RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ZWEITER AUFZUG)
FÜNFTE SZENE
(Walther ist die Gasse heraufgekommen; jetzt biegt er um die Ecke herum).
EVA
(erblickt Walther)

Da ist er!

(Sie reisst sich von Magdalene
los und stürzt Walther
auf die Strasse entgegen)
MAGDALENE

Da haben wir's! Nun heisst's: gescheit!

(Sie geht eilig in das Haus)
EVA
(ausser sich)

Ja, ihr seid es!
nein, du bist es!
Alles sag' ich,
denn ihr wisst es;
alles klag' ich,
denn ich weiss es:
ihr seid beides,
Held des Preises,
und mein einz'ger Freund!
WALTHER
(leidenschaftlich)

Ach, du irrst: bin nur dein Freund,
doch des Preises
noch nicht würdig,
nicht den Meistern
ebenbürtig:
mein Begeistern
fand Verachten,
und ich weiss es,
darf nicht trachten
nach der Freundin Hand.
EVA

Wie du irrst! Der Freundin Hand,
erteilt nur sie den Preis,
wie deinen Mut ihr Herz erfand,
reicht sie nur dir das Reis.
WALTHER

Ach, nein! Du irrst: der Freundin Hand,
wär' keinem sie erkoren,
wie sie des Vaters Wille band,
mir wär' sie doch verloren!
"Ein Meistersinger muss es sein;
nur, wen ihr krönt, den darf sie frei'n!"
So sprach er festlich zu den Herrn;
kann nicht zurück, möcht' er auch gern!
Das eben gab mir Mut:
wie ungewohnt mir alles schien,
ich sang voll Lieb' und Glut,
dass ich den Meisterschlag verdien'.
Doch, diese Meister!

(wütend)

Ha! diese Meister!
Dieser Reimgesetze
Leimen und Kleister!
Mir schwillt die Galle,
das Herz mir stockt,
denk' ich der Falle,
darein ich gelockt.
Fort, in die Freiheit!
Dahin gehör' ich,
dort, wo ich Meister im Haus.
Soll ich dich frei'n heut',
dich nun beschwör' ich,
flieh' und folg' mir hinaus!
Nichts steht zu hoffen;
keine Wahl ist offen!
Überall Meister,
wie böse Geister,
seh ich sich rotten,
mich zu verspotten:
mit den Gewerken,
aus den Gemerken,
aus allen Ecken,
auf allen Flecken,
seh' ich zu Haufen
Meister nur laufen,
mit höhnendem Nicken
frech auf dich blicken,
in Kreisen und Ringeln
dich umzingeln,
näselnd und kreischend,
zur Braut dich heischend,
als Meisterbuhle
auf dem Singestuhle
zitternd und bebend,
hoch dich erhebend!
Und ich ertrüg' es, sollt' es nicht wagen,
gradaus tüchtig drein zu schlagen?

(Man hört den starken Ruf
eines Nachtwächterhorns)
(Walther hat mit emphatischer Gebärde
die Hand an das Schwert gelegt
und starrt wild vor sich hin).
(Schrei)


Ha!
Music (Eva fasst ihn besänftigend bei der Hand)
EVA

Geliebter, spare den Zorn;
's war nur des Nachtwächters Horn.
Unter der Linde
birg dich geschwinde;
hier kommt der Wächter vorbei.
MAGDALENE
(ruft leise unter der Türe)

Evchen! 's ist Zeit: mach' dich frei!
WALTHER

Du fliehst?
EVA
(lächelnd)

Muss ich denn nicht?
WALTHER

Entweichst?
EVA
(mit zarter Bestimmtheit)

Dem Meistergericht.

(Sie verschwindet mit Magdalene im Hause)






Music
NACHTWÄCHTER
(ist währenddem in der Gasse erschienen,
kommt singend nach vorn,
biegt um die Ecke von Pogners Haus
und geht nach links zu weiter ab)


Hört', ihr Leut', und lasst euch sagen,
die Glock' hat zehn geschlagen:
bewahrt das Feuer und auch das Licht,
dass niemand kein Schad' geschieht.
Lobet Gott den Herrn!
SACHS
(welcher hinter der Ladentüre
dem Gespräche gelauscht, öffnet jetzt
bei eingezogenem Lampenlicht
ein wenig mehr)


Üble Dinge, die ich da merk':
eine Entführung gar im Werk?
Aufgepasst! Das darf nicht sein.
WALTHER
(hinter der Linde)

Käm' sie nicht wieder? O, der Pein!

(Eva kommt in Magdalenes
Kleidung aus dem Hause)
(die Gestalt gewahrend)


Doch ja, sie kommt dort? - Weh' mir! - nein! -

(Eva erblickt Walther
und eilt auf ihn zu)


die Alte ist's. - Doch - aber - ja!
EVA

Das tör'ge Kind, da hast du's, da!

(Sie wirft sich ihm heiter an die Brust)
WALTHER
(hingerissen)

O Himmel! ja, nun wohl ich weiss,
dass ich gewann den Meisterpreis.
EVA

Doch nun kein Besinnen!
Von hinnen! Von hinnen!
O, wären wir schon fort!
WALTHER

Hier durch die Gasse, dort
finden wir vor dem Tor
Knecht und Rosse vor.
(Als sich beide wenden, um in die Gasse einzubiegen, lässt Sachs, nachdem er die Lampe hinter eine Glaskugel gestellt, durch die ganz wieder geöffnete Ladentüre einen grellen Lichtschein quer über die Strasse fallen, so dass Eva und Walther sich plötzlich hell erleuchtet sehen)
EVA
(Walther hastig zurückziehend)

O weh'! Der Schuster! Wenn der uns säh!
Birg dich, komm' ihm nicht in die Näh'!
WALTHER

Welch' and'rer Weg führt uns hinaus?
EVA

Dort durch die Strasse; doch der ist kraus,
ich kenn' ihn nicht gut; auch stiessen wir dort
auf den Wächter.
WALTHER

Nun denn: durch die Gasse.
EVA

Der Schuster muss erst vom Fenster fort.
WALTHER

Ich zwing' ihn, dass er's verlasse.
EVA

Zeig dich ihm nicht: er kennt dich.
WALTHER

Der Schuster?
EVA

's ist Sachs.
WALTHER

Hans Sachs? Mein Freund!
EVA

Glaub's nicht!
Von dir Übles zu sagen nur wusst' er.