RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

ZWEITER AUFZUG
Music  
ERSTE SZENE

Die Bühne stellt im Vordergrunde eine Strasse im Längendurchschnitt dar, welche in der Mitte von einer schmalen Gasse, nach dem Hintergrunde zu krumm abbiegend, durchschnitten wird, so dass sich in Front zwei Eckhäuser darbieten, von denen das eine, reichere, rechts, das Haus Pogners, das andere, einfachere, links, das des Sachs ist. Zu Pogners Hause führt von der vorderen Strasse aus eine Treppe von mehreren Stufen; vertiefte Türe, mit Steinsitzen in den Nischen. Zur Seite ist der Raum, ziemlich nahe an Pogners Hause, durch eine dickstämmige Linde abgegrenzt; grünes Gesträuch umgibt sie am Fuss, vor welchem auch eine Steinbank angebracht ist. Der Eingang zu Sachsens Hause ist ebenfalls nach der vorderen Strasse zu gelegen; eine geteilte Ladentür führt hier unmittelbar in die Schusterwerkstatt; dicht dabei steht ein Fliederbaum, dessen Zweige bis über den Laden herabhängen. Nach der Gasse zu hat das Haus noch zwei Fenster, von welchen das eine zur Werkstatt, das andere zu einer dahinter liegenden Kammer gehört. [Alle Häuser, namentlich auch die der engeren Grasse, müssen praktikabel sein].
Heitrer Sommerabend; im Verlaufe der ersten Auftritte allmählich einbrechende Nacht.
(David ist darüber her, die Fensterläden nach der Gasse zu von aussen zu schliessen. Alle Lehrbuben tun das gleiche bei andren Häusern)



Music
LEHRBUBEN
(während der Arbeit)

Johannistag! Johannistag!
Blumen und Bänder soviel man mag!
DAVID
(leise für sich)

"Das Blumenkränzlein aus Seiden fein",
möcht' es mir balde beschieden sein!
(Magdalene ist mit einem Korbe am Arme aus Pogners Haus gekommen und sucht David unbemerkt sich zu nähern)
MAGDALENE

Bst! David!
DAVID
(nach der Gasse zu sich
umwendend, heftig)


Ruft ihr schon wieder?
Singt allein eure dummen Lieder!

(Er wendet sich unwilling zur Seite)
LEHRBUBEN

David, was soll's?
Wär'st nicht so stolz,
schaut'st besser um,
Wär'st nicht so dumm!
"Johannistag! Johannistag!"
Wie der nur die Jungfer Lene nicht kennen mag!
MAGDALENE

David! Hör' doch! Kehr' dich zu mir!
DAVID

Ach, Jungfer Lene, ihr seid hier?
MAGDALENE
(auf ihren Korb deutend)

Bring' dir was Gut's, schau' nur hinein
das soll für mein lieb' Schätzel sein.
Erst aber schnell, wie ging's mit dem Ritter?
Du rietest ihm gut? Er gewann den Kranz?
DAVID

Ach, Jungfer Lene! Da steht's bitter;
der hat vertan und versungen ganz!
MAGDALENE
(erschrocken)

Versungen? Vertan?
DAVID

Was geht's euch nur an?
MAGDALENE
(den Korb, nach welchem David
die Hand ausstreckt, heftig
zurückziehend)


Hand von der Taschen!
Nichts zu naschen!
Hilf Gott! Unser Junker vertan!
(Sie geht mit Gebärden der Trostlosigkeit in das Haus zurück. David sieht ihr verblüfft nach)
DIE LEHRBUBEN
(Die Lehrbuben, welche unvermerkt
näher geschlichen waren und
gelauscht hatten, präsentieren sich
jetzt, wie glückwünschend, David)


Heil! Heil zur Eh' dem jungen Mann!
Wie glücklich hat er gefreit!
Wir hörten's all' und sahen's an:
der er sein Herz geweiht,
für die er lässt sein Leben,
die hat ihm den Korb nicht gegeben!
DAVID
(auffahrend)

Was steht ihr hier faul?
Gleich haltet das Maul!
DIE LEHRBUBEN
(schliessen einen Ring um David
und tanzen um ihn)


Johannistag! Johannistag!
Da freit ein jeder, wie er mag.
Der Meister freit,
der Bursche freit,
da gibt's Geschlamp' und Geschlumbfer!
Der Alte freit
die junge Maid,
der Bursche die alte Jumbfer!
Juchhei! Juchhei! Johannistag!
(David ist im Begriff, wütend drein zu schlagen, als Sachs, der aus der Gasse hervorgekommen, dazwischen tritt).

(Die Lehrbuben fahren auseinander)
SACHS
(zu David)

Was gibt's? Treff' ich dich wieder am Schlag?
DAVID

Nicht ich: Schandlieder singen die!
SACHS

Hör' nicht drauf; lern's besser wie sie!
Zur Ruh', ins Haus! Schliess und mach' Licht!
(Die Lehrbuben zerstreuen sich)
DAVID

Hab' ich heut' Singstund'?
SACHS

Nein, singst nicht -
zur Straf' für dein heutig' frech Erdreisten!
Die neuen Schuh' steck' mir auf den Leisten!
(David und Sachs sind in die Werkstatt eingetreten und gehen durch eine innere Tür ab)