RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ERSTER AUFZUG)
DRITTE SZENE

(Die Einrichtung ist nun folgendermassen beendigt: zur Seite rechts sind gepolsterte Bänke in der Weise aufgestellt, dass sie einen schwachen Halbkreis nach der Mitte zu bilden. Am Ende der Bänke, in der Mitte der Bühne, befindet sich das "Gemerk" benannte Gerüste, welches zuvor hergerichtet worden. Zur linken Seite steht nur der erhöhte kathederartige Stuhl ("der Singstuhl") der Versammlung gegenüber. Im Hintergrunde, den grossen Vorhang entlang, steht eine lange niedere Bank für die Lehrlinge. - Walther, verdriesslich über das Gespött der Knaben, hat sich auf die vordere Bank niedergelassen. Pogner ist mit Beckmesser im Gespräch aus der Sakristei aufgetreten. Die Lehrbuben harren ehrerbietig vor der hinteren Bank stehend. Nur David stellt sich anfänglich am Eingang bei der Sakristei auf)
POGNER

Seid meiner Treue wohl versehen,
was ich bestimmt, ist euch zu Nutz:
im Wettgesang müsst ihr bestehen,
wer böte euch als Meister Trutz?
BECKMESSER

Doch wollt ihr von dem Punkt nicht weichen,
der mich - ich sag's - bedenklich macht:
kann Evchens Wunsch den Werber streichen,
was nützt mir meine Meisterpracht?
POGNER

Ei sagt, ich mein', vor allen Dingen
sollt' euch an dem gelegen sein?
Könnt ihr der Tochter Wunsch nicht zwingen,
wie möchtet ihr wohl um sie frei'n?
BECKMESSER

Ei ja! Gar wohl! Drum eben bitt' ich,
dass bei dem Kind ihr für mich sprecht,
wie ich geworben zart und sittig,
und wie Beckmesser grad' euch recht.
POGNER

Das tu ich gern.
BECKMESSER
(beiseite)

Er lässt nicht nach.
Wie wehrt' ich da 'nem Ungemach?
WALTHER
(der, als er Pogner gewahrt,
aufgestanden und ihm entgegen
gegangen ist, verneigt sich vor ihm.)


Gestattet, Meister!
POGNER

Wie, mein Junker?
Ihr sucht mich in der Singschul' hie?
(Pogner und Walther wechseln Begrüssungen)
BECKMESSER
(immer beiseite)

Verstünden's die Frau'n; doch schlechtes Geflunker
gilt ihnen mehr als all' Poesie!

(Er geht verdriesslich
im Hintergrunde auf und ab)
WALTHER

Hier eben bin ich am rechten Ort:
gesteh' ich's frei, vom Lande fort
was mich nach Nürnberg trieb,
war nur zur Kunst die Lieb'.
Vergass ich's gestern euch zu sagen,
heut' muss ich's laut zu künden wagen:
ein Meistersinger möcht' ich sein!

(sehr innig)

Schliesst, Meister, in die Zunft mich ein!
(Kunz Vogelgesang und Konrad Nachtigall sind eingetreten.)




Music
POGNER
(freudig zu den Hinzutretenden
sich wendend)


Kunz Vogelgesang! Freund Nachtigall!
Hört doch, welch ganz besond'rer Fall:
der Ritter hier, mir wohlbekannt,
hat der Meisterkunst sich zugewandt.
(Vorstellungen und Begrüssungen; andre Meistersinger treten noch hinzu)
BECKMESSER
(wieder in der Vordergrund
tretend, für sich)


Noch such' ich's zu wenden; doch sollt's nicht gelingen,
versuch' ich des Mädchens Herz zu ersingen:
in stiller Nacht, von ihr nur gehört,
erfahr' ich, ob auf mein Lied sie schwört.

(Walther erblickend)

Wer ist der Mensch?
POGNER
(sehr warm zu Walther fortfahrend)

Glaubt, wie mich's freut!
Die alte Zeit dünkt mich erneut.
BECKMESSER
(immer noch für sich)

Er gefällt mir nicht!
  POGNER

Was ihr begehrt,
soviel an mir, sei's euch gewährt.
BECKMESSER

Was will er hier? Wie der Blick ihm lacht!
  POGNER

Half ich euch gern bei des Guts Verkauf,
in die Zunft nun nehm' ich Eudi gleich gern auf.
BECKMESSER

Holla! Sixtus! Auf den hab' acht!
WALTHER
(zu Pogner)

Habt Dank der Güte
aus tiefstem Gemüte!
Und darf ich denn hoffen,
steht heut' mir noch offen,
zu werben um den Preis,
dass Meistersinger ich heiss'?
BECKMESSER

Oho! Fein sacht! Auf dem Kopf steht kein Kegel!
POGNER

Herr Ritter, dies geh' nun nach der Regel.
Doch heut' ist Freiung, ich schlag' euch vor,
mir leihen die Meister ein willig Ohr.
(Die Meistersinger sind nun alle angelangt, zuletzt auch Hans Sachs.)
SACHS

Gott grüss' euch, Meister!
VOGELGESANG

Sind wir beisammen?
BECKMESSER

Der Sachs ist ja da!
NACHTIGALL

So ruft die Namen!
KOTHNER
(zieht eine Liste hervor, stellt sich
zur Seite auf und ruft laut)


Zu einer Freiung und Zunftberatung
ging an die Meister ein' Einladung:
bei Nenn' und Nam',
ob jeder kam,
ruf' ich nun auf als Letztentbot'ner,
der ich mich nenn' und bin Fritz Kothner.
Seid ihr da, Veit Pogner?
POGNER

Hier zur Hand!

(setzt sich)
KOTHNER

Kunz Vogelgesang?
VOGELGESANG

Ein sich fand.

(setzt sich)
KOTHNER

Hermann Ortel?
ORTEL

Immer am Ort.

(setzt sich)
KOTHNER

Balthasar Zorn?
ZORN

Bleibt niemals fort.

(setzt sich)
KOTHNER

Konrad Nachtigall?
NACHTIGALL

Treu seinem Schlag.

(setzt sich)
KOTHNER

Augustin Moser?
MOSER

Nie fehlen mag.

(setzt sich)
KOTHNER

Niklaus Vogel? Schweigt?
LEHRBUBE
(von der Bank aufstehend)

Ist krank!
KOTHNER

Gut Bess'rung dem Meister!
ALLE MEISTER

Walt's Gott!
LEHRBUBE

Schön' Dank!

(Er setzt sich wieder nieder.)
KOTHNER

Hans Sachs?
DAVID
(vorlaut sich erhebend
und auf Sachs zeigend)


Da steht er!
SACHS
(drohend zu David)

Juckt dich das Fell?
Verzeiht, Meister! Sachs ist zur Stell'!

(setzt sich)
KOTHNER

Sixtus Beckmesser?
BECKMESSER
(während er sich setzt)

Immer bei Sachs,
dass den Reim ich lern von "blüh'" und "wachs"

(Sachs lacht)
KOTHNER

Ulrich Eisslinger?
EISSLINGER

Hier.

(setzt sich)
KOTHNER

Hans Foltz?
FOLTZ

Bin da.

(setzt sich)
KOTHNER

Hans Schwarz?
SCHWARZ

Zuletzt: Gott wollt's.

(setzt sich)
KOTHNER

Zur Sitzung gut und voll die Zahl.
Beliebt's, wir schreiten zur Merkerwahl?
VOGELGESANG

Wohl eh'r nach dem Fest?
BECKMESSER
(zu Kothner)

Pressiert's den Herrn?
Mein' Stell' und Amt lass' ich ihm gern.
POGNER

Nicht doch, ihr Meister, lasst das jetzt fort.
Für wicht'gen Antrag bitt' ich ums Wort.
(Die Meister stehen auf, nicken Kothner zu und setzen sich wieder)
KOTHNER

Das habt ihr; Meister, sprecht!



Music
POGNER

Nun hört und versteht mich recht!
Das schöne Fest, Johannistag,
ihr wisst, begeh'n wir morgen;
auf grüner Au', am Blumenhag,
bei Spiel und Tanz im Lustgelag,
an froher Brust geborgen,
vergessen seiner Sorgen,
ein jeder freut sich, wie er mag.
Die Singschul' ernst im Kirchenchor
die Meister selbst vertauschen,
mit Kling und Klang hinaus zum Tor
auf off'ne Wiese zieh'n sie vor,
bei hellen Festes Rauschen
das Volk sie lassen lauschen
dem Freigesang mit Laienohr.
Zu einem Werb- und Wettgesang
gestellt sind Siegespreise,
und beide rühmt man weit und lang,
die Gabe wie die Weise.
Nun schuf mich Gott zum reichen Mann;
und gibt ein jeder, wie er kann,
so musste ich wohl sinnen,
was ich gäb' zu gewinnen,
dass ich nicht käm' zuschand';
so hört denn, was ich fand. -
In deutschen Landen viel gereist,
hat oft es mich verdrossen,
dass man den Bürger wenig preist,
ihn karg nennt und verschlossen.
An Höfen, wie an nied'rer Statt,
des bitt'ren Tadels ward' ich satt,
dass nur auf Schacher und Geld
sein Merk der Bürger stellt.
Dass wir im weiten deutschen Reich
die Kunst einzig noch pflegen,
dran dünkt ihnen wenig gelegen.
Doch wie uns das zur Ehre gereich',
und dass mit hohem Mut
wir schätzen, was schön und gut,
was wert die Kunst, und was sie gilt,
das ward ich der Welt zu zeigen gewillt,
drum hört, Meister, die Gab',
die als Preis bestimmt ich hab'!
Dem Singer, der im Kunstgesang
vor allem Volk den Preis errang
am Sankt Johannistag,
sei er, wer er auch mag,
dem geb' ich, ein Kunstgewog'ner,
von Nürenberg Veit Pogner,
mit all meinem Gut, wie's geh' und steh',
Eva, mein einzig Kind, zur Eh'!
DIE MEISTERSINGER
(sich erhebend und sehr lebhaft durcheinander)

Das heisst ein Wort, ein Wort, ein Mann!
Da sieht man, was ein Nürnberger kann!
Drob preist man euch noch weit und breit,
den wack'ren Bürger, Pogner Veit!
  LEHRBUBEN
(lustig aufspringend)

Alle Zeit! Weit und breit!
Pogner Veit!
VOGELGESANG

Wer möchte da nicht ledig sein!
SACHS

Sein Weib gäb' mancher gern wohl drein!
KOTHNER

Auf, ledig' Mann!
jetzt macht euch 'ran!
(Die Meister setzen sich allmählich wieder nieder, die Lehrbuben ebenfalls)





Music
POGNER

Nun hört noch, wie ich's ernstlich mein'!
Ein leblos' Gabe stell' ich nicht;
ein Mägdlein sitzt mit zum Gericht:
den Preis erkennt die Meisterzunft;
doch, gilt's der Eh', so will's Vernunft,
dass ob der Meister Rat
die Braut den Ausschlag hat.
BECKMESSER
(zu Kothner gewandt)

Dünkt euch das klug?
KOTHNER

Versteh' ich gut,
Ihr gebt uns in des Mägdleins Hut?
BECKMESSER

Gefährlich das!
KOTHNER

Stimmt es nicht bei,
wie wäre dann der Meister Urteil frei?
BECKMESSER

Lasst's gleich wählen nach Herzensziel,
und lasst den Meistergesang aus dem Spiel!
POGNER

Nicht so! Wie doch? Versteht mich recht!
Wem ihr Meister den Preis zusprecht,
die Maid kann dem verwehren,
doch nie einen andren begehren.
Ein Meistersinger muss er sein,
nur wen ihr krönt, den soll sie frei'n.
SACHS

Verzeiht!
Vielleicht schon ginget ihr zu weit.
Ein Mädchenherz und Meisterkunst
erglüh'n nicht stets in gleicher Brunst:
der Frauen Sinn, gar unbelehrt,
dünkt mich dem Sinn des Volks gleich wert.
Wollt ihr nun vor dem Volke zeigen,
wie hoch die Kunst ihr ehrt,
und lasst ihr dem Kind die Wahl zu eigen,
wollt nicht, dass dem Spruch es wehrt:
so lasst das Volk auch Richter sein,
mit dem Kinde sicher stimmt's überein.
DIE MEISTER

Oho! Das Volk? Ja, das wäre schön!
Ade dann Kunst und Meistertön'!
KOTHNER

Nein, Sachs! Gewiss, das hat keinen Sinn!
Gäb't ihr dem Volk die Regeln hin?
SACHS

Vernehmt mich recht! Wie ihr doch tut!
Gesteht, ich kenn' die Regeln gut,
und dass die Zunft die Regeln bewahr',
bemüh' ich mich selbst schon manches Jahr.
Doch einmal im Jahre fänd' ich's weise,
dass man die Regeln selbst probier',
ob in der Gewohnheit trägem Gleise
ihr' Kraft und Leben nicht sich verlier'!
Und ob ihr der Natur
noch seid auf rechter Spur,
das sagt euch nur,
wer nichts weiss von der Tabulatur.
(Die Lehrbuben springen auf und reiben sich die Hände.)
BECKMESSER

Hei wie sich die Buben freuen!
SACHS
(eifrig fortfahrend)

Drum möcht' es euch nie gereuen,
dass jährlich am Sankt Johannisfest,
statt dass das Volk man kommen lässt,
herab aus hoher Meisterwolk'
ihr selbst euch wendet zu dem Volk.
Dem Volke wollt ihr behagen;
nun dächt' ich, läg' es nah:
ihr liesst es selbst euch auch sagen,
ob das ihm zur Lust geschah.
Dass Volk und Kunst gleich blüh' und wachs'
bestellt ihr so, mein' ich, Hans Sachs!
VOGELGESANG

Ihr meint's wohl recht!
KOTHNER

Doch steht's drum faul.
NACHTIGALL

Wenn spricht das Volk, halt' ich das Maul.
KOTHNER

Der Kunst droht allweil Fall und Schmach,
läuft sie der Gunst des Volkes nach.
BECKMESSER

Drin bracht' er's weit, der hier so dreist:
Gassenhauer dichtet er meist.
POGNER

Freund Sachs! Was ich mein', ist schon neu;
zu viel auf einmal brächte Reu'.

(Er wendet sich zu den Meistern)

So frag' ich, ob den Meistern gefällt
Gab' und Regel, so wie ich's gestellt?
(Die Meister erheben sich beistimmend.)
SACHS

Mir genügt der Jungfer Ausschlagstimm'.
BECKMESSER

Der Schuster weckt doch stets mir Grimm!
KOTHNER

Wer schreibt sich als Werber ein?
Ein Junggesell muss es sein.
BECKMESSER

Vielleicht auch ein Witwer? Fragt nur den Sachs!
SACHS

Nicht doch, Herr Merker! Aus jüng'rem Wachs,
als ich und ihr, muss der Freier sein,
soll Evchen ihm den Preis verleih'n.
BECKMESSER

Als wie auch ich? Grober Gesell'!
KOTHNER

Begehrt wer Freiung, der komm' zur Stell'!
Ist jemand gemeld't, der Freiung begehrt?
POGNER

Wohl, Meister, zur Tagesordnung kehrt
und nehmt von mir Bericht,
wie ich auf Meisterpflicht
einen jungen Ritter empfehle,
der will, dass man ihn wähle,
und heut' als Meistersinger frei'.
Mein Junker Stolzing, kommt herbei!
Music (Walther tritt hervor und verneigt sich)
BECKMESSER
(beiseite)

Dacht' ich mir's doch! Geht's da hinaus, Veit?

(laut)

Meister, ich mein', zu spät ist's der Zeit!
DIE MEISTER

Der Fall ist neu: Ein Ritter gar?
soll man sich freu'n? Wäre Gefahr?
Immerhin hat's ein gross Gewicht,
dass Meister Pogner für ihn spricht.
KOTHNER

Soll uns der Junker willkommen sein;
zuvor muss er wohl vernommen sein.
POGNER

Vernehmt ihn wohl! Wünsch' ich ihm Glück,
nicht bleib' ich doch hinter der Regel zurück.
Tut, Meister, die Fragen!
KOTHNER

So mög' uns der Junker sagen:
ist er frei und ehrlich geboren?
POGNER

Die Frage gebt verloren,
da ich euch selbst dess Bürge steh',
dass er aus frei' und edler Eh':
Von Stolzing Walther aus Frankenland,
nach Brief und Urkund mir wohlbekannt.
Als seines Stammes letzter Spross,
verliess er neulich Hof und Schloss
und zog nach Nürnberg her,
dass er hier Bürger wär'.
BECKMESSER

Neu Junkerunkraut - tut nicht gut.
NACHTIGALL

Freund Pogners Wort Genüge tut.
SACHS

Wie längst von den Meistern beschlossen ist,
ob Herr, ob Bauer, hier nichts beschliesst;
hier fragt sich's nach der Kunst allein,
wer will ein Meistersinger sein.
KOTHNER

Drum nun frag' ich zur Stell':
welch 'Meister seid ihr Gesell'?


Music
WALTHER

Am stillen Herd in Winterszeit,
wann Burg und Hof mir eingeschneit,
wie einst der Lenz so lieblich lacht',
und wie er bald wohl neu erwacht,
ein altes Buch, vom Ahn' vermacht,
gab das mir oft zu lesen:
Herr Walther von der Vogelweid',
der ist mein Meister gewesen.
SACHS

Ein guter Meister!
BECKMESSER

Doch lang schon tot;
wie lehrt' ihn der wohl der Regeln Gebot?
KOTHNER

Doch in welcher Schul' das Singen
mocht' euch zu lernen gelingen?
WALTHER

Wann dann die Flur vom Frost befreit
und wiederkehrt die Sommerszeit;
was einst in langer Wintersnacht
das alte Buch mir kundgemacht,
das schallte laut in Waldes Pracht,
das hört' ich hell erklingen:
im Wald dort auf der Vogelweid'
da lernt' ich auch das Singen.
BECKMESSER

Oho! Von Finken und Meisen
lerntet ihr Meisterweisen?
Das wird denn wohl auch darnach sein!
VOGELGESANG

Zwei art'ge Stollen fasst' er da ein.
BECKMESSER

Ihr lobt ihn, Meister Vogelgesang,
wohl weil vom Vogel er lernt' den Gesang?
KOTHNER
(beiseite zu den Meistern)

Was meint ihr, Meister, frag' ich noch fort?
Mich dünkt, der Junker ist fehl am Ort.
SACHS

Das wird sich bäldlich zeigen:
wenn rechte Kunst ihm eigen
und gut er sie bewährt,
was gilt's, wer sie ihn gelehrt?
KOTHNER
(zu Walther)

Seid ihr bereit, ob euch geriet
mit neuer Find' ein Meisterlied,
nach Dicht' und Weis' eu'r eigen,
zur Stunde jetzt zu zeigen?


Music
WALTHER

Was Winternacht,
was Waldespracht,
was Buch und Hain mich wiesen,
was Dichtersanges Wundermacht
mir heimlich wollt' erschliessen;
was Rosses Schritt
beim Waffenritt,
was Reihentanz
bei heitrem Schanz
mir sinnend gab zu lauschen:
gilt es des Lebens höchsten Preis
um Sang mir einzutauschen,
zu eig'nem Wort und eigner Weis'
will einig mir es fliessen,
als Meistersang, ob den ich weiss,
euch Meistern sich ergiessen.
BECKMESSER

Entnahmt ihr was der Worte Schwall?
VOGELGESANG

Ei nun, er wagt's!
NACHTIGALL

Merkwürd'ger Fall!
KOTHNER

Nun, Meister! Wenn's gefällt,
werd' das Gemerk bestellt.

(zu Walther)

Wählt der Herr einen heil'gen Stoff?
WALTHER

Was heilig mir,
der Liebe Panier,
schwing' und sing' ich, mir zu Hoff'!
KOTHNER

Das gilt uns weltlich. Drum allein,
Meister Beckmesser, schliesst euch ein!


Music
BECKMESSER
(erhebt sich und schreitet
wie widerwillig dem Gemerk zu)


Ein saures Amt, und heut' zumal!
Wohl gibt's mit der Kreide manche Qual.

(Er verneigt sich gegen Walther.)

Herr Ritter, wisst:
Sixtus Beckmesser Merker ist;
hier im Gemerk
verrichtet er still sein strenges Werk.
Sieben Fehler gibt er euch vor,
die merkt er mit Kreide dort an:
wenn er über sieben Fehler verlor,
dann versang der Herr Rittersmann.

(Er setzt sich im Gemerk)

Gar fein er hört;
doch, dass er euch den Mut nicht stört,
säh't ihr ihm zu,
so gibt er euch Ruh',
und schliesst sich gar hier ein, -
lässt Gott euch befohlen sein.
(Er streckt den Kopf, höhnisch freundlich nickend heraus und verschwindet hinter dem zugezogenen Vorhange des Gemerkes gänzlich)
KOTHNER
(winkt den Lehrbuben)
(zu Walther)


Was euch zum Liede Richt' und Schnur,
vernehmt nun aus der Tabulatur!

(Die Lehrbuben haben die an der Wand
aufgehängte Tafel der "Leges Tabulaturae"
herabgenommen und halten sie Kotbner vor;
dieser liest daraus.)
(lesend)


"Ein jedes Meistergesanges Bar
stell' ordentlich ein Gemässe dar
aus unterschiedlichen Gesätzen,
die keiner soll verletzen.
Ein Gesätz besteht aus zweenen Stollen,
die gleiche Melodei haben sollen;
der Stoll' aus etlicher Vers' Gebänd',
der Vers hat einen Reim am End'.
Darauf so folgt der Abgesang,
der sei auch etlich' Verse lang,
und hab' sein' besond're Melodei,
als nicht im Stollen zu finden sei.
Derlei Gemässes mehre Baren
soll ein jed' Meisterlied bewahren;
und wer ein neues Lied gericht',
das über vier der Silben nicht
eingreift in andrer Meister Weis',
des Lied erwerb' sich Meisterpreis!"

(Er gibt die Tafel den Lehrbuben zurück;
diese hängen sie wieder auf)


Nun setzt euch in den Singestuhl.
WALTHER
(mit einem Schauer)

Hier - in den Stuhl?
KOTHNER

Wie's Brauch der Schul'!
WALTHER
(besteigt den Stuhl und setzt sich
mit Widerstreben)
(beiseite)


Für dich, Geliebte, sei's getan!
KOTHNER
(sehr laut)

Der Sänger sitzt.
BECKMESSER
(unsichtbar im Gemerk, sehr grell)

Fanget an!



Music

Music



Music
WALTHER

"Fanget an!"
So rief der Lenz in den Wald,
dass laut es ihn durchhallt:
und wie in fern'ren Wellen
der Hall von dannen flieht,
von weither naht ein Schwellen,
das mächtig näher zieht.
Es schwillt und schallt,
es tönt der Wald
von holder Stimmen Gemenge;
nun laut und hell,
schon nah zur Stell',
wie wächst der Schwall!
Wie Glockenhall
ertost des Jubels Gedränge!
Der Wald,
wie bald
antwortet er dem Ruf,
der neu ihm Leben schuf:
stimmte an
das süsse Lenzeslied!

(Man hört aus dem Gemerk unmutige
Seufzer des Merkers und heftiges
Anstreichen mit der Kreide. -
Auch Walther hat es bemerkt;
nach kurzer Störung fährt er fort.)


In einer Dornenhecken,
von Neid und Gram verzehrt,
musst' er sich da verstecken,
der Winter, grimmbewehrt:
von dürrem Laub umrauscht,
er lauert da und lauscht
wie er das frohe Singen
zu Schaden könnte bringen.

(Er steht vom Stuhle auf)

Doch: fanget an!
So rief es mir in der Brust,
als noch ich von Liebe nicht wusst'.
Da fühlt' ich's tief sich regen,
als weckt' es mich aus dem Traum;
mein Herz mit bebenden Schlägen
erfüllte des Busens Raum:
Das Blut, es wallt
mit Allgewalt,
geschwellt von neuem Gefühle,
aus warmer Nacht,
mit Übermacht,
schwillt mir zum Meer
der Seufzer Heer
in wildem Wonnegewühle.
Die Brust
mit Lust
antwortet sie dem Ruf,
der neu ihr Leben schuf;
stimmt nun an
das hehre Liebeslied.
BECKMESSER
(den Vorhang aufreissend)

Seid ihr nun fertig?
WALTHER

Wie fraget Ihr?
BECKMESSER

Mit der Tafel ward ich fertig schier.
(Er hält die ganz mit Kreidestrichen bedeckte Tafel heraus; die Meister brechen in ein Gelächter aus)


Music
WALTHER

Hört doch, zu meiner Frauen Preis
gelang' ich jetzt erst mit der Weis'.
BECKMESSER
(das Gemerk verlassend)

Singt, wo ihr wollt! Hier habt ihr vertan!
Ihr Meister, schaut die Tafel euch an:
so lang ich leb', ward's nicht erhört!
Ich glaubt's nicht, wenn ihr's all auch schwört!
WALTHER

Erlaubt ihr's, Meister, dass er mich stört?
Blieb' ich von Allen ungehört?
POGNER

Ein Wort, Herr Merker! ihr seid gereizt.
BECKMESSER

Sei Merker fortan, wer darnach geizt.
Doch dass der Junker hier versungen hat,
beleg' ich erst noch vor der Meister Rat.
Zwar wird's 'ne harte Arbeit sein:
wo beginnen, da wo nicht aus noch ein?
Von falscher Zahl, und falschem Gebänd'
schweig' ich schon ganz und gar:
zu kurz, zu lang - wer ein End' da fänd'!
Wer meint hier im Ernst einen Bar?
Auf "blinde Meinung" klag' ich allein,
Sagt, konnt' ein Sinn unsinniger sein?
MEHRERE MEISTER

Man ward nicht klug; ich muss gestehn,
Ein Ende konnte keiner erseh'n.
BECKMESSER

Und dann die Weis', welch tolles Gekreis'
aus "Abenteuer-", "blau Ritterspornweis",
"hoch Tannen-", "stolz Jünglingston"!
KOTHNER

Ja, ich verstand gar nichts davon.
BECKMESSER

Kein Absatz wo, kein' Koloratur;
von Melodei auch nicht eine Spur!
(Die Meister sind im wachsenden Aufstand begriffen)
MEHRERE MEISTER

Wer nennt das Gesang?
Es ward einem bang!
VOGELGESANG

Eitel Ohrgeschinder!
ZORN

Auch gar nichts dahinter!
KOTHNER

Und gar vom Singstuhl ist er gesprungen!
BECKMESSER

Wird erst auf die Fehlerprobe gedrungen?
Oder gleich erklärt, dass er versungen?






Music

Music
SACHS
(der vom Beginn an Walther
mit wachsendem Ernst zugehört hat,
schreitet vor)


Halt, Meister! Nicht so geeilt!

Nicht jeder eure Meinung teilt. -
Des Ritters Lied und Weise,
sie fand ich neu, doch nicht verwirrt;
verliess er unsre Gleise,
schritt er doch fest und unbeirrt.
Wollt ihr nach Regeln messen,
was nicht nach eurer Regeln Lauf,
der eignen Spur vergessen,
sucht davon erst die Regeln auf!
BECKMESSER

Aha, schon recht! Nun hört ihr's doch:
den Stümpern öffnet Sachs ein Loch,
da aus und ein nach Belieben
ihr Wesen leicht sie trieben!
Singet dem Volk auf Markt und Gassen!
Hier wird nach den Regeln nur eingelassen.
SACHS

Herr Merker, was doch solch ein Eifer?
Was doch so wenig Ruh'!
Eu'r Urteil, dünkt mich, wäre reifer,
hörtet ihr besser zu.
Darum so komm' ich jetzt zum Schluss,
dass den Junker man zu End' hören muss.
BECKMESSER

Der Meister Zunft, die ganze Schul',
gegen den Sachs da sind wir Null!
SACHS

Verhüt' es Gott, was ich begehr',
dass das nicht nach den Gesetzen wär'!
Doch da nun steht geschrieben:
"Der Merker werde so bestellt,
dass weder Hass noch Lieben
das Urteil trübe, das er fällt."
Geht er nun gar auf Freiers Füssen,
wie sollt' er da die Lust nicht büssen,
den Nebenbuhler auf dem Stuhl'
zu schmähen vor der ganzen Schul'?
(Walther flammt auf.)
NACHTIGALL

Ihr geht zu weit!
KOTHNER

Persönlichkeit.
POGNER

Vermeidet, Meister, Zwist und Streit!
BECKMESSER

Ei! Was kümmert's doch Meister Sachsen,
auf was für Füssen ich geh'?
Liess' er doch lieber Sorge sich wachsen,
dass mir nichts drück' die Zeh'!
Doch seit mein Schuster ein grosser Poet,
gar übel es um mein Schuhwerk steht:
da seht, wie's schlappt
und überall klappt!
All' seine Vers' und Reim'
liess' ich ihm gern daheim,
Historien, Spiel' und Schwänke dazu,
brächt' er mir morgen die neuen Schuh'!
Music  
SACHS
(kratzt sich hinter den Ohren)

Ihr mahnt mich da gar recht:
doch schickt sich's, Meister, sprecht,
dass, find' ich selbst dem Eseltreiber
ein Sprüchlein auf die Sohl',
dem hochgelahrten Herrn Stadtschreiber
ich nichts drauf schreiben soll?

(Walther steigt in grosser Aufregung
auf den Singstuhl und blickt
stehend herab)


Das Sprüchlein, das eu'r würdig sei,
mit all meiner armen Poeterei,
fand ich noch nicht zur Stund';
doch wird's wohl jetzt mir kund,
wenn ich des Ritters Lied gehört:
drum sing' er nun weiter ungestört!
BECKMESSER

Nicht weiter! Zum Schluss!
DIE MEISTER
(ausser Sachs und Pogner)

Genug! Zum Schluss!
SACHS
(zu Walther)

Singt, dem Herrn Merker zum Verdruss!
BECKMESSER
(Er holt aus dem Gemerk die Tafel
herbei und hält sie, während
des Folgenden, von einem zum andern
sich wendend, den Meistern
zur Prüfung vor.)


Was sollte man da noch hören?
Wär's nicht, euch zu betören?
  Jeden Fehler, gross und klein,
seht genau auf der Tafel ein.
"Falsch' Gebänd", "unredbare Worte",
"Klebsilben", hier "Laster" gar!
"Aquivoca", "Reim am falschen Orte".
"Verkehrt", "verstellt" der ganze "Bar"!
Ein "Flickgesang" hier zwischen den Stollen!
"Blinde Meinung" all überall!
"Unklare Wort'", "Differenz", hie "Schrollen"!
Da "falscher Atem", hier "Überfall!"
Ganz unverständliche Melodei!
Aus allen Tönen ein Mischgebräu!
Scheutet ihr nicht das Ungemach,
Meister, zählt mir die Striche nach!
Verloren hätt' er schon mit dem Acht',
doch so weit wie der hat's noch keiner gebracht:
wohl über fünfzig, schlecht gezählt!
Sagt, ob ihr euch den zum Meister wählt?
DIE MEISTER

Ja wohl, so ist's; ich seh' es recht:
mit dem Herrn Ritter steht es schlecht!
Mag Sachs von ihm halten, was er will,
Hier in der Singschul' schweig' er still!
Bleibt einem Jeden doch unbenommen,
wen er sich zum Genossen begehrt?
Wär uns der erste Best' willkommen,
was blieben dann die Meister noch wert?
Hei! Wie sich der Ritter da quält!
Der Sachs hat sich ihn erwählt!
's ist ärgerlich gar! Drum macht ein End'!
Auf, Meister! Stimmt, und erhebt die Händ!
POGNER

Ja wohl, ich seh's, was mir nicht recht:
mit meinem Junker steht es schlecht!
Weich' ich hier der Übermacht,
mir ahnet, dass mir's Sorge macht.
Wie gern säh ich ihn angenommen!
Als Eidam wär' er mir gar wert:
nenn' ich den Sieger jetzt willkommen, -
wer weiss, ob ihn mein Kind begehrt?
Gesteh' ich's, dass mich's quält,
ob Eva den Meister wählt?
WALTHER

Aus finst'rer Dornenhecken
die Eule rauscht hervor,
tät' rings mit Kreischen wecken
der Raben heis'ren Chor:
in nächt'gem Heer zuhauf,
wie krächzen all' da auf,
mit ihren Stimmen, den hohlen,
die Elstern, Krähen und Dohlen!
Auf da steigt,
mit gold'nem Flügelpaar,
ein Vogel wunderbar;
sein strahlend hell Gefieder
licht in den Lüften blinkt;
schwebt selig hin und wieder,
zu Flug und Flucht mir winkt.
Es schwillt das Herz
vor süssem Schmerz,
der Not entwachsen Flügel;
es schwingt sich auf
zum kühnen Lauf,
aus der Städte Gruft,
zum Flug durch die Luft,
dahin zum heimischen Hügel,
dahin zur grünen Vogelweid',
Wo Meister Walther einst mich freit';
da sing' ich heil und hehr
der liebsten Frauen Ehr':
auf da steigt,
ob Meister-Kräh'n ihm ungeneigt,
das stolze Liebeslied!
Ade, ihr Meister, hienied'!
(Walther verlässt mit einer stolz verächtlichen Gebärde den Stuhl und wendet sich rasch zum Fortgehen. Alles geht in grosser Aufregung auseinander; lustiger Tumult der Lehrbuben, welche sich des Gemerkes, des Singstuhls un der Meisterbänke bemächtigen, wodurch Gedränge und Durcheinander der nach dem Ausgange sich wendenden Meister entsteht)
SACHS
(beobachtet Walther entzückt)

Ha, welch ein Mut!
Begeist'rungsglut!
Ihr Meister, schweigt doch und hört!
Hört, wenn Sachs euch beschwört!
Herr Merker dort, gönnt doch nur Ruh'!
Lasst andre hören, gebt das nur zu!
Umsonst! All' eitel Trachten!
Kaum vernimmt man sein eig'nes Wort;
des Junkers will keiner achten:
das nenn' ich Mut, singt der noch fort!
Das Herz auf dem rechten Fleck,
ein wahrer Dichter-Reck!
Mach' ich Hans Sachs wohl Vers' und Schuh',
ist Ritter der und Poet dazu!
DIE LEHRBUBEN UND DAVID
(Die Lehrbuben sind von der Bank
aufgestanden und nähern sich dem
Gemerk, um welches sie einem Ring
schliessen und sich zum Reigen ordnen)


Glück auf zum Meistersingen,
Mögt' ihr euch das Kränzlein erschwingen;
das Blumenkränzlein aus Seiden fein,
wird das dem Herrn Ritter beschieden sein?

(Sie fassen sich an uns tanzen in Ringe
immer lustiger um das Gemerk)
BECKMESSER

Nun, Meister, kündet's an!
(Die Meister, herheben die Hände)
ALLE MEISTER

Versungen und vertan!
(Sachs, der allein im Vordergrund geblieben, blickt noch gedankenvoll nach dem leeren Singstuhl; als die Lehrbuben auch diesen erfassen, und Sachs darob mit humoristisch unmutiger Gebärde sich abwendet, fällt der Vorhang.)