RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

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VORSPIEL
ERSTER AUFZUG
ERSTE SZENE

Die Bühne stellt das Innere der Katharinenkirche in schrägem Durchschnitt dar; von dem Hauptschiff, welches links ab, dem Hintergrunde zu, sich ausdehnend anzunehmen ist, sind nur noch die letzten Reihen der Kirchenstühlbänke sichtbar: den Vordergrund nimmt der freie Raum vor dem Chor ein; dieser wird später durch einen schwarzen Vorhang gegen das Schiff zu gänzlich geschlossen. (In der letzten Reihe der Kirchenstühle sitzen Eva und Magdalene; Walther von Stolzing steht, in einiger Entfernung, zur Seite an eine Säule gelehnt, die Blicke auf Eva heftend, die sich mit stummem Gebärdenspiel wiederholt zu ihm umkehrt)
CHORAL DER GEMEINDE

Da zu dir der Heiland kam,

(Walther drückt durch Gebärde
eine schmachtende Frage an Eva aus)


willig seine Taufe nahm,

(Evas Blick und Gebärde sucht zu
antworten; doch beschämt schlägt
sie das Auge wieder nieder)


weihte sich dem Opfertod,

(Walther zärtlich, dann dringender)

gab er uns des Heils Gebot:

(Eva, Walthern schüchtern abweisend,
aber schnell wieder seelenvoll
zu ihm aufblickend)


das wir durch sein' Tauf' uns weihn,

(Walther: entzückt, höchste
Beteurungen, Hoffnung)


seines Opfers wert zu sein.

(Eva, selig lächelnd, dann beschämt
die Augen senkend)


Edler Täufer!

(Walther dringend, aber schnell
sich unterbrechend)


Christs Vorläufer!

(Er nimmt die dringende Gebärde
wieder auf, mildert sie aber
sogleich wieder, um dadurch
um eine Unterredung zu bitten)


Nimm uns gnädig an,
dort am Fluss Jordan!
(Die Gemeinde erhebt sich. Alles wendet sich dem Ausgange zu und verlässt unter dem Nachspiele allmählich die Kirche. Walther heftet in höchster Spannung seinen Blick auf Eva, welche ihren Sitz ebenfalls verlässt und, von Magdalene gefolgt, langsam in seine Nähe kommt. - Da Walther Eva sich nähern sieht, drängt er sich gewaltsam durch die Kirchgänger zu ihr.)
WALTHER
(leise, doch feurig zu Eva)

Verweilt! Ein Wort! Ein einzig Wort!
EVA
(sich schnell zu Magdalene umwendend)

Mein Brusttuch! schau! Wohl liegt's im Ort -
MAGDALENE

Vergesslich Kind! Nun heisst es: such'!

(Sie geht nach den
Kirchstühlen zurück.)
WALTHER

Fräulein, verzeiht der Sitte Bruch.
Eines zu wissen, Eines zu fragen,
was müsst' ich nicht zu brechen wagen?
Ob Leben oder Tod? Ob Segen oder Fluch?
Mit einem Worte sei mir's vertraut:
mein Fräulein, sagt...
MAGDALENE
(wieder zurückkommend)

Hier ist das Tuch.
EVA

O weh! Die Spange.
MAGDALENE

Fiel sie wohl ab?

(Sie geht abermals
suchend nach hinten.)
WALTHER

Ob Licht und Lust, oder Nacht und Grab?
Ob ich erfahr', wonach ich verlange,
ob ich vernehme, wovor mir graut: -
Mein Fräulein sagt...
MAGDALENE
(wieder zurückkommend)

Da ist auch die Spange. -
Komm, Kind! Nun hast du Spang' und Tuch...
O weh! da vergass ich selbst mein Buch!

(Sie geht nochmals eilig nach hinten.)
WALTHER

Dies eine Wort, ihr sagt mir's nicht?
Die Silbe, die mein Urteil spricht?
Ja oder nein! - ein flücht'ger Laut:

(entschlossen und hastig)

mein Fräulein, sagt, seid ihr schon Braut?
MAGDALENE
(die wieder zurückgekehrt ist
und sich vor Walthern verneigt)


Sieh da! Herr Ritter?
Wie sind wir hochgeehrt:
mit Evchens Schutze
habt ihr euch gar beschwert!
Darf den Besuch des Helden
ich Meister Pogner melden?
WALTHER
(leidenschaftlich)

O, betrat ich doch nie sein Haus!
MAGDALENE

Ei! Junker, was sagt ihr da aus?
In Nürnberg eben nur angekommen,
wart ihr nicht freundlich aufgenommen?
Was Küch' und Keller, Schrein und Schrank
euch bot, verdient es keinen Dank?
EVA

Gut Lenchen, ach! das meint er ja nicht;
doch von mir wohl wünscht er Bericht, -
wie sag' ich's schnell? Versteh' ich's doch kaum!
Mir ist, als wär' ich gar wie im Traum!
Er frägt, ob ich schon Braut?
MAGDALENE
(heftig erschrocken)

Hilf Gott! Sprich nicht so laut!
jetzt lass uns nach Hause gehn,
wenn uns die Leut' hier sehn!
WALTHER

Nicht eh'r, bis ich alles weiss!
EVA
(zu Magdalene)

's ist leer, die Leut' sind fort.
MAGDALENE

Drum eben wird mir heiss!
Herr Ritter, an andrem Ort!
(David tritt aus der Sakristei ein und macht sich darüber her, die schwarzen Vorhänge zu schliessen)
WALTHER
(dringend)

Nein! Erst dies Wort!
EVA
(bittend zu Magdalene)

Dies Wort?
(Magdalene, die sich bereits umgewendet, erblickt David und hält an)
MAGDALENE
(zärtlich, für sich)

David! Ei! David hier?
EVA

Was sag' ich? Sag' du's mir!
MAGDALENE
(wendet sich wieder zurück und zu
Walther, zerstreut, öfter nach David
sich umsehend)


Herr Ritter, was ihr die Jungfer fragt,
das ist so leichtlich nicht gesagt.
Fürwahr ist Evchen Pogner Braut -
EVA
(lebhaft unterbrechend)

Doch hat noch keiner den Bräut'gam erschaut!
MAGDALENE

Den Bräut'gam wohl noch niemand kennt,
bis morgen ihn das Gericht ernennt,
das dem Meistersinger erteilt den Preis -
EVA
(enthusiastisch)

Und selbst die Braut ihm reicht das Reis.
WALTHER
(verwundert)

Dem Meistersinger?
EVA
(bang)

Seid ihr das nicht?
WALTHER

Ein Werbgesang?
MAGDALENE

Vor Wettgericht.
WALTHER

Den Preis gewinnt?
MAGDALENE

Wen die Meister meinen.
WALTHER

Die Braut dann wählt?
EVA
(sich vergessend)

Euch oder keinen!
(Walther wendet sich, in grosser Aufregung auf und ab ghehend, zur Seite)
MAGDALENE
(sehr erschrocken)

Was, Evchen! Evchen! Bist du von Sinnen?
EVA

Gut Lene, hilf mir den Ritter gewinnen!
MAGDALENE

Sahst ihn doch gestern zum erstenmal?
EVA

Das eben schuf mir so schnelle Qual,
dass ich schon längst ihn im Bilde sah:
sag', trat er nicht ganz wie David nah?



Music
MAGDALENE
(höchst verwundert)

Bist du toll! Wie David?
EVA

Wie David im Bild?
MAGDALENE

Ach! meinst du den König mit der Harfen
und langem Bart in der Meister Schild?
EVA

Nein! der, des Kiesel den Goliath warfen,
das Schwert im Gurt, die Schleuder zur Hand,
das Haupt von lichten Locken umstrahlt,
wie ihn uns Meister Dürer gemalt!
MAGDALENE
(laut seufzend)

Ach, David! David!
DAVID
(der hinausgegangen und jetzt wieder
zurückkommt, ein Lineal im Gürtel und
ein grosses Stück weisser Kreide
an einer Schnur schwenkend)


Da bin ich; wer ruft?
MAGDALENE

Ach, David! Was ihr für Unglück schuft!

(beiseite)

Der liebe Schelm! Wüsst er's noch nicht?

(laut)

Ei seht, da hat er uns gar verschlossen?
DAVID
(zärtlich)

Ins Herz euch allein!
MAGDALENE
(feurig)

Das treue Gesicht!
Ei sagt! Was treibt ihr hier für Possen?
DAVID

Behüt es! Possen? Gar ernste Ding:
für die Meister hier richt' ich den Ring.
MAGDALENE

Wie? Gäb' es ein Singen?
DAVID

Nur Freiung heut':
der Lehrling wird da losgesprochen,
der nichts wider die Tabulatur verbrochen.
Meister wird, wen die Prob' nicht reut.
MAGDALENE

Da wär' der Ritter ja am rechten Ort. -
Jetzt, Evchen, komm! Wir müssen fort.
WALTHER
(schnell sich zu den Frauen wendend)

Zu Meister Pogner lasst mich euch geleiten.
MAGDALENE

Erwartet den hier, er ist bald da.
Wollt ihr Evchens Hand erstreiten,
rückt Zeit und Ort das Glück euch nah. -

(Zwei Lehrbuben kommen dazu
und tragen Bänke herbei)


Jetzt eilig von hinnen!
WALTHER

Was soll ich beginnen?
MAGDALENE

Lasst David euch lehren,
die Freiung begehren.
Davidchen! Hör'; mein lieber Gesell':
den Ritter hier bewahr' mir wohl zur Stell'!
Was Fein's aus der Küch'
bewahr' ich für dich,
und morgen begehr' du noch dreister,
wird hier der Junker heut' Meister!

(Sie drängt Eva zum Fortgehen)
EVA
(zu Walther)

Sch' ich euch wieder?
WALTHER
(sehr feurig)

Heut' abend gewiss!
Was ich will wagen,
wie könnt' ich's sagen?
Neu ist mein Herz, neu mein Sinn,
neu ist mir alles, was ich beginn'!
Eines nur weiss ich,
eines begreif' ich:
mit allen Sinnen
euch zu gewinnen!
Ist's mit dem Schwert nicht, muss es gelingen,
gilt es als Meister euch zu ersingen.
Für euch Gut und Blut,
  für euch Dichters heil'ger Mut!
EVA
(mit grosser Wärme)

Mein Herz, sel'ger Glut,
für euch liebesheil'ge Hut!
MAGDALENE

Schnell heim! Sonst geht's nicht gut!
(Magdalene zieht Eva eilig durch die Vorhänge nach sich fort)
DAVID
(der Walther verwunderungsvoll gemessen)

Gleich Meister? Oho! Viel Mut!
(Walther wirft sich, aufgeregt und brütend, in einen erhöhten, kathederartigen Lehnstuhl, welchen zuvor zwei Lehrbuben von der Wand ab, mehr nach der Mitte zu gerückt hatten.)