RichardWagner
Libretti
Lohengrin

ZWEITER AUFZUG ACT TWO
ERSTE SZENE SCENE ONE
(In der Burg von Antwerpen. In der Mitte des Hintergrundes der Palas [Ritterwohnung], links im Vordergrunde die Kemenate [Frauenwohnung]; rechts im Vordergrunde die Pforte des Münsters; ebenda im Hintergrunde das Turmtor. Es ist Nacht. Die Fenster des Palas sind hell erleuchtet; aus dem Palas hört man jubelnde Musik; Hörner und Posaunen klingen lustig daraus her. Auf den Stufen zur Münsterpforte sitzen Friedrich und Ortrud, beide in düsterer ärmlicher Kleidung. Ortrud, die Arme auf die Knie gestützt, heftet unverwandt ihr Auge auf die leuchtenden Fenster des Palas; Friedrich blickt finster zur Erde. Langes düstres Schweigen) Music (The fortress at Antwerp. Middle background the Palas [knights' quarters], left foreground the Kemenate [ladies' chambers], right foreground the portal of the minister, exactly behind it the castle gate. It is night. The windows of the Palas are brightly lit; from the building can be heard the sound of triumphal music, horns and trumpets playing merrily into the night. Friedrich and Ortrud are sitting on the steps leading up to the minister portal. Both are dressed in dark, shabby clothes. Ortrud, resting her head in her hands, is staring at the brightly lit windows of the Palas; Friedrich is looking sullenly at the ground. Long, gloomy silence)
FRIEDRICH
(erhebt sich rasch)

Erhebe dich, Genossin meiner Schmach!
Der junge Tag darf hier uns nicht mehr sehn.
FRIEDRICH
(suddenly standing up)

Arise, companion of my shame!
Daybreak must not find us here.
ORTRUD
(ohne ihre Stellung zu ändern)

Ich kann nicht fort, hierher bin ich gebannt.
Aus diesem Glanz des Festes unsrer Feinde
lass saugen mich ein furchtbar tödlich Gift,
das unsre Schmach und ihre Freuden ende!
ORTRUD
(without changing position)

I cannot go, I am bound here as if by a spell.
From the splendour of this our enemy's feast
let me suck a terrible, dearly poison
that will end our shame and their joy!
FRIEDRICH
(finster vor Ortrud hintretend)

Du fürchterliches Weib, was bannt mich noch
in deine Nähe?

(mit schnell wachsender Heftigkeit)

Warum lass ich dich nicht
allein, und fliehe fort, dahin, dahin,

(schmerzlich)

wo mein Gewissen Ruhe wieder fänd!

(im heftigsten Ausbruch schmerzlicher
Leidenschaft und Wut)


Durch dich musst ich verlieren
mein Ehr, all meinen Ruhm;
nie soll mich Lob mehr zieren,
Schmach ist mein Heldentum!
Die Acht ist mir gesprochen,
zertrümmert liegt mein Schwert,
mein Wappen ward zerbrochen,
verflucht mein Vaterherd!
Wohin ich nun mich wende,
geflohn, gefemt bin ich,
dass ihn mein Blick nicht schände,
flieht selbst der Räuber mich!
O hätt ich Tod erkoren,

(fast weinend)

da ich so elend bin!

(in höchster Verzweiflung)

Mein Ehr hab ich verloren,
mein Ehr, mein Ehr ist hin!
FRIEDRICH
(moving over to Ortrud, darkly)

O fearful woman, what spell binds me
to you still?



Why do I not leave you be
and run away, away



to where my conscience might find peace again!




Through you I lost
my honour, all my glory;
never again shall praise adorn me,
my knighthood is but shame!
I am condemned as an outlaw,
my sword lies smashed,
my coat of arms broken,
and cursed is the house of my fathers!
Wherever I turn
I am shunned, condemned;
lest he be defiled by my countenence,
even the robber flees me!
Would that I had chosen death,



for I am so wretched!



I have lost my honour,
my honour, my honour is no more!
(Er stürzt, von wütendem Schmerz überwältigt, zu Boden. - Musik aus dem Palas) (He falls to the ground, overcome with grief. Music is heard from Palas)
ORTRUD
(immer in ihrer ersten Stellung,
während Friedrich sich erhebt)


Was macht dich in so wilder Klage doch
vergehn?
ORTRUD
(still in her first position;
as Friedrich is geting up)


What drives you to such
wild lament?
FRIEDRICH

Dass mir die Waffe selbst geraubt,

(mit einer heftigen Bewegung gegen Ortrud)

mit der ich dich erschlüg!
FRIEDRICH

The fact that I have been robbed of the very weapon

(violently gesturing towards Ortrud)

with which I would strike you down!
ORTRUD
(mit ruhigem Horn)

Friedreicher Graf
von Telramund! weshalb misstraust du mir?
ORTRUD


Peace-loving Count
of Telramund! Why do you mistrust me?
FRIEDRICH

Du fragst? War's nicht dein Zeugnis, deine Kunde,
die mich bestrickt, die Reine zu verklagen?
Die du im düstren Wald zu Haus, logst du
mir nicht, von deinem wilden Schlosse aus
die Untat habest du verüben sehn? -
mit eignem Aug, wie Elsa selbst den Bruder
im Weiher dort ertränkt? - Umstricktest du
mein stolzes Herz durch die Weissagung nicht,
bald würde Radbods alter Fürstenstamm
von neuem grünen und herrschen in Brabant?
Bewogst du so mich nicht, von Elsas Hand,
der Reinen, abzustehn und dich zum Weib
zu nehmen, weil du Radbods letzter Spross?
FRIEDRICH

You dare ask me? Was it not your evidence, your word
that lured me into accusing the innocent one?
Did you not lie to me, saying that
from your wild castle your own eyes bore witness
to the crime being carried out in the dark wood around you,
that you saw Elsa herself drown her brother
in the pond there? Did you not ensnare
my proud heart by prophesying
that the ancient House of Radbod
would blossom anew and rule in Brabant?
Did you not induce me to renounce the
hand of Elsa, the innocent one, and to take you
for my wife, because you are the last in the Radbod line?
ORTRUD
(leise, doch grimmig)

Ha, wie tödlich du mich kränkst! -

(laut)

Dies alles, ja, ich sagt und zeugt es dir!
ORTRUD
(softly, but grimly)

Ah, your words cut me to the quick!

(aloud)

Yes, I said and testified all this to you!
FRIEDRICH
(sehr lebhaft)

Und machtest mich, des Name hochgeehrt,
des Leben aller höchsten Tugend Preis,
zu deiner Lüge schändlichem Genossen?
FRIEDRICH


And did you not make me, whose name was esteemed,
a man of the very highest virtue,
the shameful companion of your lies?
ORTRUD
(trotzig)

Wer log?
ORTRUD


Who lied?
FRIEDRICH

Du! - Hat nicht durch sein Gericht
Gott mich dafür geschlagen?
FRIEDRICH

You! Did God not pass judgement
and punish me for having done so?
ORTRUD
(mit fürchterlichem Hohne)

Gott?
ORTRUD


God?
FRIEDRICH

Entsetzlich!
Wie tönt aus deinem Munde furchtbar der Name!
FRIEDRICH

O horror!
How dreadful his name sounds from your lips!
ORTRUD

Ha, nennst du deine Feigheit Gott?
ORTRUD

Ah, do you call your cowardice God?
FRIEDRICH

Ortrud!
FRIEDRICH

Ortrud!
ORTRUD

Willst du mir drohn? Mir, einem Weibe, drohn?
O Feiger! Hättest du so grimmig ihm
gedroht, der jetzt dich in das Elend schickt,
wohl hättest Sieg für Schande du erkauft!

(langsam)

Ha, wer ihm zu entgegnen wüsst, der fänd
ihn schwächer als ein Kind!
ORTRUD

Do you mean to threaten me? Me, a woman?
O you coward! Had you but addressed such grim
threats to him who now sends you into the misery of exile,
you would have bought victory for ignominy!



Ha! He who knew how to match him would find him
weaker than a child!
FRIEDRICH

Je schwächer er,
desto gewalt'ger kämpfte Gottes Kraft!
FRIEDRICH

The weaker he was,
the greater the might of God in battle!
ORTRUD

Gottes Kraft? Ha, ha!
Gib mir die Macht, und sicher zeig ich dir,
welch schwacher Gott es ist, der ihn beschützt.
ORTRUD

The might of God? Ha, ha!
Give me the power and I will surely show you
what a weak god it is that protects him.
FRIEDRICH
(von Schauer ergriffen, mit leiser,
bebender Stimme)


Du wilde Seherin, wie willst du doch
geheimnisvoll den Geist mir neu berücken!
FRIEDRICH
(shuddering with fear)


O wild seer, do you mean
by secret means to enchant my reason anew?
ORTRUD
(auf den Palas deutend, in dem
das Licht verlöscht ist)


Die Schwelger streckten sich zur üpp'gen Ruh; -
setz dich zur Seite mir! Die Stund ist da,
wo dir mein Seherauge leuchten soll!

(Während des Folgenden nähert
sich Friedrich, wie unheimlich von
ihr angezogen, Ortrud immer mehr und neigt
sein Ohr aufmerksam zu ihr herab)


Weisst du, wer dieser Held, den hier
ein Schwan gezogen an das Land?
ORTRUD
(pointing to the Palas, in which
the lights have been extinguished)


The revellers have lain down to sumptuous rest.
Sit down beside me! The hour has come
for my prophetic eye to enlighten you!

(During the following, Friedrich
moves ever closer to Ortrud,
as if drawn by a mysterious power;
he listens to her attentively)


Do you know who this knight is
who was brought ashore by a swan?
FRIEDRICH

Nein!
FRIEDRICH

No!
ORTRUD

Was gäbst du doch, es zu erfahren,
wenn ich dir sag: ist er gezwungen,
zu nennen, wie sein Nam und Art,
all seine Macht zu Ende ist,
die mühvoll ihm ein Zauber leiht?
ORTRUD

What would you give to find out
if I told you that, were he forced
to reveal his name and origin,
that strength would vanish
that is granted him by magic alone?
FRIEDRICH

Ha! Dann begriff ich sein Verbot!
FRIEDRICH

Ah! Now I understand his interdict!
ORTRUD

Nun hör! Niemand hier hat Gewalt,
ihm das Geheimnis zu entreissen,
als die, der er so streng verbot,
die Frage je an ihn zu tun.
ORTRUD

Listen! Nobody here has the power
to draw that secret from him
save she whom he so strongly forbade
ever to ask him the question.
FRIEDRICH

So gält es, Elsa zu verleiten,
dass sie die Frag ihm nicht erliess?
FRIEDRICH

So Elsa must be brought to the point
where she asks him the question?
ORTRUD

Ha, wie begreifst du schnell und wohl!
ORTRUD

Ha, how quickly, how well you take my meaning!
FRIEDRICH

Doch wie soll das gelingen?
FRIEDRICH

But how can that be done?
ORTRUD

Hör! -
Vor allem gilt's, von hinnen nicht
zu fliehn; drum schärfe deinen Witz!
Gerechten Argwohn ihr zu wecken,
tritt vor, (sehr bestimmt) klag ihn des Zaubers an,
mit dem er das Gericht getäuscht!
ORTRUD

Listen!
The most important thing is not
to flee this place; so use your wit!
To arouse just suspicion in her,
come forward and accuse him of having used magic
to confound the trial!
FRIEDRICH
(mit fürchterlich wachsender
innerer Wut)


Ha! Trug und Zaubers List! -
FRIEDRICH



Ha! Deception and the cunning of magic!
ORTRUD

Missglückt's,
so bleibt ein Mittel der Gewalt!
ORTRUD

Should this fail,
there is always the possibility of using force!
FRIEDRICH

Gewalt?
FRIEDRICH

Force?
ORTRUD

Umsonst nicht bin ich in
geheimsten Künsten tief erfahren;
drum achte wohl, was ich dir sage!
Jed Wesen, das durch Zauber stark, -
wird ihm des Leibes kleinstes Glied
entrissen nur, muss sich alsbald
ohnmächtig zeigen, wie es ist.
ORTRUD

Not for nothing am I
versed in the darkest of arts;
so heed what I say to you!
Every creature that is made strong by magic,
should but the smallest part of its body
be torn off, it will immediately
show itself to be powerless as it really is.
FRIEDRICH

Ha, sprächst du wahr!
FRIEDRICH

Ha, were that true!
ORTRUD
(lebhaft)

O hättest du
im Kampf nur einen Finger ihm,
ja, eines Fingers Glied entschlagen,
der Held - er war in deiner Macht!
ORTRUD


Had you but
cut off a finger during the fight,
even just the joint of a finger,
the knight would have been in your power!
FRIEDRICH
(ausser sich)

Entsetzlich! Ha, was lässest du mich hören!
Durch Gott geschlagen wähnt ich mich: -

(mit furchtbarer Bitterkeit)

Nun liess durch Trug sich das Gericht betören,
durch Zaubers List verlor mein Ehre ich!
Doch meine Schande könnt ich rächen,
bezeugen könnt ich meine Treu?
Des Buhlen Trug, ich könnt ihn brechen,
und meine Ehr gewänn ich neu!
O Weib, das in der Nacht ich vor mir seh, -
betrügst du jetzt mich noch, dann weh dir! Weh!
FRIEDRICH


O horror! Ha, what is this that I hear?
I imagined myself to have been beaten by God;



but the trial was confounded by deception,
through magic's cunning I lost my honour!
But I could avenge my shame,
I could prove my honesty?
I could smash the lover's deception
and win back my honour?
O woman, whom I see before me in the night,
if you are deceiving me again, woe betide you! Woe!
ORTRUD

Ha, wie du rasest! Ruhig und besonnen!
So lehr ich dich der Rache süsse Wonnen!
ORTRUD

Ha, how you rave! Be calm and collected!
I will teach you the sweet delights of revenge!
(Friedrich setzt sich langsam an Ortruds Seite auf die Stufen nieder) (Friedrich slowly sits down beside Ortrud on the steps)
ORTRUD UND FRIEDRICH

Der Rache Werk sei nun beschworen
aus meines Busens wilder Nacht!
Die ihr in süssem Schlaf verloren,
wisst, dass für euch das Unheil wacht!


Music

Music
ORTRUD AND FRIEDRICH

May the work of revenge be conjured up
from the wild night of my breast!
You who are lost in sweet sleep,
know that disaster awaits you!