RichardWagner
Libretti
Der Fliegende Holländer

(ZWEITER AUFZUG)
DRITTE SZENE
(Der Holländer ist sogleich eingetreten; Sentas Blick streift von dem Bilde auf ihn, - sie stösst einen gewaltigen Schrei der Überraschung aus und bleibt wie festgebannt stehen, ohne ihr Auge vom Holländer abzuwenden. Der Holländer schreitet, die Augen auf Senta geheftet, langsam in den Vordergrund)
Music (Daland ist unter der Tür stehengeblieben und scheint zu erwarten, dass ihm Senta entgegenkomme)
DALAND
(sich Senta allmählich nähernd)

Mein Kind, du siehst mich auf der Schwelle:
Wie? Kein Umarmen? Keinen Kuss?
Du bleibst gebannt an deiner Stelle:
Verdien ich, Senta, solchen Gruss?
SENTA
(als Daland bei ihr anlangt,
ergreift sie seine Hand)


Gott dir zum Gruss!

(ihn näher an sich ziehend)

Mein Vater, sprich!
Wer ist der Fremde?




Music
Music
DALAND
(lächelnd)

Drängst du mich?

Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heissen!
Seemann ist er, gleich mir, das Gastrecht spricht er an.
Lang ohne Heimat, stets auf fernen, weiten Reisen,
in fremden Landen er der Schätze viel gewann.
Aus seinem Vaterland verwiesen,
für einen Herd er reichlich lohnt.
Sprich, Senta, würd es dich verdriessen,
wenn dieser Fremde bei uns wohnt?
(Senta nickt beifällig mit dem Kopf)
DALAND
(wendet sich zum Holländer)

Sagt, hab ich sie zuviel gepreisen?
Ihr seht sie selbst, ist sie euch recht?
Soll ich von Lob noch überfliessen?
Gesteht, sie zieret ihr Geschlect?
(Der Holländer macht eine bejahende Bewegung)








Music
DALAND
(wendet sich wieder zu Senta)

Mögst du, mein Kind, dem Manne freundlich dich erweisen;
von deinem Herzen auch spricht holde Gab er an;
reich ihm die Hand, denn Bräutigam sollst du ihn heissen!
Stimmst du der Vater bei, ist morgen er dein Mann.

(Senta macht eine zuckende, schmerzliche
Bewegung; ihre Haltung bleibt aber ruhig.
Daland zieht einen Schmuck hervor
und zeigt ihn Senta)


Sieh dieses Band, sieh diese Spangen!
Was er besitzt, macht dies gering.
Muss, teures Kind, dich's nicht verlangen?
Dein ist es, wechselst du den Ring.

(Senta, ohne Daland zu beachten,
wendet ihren Blick nicht vom Holländer ab,
sowie auch dieser nur in Sentas Anblick
versunken ist. Daland wird es gewahr)


Doch keines spricht!... Sollt' ich hier lästig sein?
So ist's! Am besten lass' ich sie allein.

(Er betrachtet den Holländer und Senta
aufmerksam und wendet sich dann zu Senta)


Mögst du den edlen Mann gewinnen!
Glaub mir, solch Glück wird nimmer neu!

(zum Holländer)

Bleibt hier allein! Ich geh von hinnen: -
Glaubt mir, wie schön, so ist sie treu!
(Daland entfernt sich langsam, indem er Senta un den Holländer in der neugierigen Erwartung, ob sie sich einander nähern werden, eine Zeitlang beobachtet; endlich geht er in verdriesslicher Verwunderung ab. Er blickt noch einmal ins Zimmer und schliesst dann die Tür. Der Holländer und Senta sind allein; sie bleiben bewegungslos, in ihren gegenseitigen Anblick versunken auf ihrer Stelle)







Music
  HOLLÄNDER
(tief ergriffen)

Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten
spricht dieses Mädchens Bild zu mir:
wie ich's geträumt seit bangen Ewigkeiten,
vor meinen Augen seh ich's hier. -
Wohl hub auch ich voll Sehnsucht meine Blicke
aus tiefer Nacht empor zu einem Weib:
ein schlagend Herz liess, ach! mir Satans Tücke,
dass eingedenk ich meiner Qualen bleib.
Die düstre Glut, die hier ich fühle brennen,
sollt ich Unseliger sie Liebe nennen?
Ach nein! Die Sehnsucht ist es nach dem Heil: -
würd es durch solchen Engel mir zuteil!


Music



Music






Music
SENTA

Versank ich jetzt in wunderbares Träumen?
Was ich erblicke, ist's ein Wahn?
Weilt' ich bisher in trügerischen Räumen?
Brach des Erwachens Tag heut an?
Er steht vor mir, mit leidenvollen Zügen,
es spricht sein unerhörter Gram zu mir:
kann tiefen Mitleids Stimme mich belügen?
Wie ich ihn oft gesehn, so steht er hier.
Die Schmerzen, die in meinem Busen brennen,
ach, dies Verlangen, wie soll ich es nennen?
Wonach mit Sehnsucht es dich treibt, das Heil,
würd es, du Ärmster, dir durch mich zuteil!
HOLLÄNDER
(schreitet, sich Senta etwas näernd,
einige Schritte nach der Mitte)


Wirst du des Vaters Wahl nicht schelten?
Was er versprach, wie, dürft es gelten?
Du könntest dich für ewig mir ergeben,
und deine Hand dem Fremdling reichtest du?
Soll finden ich, nach qualenvollen Leben
in deiner Treu' die langersehnte Ruh?
SENTA

Wer du auch seist, und welches das Verderben,
dem grausam dich dein Schicksal konnte weihn,
was auch das Los, das ich mir sollt' erwerben,
gehorsam stests werd ich dem Vater sein!
HOLLÄNDER
(gerührt)

So unbedingt, wie? könnte dich durchdringen
für meine Leiden tiefstes Mitgefühl?
SENTA
(für sich)

O, welche Leiden? Könnt ich Trost dir bringen!
HOLLÄNDER
(der Sentas Ausruf vernommen)

Welch holder Klang im nächtigen Gewühl!

(hingerissen)

Du bist ein Engel, eines Engels Liebe
Verworfne selbst zu trösten weiss!
  Ach, wenn Erlösung mir zu hoffen bliebe,

(niederkniend)

Allewiger, durch diese sei's!
SENTA

Ach, wenn Erlösung ihm zu hoffen bliebe,
Allewiger, durch mich nur sei's!
HOLLÄNDER
(erhebt sich heftig)

Ach, könntest das Geschick du ahnen,
dem dann mit mir du angehörst,
dich würd es an das Opfer mahnen,
das du mir bringst, wenn Treu' du schwörst:
Es flöhe schaudernd deine Jugend
dem Lose, dem du sie willst weihn,
nennst du des Weibes schönste Tugend,
nennst ew'ge Treue du nicht dein!
SENTA

Wohl kenn ich Weibes heil'ge Pflichten;
sei drum gestrost, unsel'ger Mann!
Lass über die das Schicksal richten,
die seinem Spruche trotzen kann!
In meines Herzens höchster Reine
kenn ich der Treue Hochgebot.
Wem ich sie weih, schenk ich die eine;
die Treue bis zum Tod.
  HOLLÄNDER
(mit Erhebung)

Ein heil'ger Balsam meinen Wunden
dem Schwur, dem hohen Wort entfliesst.
Hört es: mein Heil hab ich gefunden,
ihr Mächte, die ihr zurück mich stiesst!
Du, Stern des Unheils, sollst erblassen!
Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!
Ihr Engel, die mich einst verlassen,
stärkt jetzt dies Herz in seiner Treu!






Music
SENTA

Von mächt'gem Zauber überwunden,
reisst mich's zu seiner Rettung fort;
hier habe Heimat er gefunden,
hier ruh sein Schiff in sichrem Port!
Was ist's, das mächtig in mir lebet?
Was schliesst berauscht mein Busen ein?
Allmächt'ger, was so hoch mich erhebet,
lass es die Kraft der Treue sein!

Music
DALAND
(tritt wieder auf)

Verzeiht! Mein Volk hält draussen sich nicht mehr;
nach jeder Rückkunft, wisset, gibt's ein Fest:
verschönern möcht ich's, komme deshalb her, -
ob mit Verlobung sich's vereinen lässt?

(zum Holländer)

Ich denk, ihr habt nach Herzenswunsch gefreit? -

(zu Senta)

Senta, mein Kind sag, bist auch du bereit?
  SENTA
(mit feierlicher Entschlossenheit)

Hier meine Hand! Und ohne Reu'
bis in den Tod gelob ich Treu'!
HOLLÄNDER

Sie reicht die Hand! Gesprochen sei
Hohn, Hölle, dir! Hohn, Hölle, dir durch ihre Treu'!
DALAND

Euch soll dies Bündnis nicht gereun!
Zum Fest! Heut soll sich alles freun!
(Der Vorhang fällt)