RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ERSTER AUFZUG)
ZWEITE SZENE

(Noch mehrere Lehrbuben sind eingetreten, sie tragen und stellen Bänke und bereiten alles zur Sitzung der Meistersinger vor)
1. LEHRBUBE

David! Was stehst?
2. LEHRBUBE

Greif ans Werk!
3. LEHRBUBE

Hilf uns richten das Gemerk!
DAVID

Zu eifrigst war ich vor euch allen;
schafft nun für euch, hab' ander Gefallen!
2. LEHRBUBE

Was der sich dünkt!
3. LEHRBUBE

Der Lehrling' Muster!
1. LEHRBUBE

Das macht, weil sein Meister ein Schuster!
2. LEHRBUBE

Beim Leisten sitzt er mit der Feder!
3. LEHRBUBE

Beim Dichten mit Draht und Pfriem!
1. LEHRBUBE

Sein' Verse schreibt er auf rohes Leder.
2. LEHRBUBE
(mit entsprechender Gebärde)

Das, dächt' ich, gerbten wir ihm!
(Sie machen sich lachend an die fernere Herrichtung)
DAVID
(nachdem er den sinnenden Ritter
eine Weile betrachtet ruft sehr stark)


"Fanget an!"
WALTHER
(verwundert aufblickend)

Was soll's?
DAVID
(noch stärker)

"Fanget an!" So ruft der "Merker":
nun sollt ihr singen! Wisst ihr das nicht?
WALTHER

Wer ist der Merker?
DAVID

Wisst ihr das nicht?
War't ihr noch nie bei 'nem Singgericht?
WALTHER

Noch nie, wo die Richter Handwerker.
DAVID

Seid ihr ein "Dichter"?
WALTHER

Wär' ich's doch!
DAVID

Seid ihr "Singer"?
WALTHER

Wüsst' ich's noch!
DAVID

Doch "Schulfreund" wart hhr, und "Schüler" zuvor?
WALTHER

Das klingt mir alles fremd vorm Ohr!
DAVID

Und so gradhin wollt ihr Meister werden?
WALTHER

Wie machte das so grosse Beschwerden?
DAVID

O Lene! Lene!
WALTHER

Wie ihr doch tut!
DAVID

O Magdalene!
WALTHER

Ratet mir gut!
DAVID
(setzt sich in Positur)

Mein Herr! Der Singer Meisterschlag
gewinnt sich nicht an einem Tag.
In Nürenberg der grösste Meister
mich lehrt die Kunst Hans Sachs!
Schon voll ein Jahr mich unterweist er,
dass ich als Schüler wachs'.
Schuhmacherei und Poeterei,
die lern' ich da alleinerlei;
hab' ich das Leder glatt geschlagen,
lern' ich Vokal und Konsonanz sagen;
wichst' ich den Draht erst fest und steif,
was sich dann reimt, ich wohl begreif'.
Den Pfriemen schwingend
im Stich die Ahl',
was stumpf, was klingend,
was Mass, was Zahl -
den Leisten im Schurz,
was lang, was kurz,
was hart, was lind,
hell oder blind,
was Waisen, was Milben,
was Klebsilben,
was Pausen, was Körner,
was Blumen, was Dörner, -
das alles lernt' ich mit Sorg' und Acht:
wie weit nun, meint ihr, dass ich's gebracht?
WALTHER

Wohl zu 'nen Paar recht guter Schuh'?
DAVID

Ja, dahin hat's noch gute Ruh'!
Ein "Bar" hat manch' Gesätz' und Gebänd';
wer da gleich die rechte Regel fänd',
die richt'ge Naht
und den rechten Draht,
mit gut gefügten "Stollen"
den Bar recht zu versohlen.
Und dann erst kommt der "Abgesang",
dass er nicht kurz und nicht zu lang,
und auch keinen Reim enthält,
der schon im Stollen gestellt.
Wer alles das merkt, weiss und kennt,
wird doch immer noch nicht Meister genennt.
WALTHER

Hilf Gott! Will ich denn Schuster sein?
In die Singkunst lieber führ' mich ein!




Music
DAVID

Ja - hätt' ich's nur selbst schon zum Singer gebracht!
Wer glaubt wohl, was das für Mühe macht?
Der Meister Tön' und Weisen,
gar viel an Nam' und Zahl,
die starken und die leisen,
wer die wüsste allzumal!
Der kurze, lang' und überlang' Ton,
die Schreibpapier-, Schwarztintenweis';
der rote, blau' und grüne Ton;
die Hageblüh-, Strohhalm-, Fenchelweis';
der zarte, der süsse, der Rosenton;
die Rosmarin-, Gelbveigleinweis',
die Regenbogen-, die Nachtigallweis';
die englische Zinn-, die Zimmtröhrenweis';
frisch Pomeranzen-, grün Lindenblüh'weis';
die Frösch-, die Kälber-, die Stieglitzweiss',
die abgeschied'ne Vielfrassweis',
der Lerchen, der Schnekken-, der Bellerton,
die Melissenblümlein-, die Meiranweis',

(gefühlvoll)

Gelblöwenhaut-, treu Pelikanweis',

(prunkvoll)

die buntglänzende Drahtweis'!
WALTHER

Hilf Himmel! Welch endlos Tönegeleis'!
DAVID

Das sind nur die Namen; nun lernt sie singen,
recht, wie die Meister sie gestellt.
Jed' Wort und Ton muss klärlich klingen,
wo steigt die Stimm', und wo sie fällt;
fangt nicht zu hoch, zu tief nicht an,
als es die Stimm' erreichen kann.
Mit dem Atem spart, dass er nicht knappt,
und gar am End' ihr überschnappt;
vor dem Wort mit der Stimme ja nicht summt,
nach dem Wort mit dem Mund auch nicht brummt.
Nicht ändert an Blum' und Koloratur,
jed' Zierat fest nach des Meisters Spur.
Verwechseltet ihr, würdet gar irr,
verlört ihr euch und kämt ins Gewirr:
wärt ihr euch alles auch gelungen,
da hättet ihr gar "versungen"!
Trotz grossem Fleiss und Emsigkeit,
ich selbst noch bracht' es nicht so weit.
So oft ich's versuch' und's nicht gelingt,
die "Knieriemschlagweis" der Meister mir singt.

(sanft)

Wenn dann Jungfer Lene nicht Hilfe weiss,

(greinend)

sing' ich die "eitel Brot- und Wasserweis'!"
Nehmt euch ein Beispiel dran,
und lasst vom Meisterwahn!
Denn "Singer" und "Dichter" müsst ihr sein,
eh' ihr zum "Meister" kehret ein.
WALTHER

Wer ist nun "Dichter"?
LEHRBUBEN
(während der Arbeit)

David! Kommst her?
DAVID
(zu den Lebrbuben)

Wartet nur - Gleich!

(schnell wieder zu Walther
sich wendend)


Wer Dichter wär'?
Habt ihr zum "Singer" euch aufgeschwungen
und der Meister Töne richtig gesungen,
fügtet ihr selbst nun Reim' und Wort',
dass sie genau an Stell' und Ort
passten zu eines Meisterston,
dann trügt ihr den Dichterpreis davon.
LEHRBUBEN

He! David! Soll man's dem Meister klagen?
Wirst dich bald deines Schwatzens entschlagen?
DAVID

Oho! Ja wohl! denn helf' ich euch nicht,
ohne mich wird alles doch falsch gericht'!

(Er will sich zu ihnen wenden)
WALTHER
(ihn zurückhaltend)

Nur dies noch: wer wird "Meister" genannt?
DAVID
(schnell wieder umkehrend)

Damit, Herr Ritter, ist's so bewandt:

(mit sehr tiefsinniger Miene)

Der Dichter, der aus eig'nem Fleisse
zu Wort' und Reimen, die er erfand,
aus Tönen auch fügt eine neue Weise:
der wird als "Meistersinger" erkannt.
WALTHER

So bleibt mir einzig der Meisterlohn!
Muss ich singen
kann's nur gelingen,
find' ich zum Vers auch den eig'nen Ton.
DAVID
(der sich zu den Lehrbuben
gewendet hat)


Was mach ihr denn da? Ja, fehl' ich beim Werk,
verkehrt nur richtet ihr Stuhl und Gemerk!

(Er wirft polternd und lärmend
die Anordnungen der Lehrbuben
in betreff des Gemerkes um)


Ist denn heut' Singschul'? Dass ihr's wisst!
Das kleine Gemerk'! Nur Freiung ist.
(Die Lehrbuben, welche in der Mitte der Bühne ein grösseres Gerüste mit Vorhängen aufgeschlagen hatten, schaffen auf Davids Weisung dies schnell beiseite und stellen dafür ebenso eilig ein geringeres Brettergerüst auf; darauf stellen sie einen Stuhl, mit einem kleinen Pult davor, daneben eine grosse schwarze Tafel, daran die Kreide am Faden aufgehängt wird; um das Gerüst sind schwarze Vorhänge angebracht, welche zunächst hinten und an den beiden Seiten, dann auch vorn ganz zusammengezogen werden)
LEHRBUBEN
(während der Herrichtung)

Aller End' ist doch David der Allergescheit'st,
nach hohen Ehren ganz sicher er geizt.
's ist Freiung heut',
gewiss er freit,
als vornehmer Singer er schon sich spreizt!
Die "Schlagreime" fest er inne hat,
"Arm Hungerweise" singt er glatt!
Doch die "harte Trittweis'", die kennt er am best',

(mit der Gebärde zweier Fusstritte)

die trat ihm der Meister hart und fest.

(Sie lachen)
































Music

Music
DAVID

Ja, lacht nur zu! Heut' bin ich's nicht.
Ein andrer stellt sich zum Gericht:
der war nicht "Schüler", ist nicht "Singer"
den "Dichter", sagt er, überspring' er;
denn er ist Junker,
und mit einem Sprung er
denkt, ohne weit're Beschwerden
heut' hier "Meister" zu werden.
Drum richtet nur fein
das Gemerk dem ein!

(während die Lehrbuben
vollends aufrichten)


Dorthin! Hierher! Die Tafel an die Wand,
so dass sie recht dem Merker zur Hand!

(zu Walther sich umwendend)

Ja, ja dem "Merker"! Wird euch wohl bang?
Vor ihm schon mancher Werber versang.
Sieben Fehler gibt er euch vor,
die merkt er mit Kreide dort an;
wer über sieben Fehler verlor,
hat versungen und ganz vertan!
Nun nehmt euch in acht:
Der Merker wacht!

(derb in die Hände schlagend)

Glück auf zum Meistersingen!
Mögt euch das Kränzlein erschwingen!
Das Blumenkränzlein aus Seiden fein
wird das dem Herrn Ritter beschieden sein?
(Die Lehrbuben, welche zu gleicher Zeit das Gemerk geschlossen haben, fassen sich an und tanzen einen verschlungenen Reigen um dasselbe)
LEHRBUBEN
(zusammen)

Das Blumenkränzlein aus Seiden fein,
wird das dem Herrn Ritter beschieden sein?
(Die Lehrbuben fahren sogleich erschrocken auseinander, als die Sakristei aufgeht und Pogner mit Beckmesser eintritt; sie ziehen sich nach hinten zurück.)