RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ZWEITER AUFZUG)
ZWEITE SZENE
(Pogner und Eva, wie vom Spaziergang heimkehrend, die Tochter leicht am Arm des Vaters eingehängt, sind, beide schweigsam die Gasse heraufgekommen)
POGNER
(durch eine Klinze im Fensterladen
Sachsens spähend)


Lass sehn, ob Nachbar Sachs zu Haus?
Gern spräch' ich ihn; trät' ich wohl ein?
(David kommt mit Licht aus der Kammer, setzt sich damit an den Werktisch am Fenster und macht sich an die Arbeit her)
EVA
(spähend)

Er scheint daheim: kommt Licht heraus.
POGNER

Tu' ich's? Zu was doch? Besser nein!

(Er wendet sich ab)

Will einer Seltnes wagen,
was liess' er sich dann sagen?

(Er sinnt nach)

War er's nicht, der meint', ich ging' zu weit?
Und blieb' ich nicht im Geleise,
war's nicht auf seine Weise?
Doch war's vielleicht auch Eitelkeit?

(Er wendet sich zu Eva)

Und du, mein Kind? Du sagst mir nichts?
EVA

Ein folgsam Kind, gefragt nur spricht's.
POGNER
(sehr zart)

Wie klug! - Wie gut! Komm' setz' dich hier
ein' Weil' noch auf die Bank zu mir.

(Er setzt sich auf die Steinbank
unter der Linde.)
EVA

Wird's nicht zu kühl?
's war heut' gar schwül.

(Sie setzt sich zögernd und
beklommen Pogner zur Seite)


Music
POGNER

Nicht doch, 's ist mild und labend,
gar lieblich lind der Abend:
das deutet auf den schönsten Tag,
der morgen soll erscheinen.
O Kind! Sagt dir kein Herzensschlag,
welch' Glück dich morgen treffen mag,
wenn Nüremberg, die ganze Stadt,
mit Bürgern und Gemeinen,
mit Zünften, Volk und hohem Rat
vor dir sich soll vereinen,
dass du den Preis,
das edle Reis,
erteilest als Gemahl
dem Meister deiner Wahl?
EVA

Lieb' Vater, muss es ein Meister sein?
POGNER

Hör' wohl: ein Meister deiner Wahl.
(Magdalene erscheint an der Türe und winkt Eva.)
EVA
(zerstreut)

ja, meiner Wahl. Doch tritt nur ein -

(laut, zu Magdalene gewandt)

(gleich, Lene, gleich) zum Abendmahl!

(Sie steht auf)
POGNER
(ärgerlich aufstehend)

's gibt doch keinen Gast?
EVA
(wie oben)

Wohl den Junker?
POGNER
(verwundert)

Wie so?
EVA

Sahst ihn heut' nicht?
POGNER
(halb für sich)

Ward sein' nicht froh.
Nicht doch! Was denn? Ei! werd' ich dumm?
EVA

Lieb' Väterchen, komm'! Geh', kleid' dich um.
POGNER
(während er ins Haus vorangeht)

Hm! Was geht mir im Kopf doch 'rum?
MAGDALENE
(heimlich zu Eva)

Hast was heraus?
EVA

Blieb still und stumm.
MAGDALENE

Sprach David, meint', er habe vertan.
EVA
(erschrocken)

Der Ritter? Hilf Gott! Was fing' ich an?
Ach Lene, die Angst! Wo was erfahren?
MAGDALENE

Vielleicht vom Sachs?
EVA
(heiter)

Ach! Der hat mich lieb:
gewiss, ich geh' hin.
MAGDALENE

Lass drin nichts gewahren;
der Vater merkt' es, wenn man jetzt blieb'.
Nach dem Mahl! Dann hab' ich dir noch was zu sagen,

(im Abgehen auf der Treppe)

was jemand geheim mir aufgetragen.
EVA
(sich umwendend)

Wer denn? Der Junker?
MAGDALENE

Nichts da! Nein!
Beckmesser.
EVA

Das mag was Rechtes sein!
(Sie gehen in das Haus. Magdalene folgt ihr)