrunde zu verzieht und dort am Horizont sich als finstere Wolkenschicht lagert. Zugleich ist vom Ufer her der Rhein mächtig angeschwollen und hat seine Flut über die Brandstätte gewälzt. Auf den Wogen sind die drei Rheintöchter herbeigeschwommen und erscheinen jetzt über der Brandstätte. Hagen, der seit dem Vorgange mit dem Ringe Brünnhildes Benehmen mit wachsender Angst beobachtet hat, gerät beim Anblick der Rheintöchter in höchsten Schreck. Er wirft hastig Speer, Schild und Helm von sich und stürzt wie wahnsinnig sich in die Flut.)
HAGEN

Zurück vom Ring!
Music (Woglinde und Wellgunde umschlingen mit ihren Armen seinen Nacken und ziehen ihn so, zurückschwimmend, mit sich in die Tiefe. Flosshilde, den anderen voran dem Hintergrunde zuschwimmend, hält jubelnd den gewonnenen Ring in die Höhe. Durch die Wolkenschicht, welche sich am Horizont gelagert, bricht ein rötlicher Glutschein mit wachsender Helligkeit aus. Von dieser Helligkeit beleuchtet, sieht man die drei Rheintöchter auf den ruhigeren Wellen des allmählich wieder in sein Bett zurückgetretenen Rheines, lustig mit dem Ringe spielend, im Reigen schwimmen. Aus den Trümmern der zusammengestürzten Halle sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit dem wachsenden Feuerschein am Himmel zu. Als dieser endlich in lichtester Helligkeit leuchtet, erblickt man darin den Saal Walhalls, in welchem die Götter und Helden, ganz nach der Schilderung Waltrautes im ersten Aufzuge, versammelt sitzen. Helle Flammen scheinen in dem Saal der Götter aufzuschlagen. Als die Götter von den Flammen gänzlich verhüllt sind, fällt der Vorhang)