RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ZWEITER AUFZUG)
VIERTE SZENE
(Eva ist auf die Strasse getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unvermerkt an der Türe bei Sachs)

(Sachs nimmt mit heitrer Gelassenheit seine Arbeit vor.)
EVA

Gut'n Abend, Meister! Noch so fleissig?




Music
SACHS
(fährt angenehm überrascht auf)

Ei, Kind! Lieb' Evchen? Noch so spät?
Und doch, warum so spät noch, weiss ich:
die neuen Schuh'?
EVA

Wie fehl er rät!
Die Schuh' hab' ich noch gar nicht probiert;
sie sind so schön und reich geziert,
dass ich sie noch nicht an die Füss' mir getraut.
Music (Sie setzt sich dicht neben Sachs auf den Steinsitz.)
SACHS

Doch sollst sie morgen tragen als Braut?
EVA

Wer wäre denn Bräutigam?
SACHS

Weiss ich das?
EVA

Wie wisst ihr dann, dass ich Braut?
SACHS

Ei, was!
Das weiss die Stadt.
EVA

Ja, weiss es die Stadt,
Freund Sachs gute Gewähr dann hat!
Ich dacht', er wüsst' mehr.
SACHS

Was sollt ich wissen?
EVA

Ei, seht doch! Werd' ich's ihm sagen müssen?
Ich bin wohl recht dumm?
SACHS

Das sag' ich nicht.
EVA

Dann wär't ihr wohl klug?
SACHS

Das weiss ich nicht.
EVA

Ihr wisst nichts? Ihr sagt nichts? Ei, Freund Sachs,
jetzt merk' ich wahrlich: Pech ist kein Wachs.
Ich hätt' euch für feiner gehalten.
SACHS

Kind, beid', Wachs und Pech, vertraut mir sind:
mit Wachs strich ich die seid'nen Fäden,
damit ich dir die zieren Schuh' gefasst:
heut' fass' ich die Schuh' mit dicht'ren Drähten,
da gilt's mit Pech für den derb'ren Gast.
EVA

Wer ist denn der? Wohl was recht's?
SACHS

Das mein' ich!
Ein Meister stolz auf Freiers Fuss;
denkt morgen zu siegen ganz alleinig:
Herrn Beckmessers Schuh' ich richten muss.
EVA

So nehmt nur tüchtig Pech dazu:
da kleb' er d'rin, und lass' mir Ruh'!
SACHS

Er hofft dich sicher zu ersingen.
EVA

Wieso denn der?
SACHS

Ein Junggesell', -
's gibt deren wenig dort zur Stell'.
EVA

Könnt's einem Witwer nicht gelingen?
SACHS

Mein Kind, der wär zu alt für dich.
EVA

Ei was! zu alt? Hier gilt's der Kunst,
wer sie versteht, der werb' um mich.
SACHS

Lieb' Evchen, machst mir blauen Dunst?
EVA

Nicht ich, ihr seid's, ihr macht mir Flausen!
Gesteht nur, dass ihr wandelbar.
Gott weiss, wer euch jetzt im Herzen mag hausen!
Glaubt ich mich doch d'rin so manches Jahr.
SACHS

Wohl, da ich dich gern auf den Armen trug?
EVA

Ich seh', 's war nur, weil ihr kinderlos.
SACHS

Hatt' einst ein Weib und Kinder genug!
EVA

Doch, starb eure Frau, so wuchs ich gross?
SACHS

Gar gross und schön!
EVA

Da dacht' ich aus:
ihr nähmt mich für Weib und Kind ins Haus?
SACHS

Da hätt' ich ein Kind und auch ein Weib;
's wär' gar ein lieber Zeitvertreib!
Ja, ja! Das hast du dir schön erdacht.
EVA

Ich glaub', der Meister mich gar verlacht?
Am End' auch liess' er sich gar gefallen,
dass unter der Nas' ihm weg vor allen
der Beckmesser morgen mich ersäng'?
SACHS

Wer sollt's ihm wehren, wenn's ihm geläng'?
Dem wüsst' allein dein Vater Rat.
EVA

Wo so ein Meister den Kopf nur hat!
Käm' ich zu euch wohl, fänd' ich's zu Haus'?
SACHS
(trocken)

Ach, ja! Hast recht: 's ist im Kopf mir kraus.
Hab' heut' manch' Sorg' und Wirr' erlebt:
da mag's dann sein, dass was d'rin klebt.
EVA
(wieder näher rückend)

Wohl in der Singschul'? 's war heut' Gebot?
SACHS

Ja, Kind! Eine Freiung machte mir Not.
EVA

Ja, Sachs! Das hättet ihr gleich soll'n sagen,
quält' euch dann nicht mit unnützen Fragen.
Nun sagt, wer war's, der Freiung begehrt?
SACHS

Ein Junker, Kind, gar unbelehrt.
EVA
(wie heimlich)

Ein Junker? Mein, sagt! Und ward er gefreit?
SACHS

Nichts da, mein Kind! 's gab gar viel Streit.
EVA

So sagt, - erzählt, - wie ging es zu?
Macht's euch Sorg', wie liess' mir es Ruh'?
So bestand er übel und hat vertan?
SACHS

Ohne Gnad' versang der Herr Rittersmann.
MAGDALENE
(kommt zum Hause heraus
und ruft leise)


Bst! Evchen! Bst!
EVA
(eifrig zu Sachs gewandt)

Ohne Gnade? Wie?
Kein Mittel gäb's, das ihm gedieh'?
Sang er so schlecht, so fehlervoll,
dass nichts mehr zum Meister ihm helfen soll?
SACHS

Mein Kind, für den ist alles verloren,
und Meister wird der in keinem Land;
denn wer als Meister geboren,
der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.
MAGDALENE
(vernehmlicher rufend)

Der Vater verlangt.
EVA
(immer dringender zu Sachs)

So sagt mir noch an,
ob keinen der Meister zum Freund er gewann?
SACHS

Das wär' nicht übel, Freund ihm noch sein!
Ihm, vor dem sich alle fühlten so klein!
Den Junker Hochmut, lasst ihn laufen!
Mag er durch die Welt sich raufen;
was wir erlernt mit Not und Müh,
dabei lasst uns in Ruhe verschnaufen,
hier renn' er uns nichts über'n Haufen;
sein Glück ihm anderswo erblüh'!
EVA
(erhebt sich zornig)

Ja! anderswo soll's ihm erblühn,
als bei euch garst'gen, neid'schen Mannsen, -
wo warm die Herzen noch erglühn,
trotz allen tück'schen Meister Hansen!

(zu Magdalene)

Gleich, Lene, gleich! Ich komme schon!
Was trüg' ich hier für Trost davon?
Da riecht's nach Pech, dass Gott erbarm'!
Brennt' er's lieber, da würd' er doch warm!
(Sie geht sehr aufgeregt mit Magdalene über die Strasse hinüber und verweilt in grosser Unruhe unter der Türe des Hauses.)
SACHS
(sieht ihr mit bedeutungsvollem
Kopfnicken nach)


Das dacht' ich wohl. Nun heisst's: schaff Rat!
(Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentür so weit zu schliessen, dass sie nur ein wenig Licht noch durchlässt: er selbst verschwindet so fast gänzlich.)
MAGDALENE

Hilf Gott! Wo bliebst du nur so spat!
Der Vater rief.
EVA

Geh' zu ihm ein:
ich sei zu Bett, im Kämmerlein.
MAGDALENE

Nicht doch, hör' mich! Komm' ich dazu?
Beckmesser fand mich, er lässt nicht Ruh':
zur Nacht sollst du dich ans Fenster neigen,
er will dir was Schönes singen und geigen,
mit dem er dich hofft zu gewinnen, das Lied
ob das dir nach Gefallen geriet.
EVA

Das fehlte auch noch! Käme nur Er!
MAGDALENE

Hast David gesehn?
EVA

Was soll mir der?

(Sie späht aus)
MAGDALENE
(für sich)

Ich war zu streng; er wird sich grämen.
EVA

Siehst du noch nichts?
MAGDALENE
(tut, als spähe sie)

's ist als ob Leut' dort kämen.
EVA

Wär' er's!
MAGDALENE

Mach', und komm' jetzt hinan!
EVA

Nicht eh'r, bis ich sah den teuersten Mann!
MAGDALENE

Ich täuschte mich dort, er war es nicht.
Jetzt komm', sonst merkt der Vater die Geschicht'!
EVA

Ach! meine Angst!
MAGDALENE

Auch lass uns beraten,
wie wir des Beckmessers uns entladen!
EVA

Zum Fenster gehst du für mich.

(sie lauscht)
MAGDALENE

Wie ich?

(für sich)

Das machte wohl David eiferlich?
Er schläft nach der Gassen: Hihi! 's wär' fein! -
EVA

Da hör' ich Schritte.
MAGDALENE
(zu Eva)

Jetzt komm', es muss sein.
EVA

Jetzt näher!
MAGDALENE

Du irrst; 's nichts, ich wett'. -
Ei, komm'! Du musst, bis der Vater zu Bett.
POGNERS STIMME
(von innen)

He! Lene! Eva!
MAGDALENE

's ist höchste Zeit.

(Sie zieht die sich sträubende Eva
am Arm die Stufen zur Tür hinauf)


Hörst du's? Komm'! Dein Ritter ist weit!