RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ZWEITER AUFZUG)
SECHSTE SZENE
WALTHER

Wie? Sachs? Auch er? - Ich lösch' ihm das Licht.
(Beckmesser ist, dem Nachtwächter nachschleichend, die Gasse heraufgekommen, hat nach den Fenstern von Pogners Haus gespäht und an Sachsens Haus angelehnt, zwischen den beiden Fenstern einen Steinsitz sich ausgesucht, auf welchem er sich, immer nach dem gegenüberliegenden Fenster aufmerksam lugend, niedergelassen hat: jetzt stimmt er seine mitgebrachte Laute)
EVA

Tu's nicht! - Doch horch!
WALTHER

Einer Laute Klang.
EVA

Ach! meine Not!
(Als Sachs den ersten Ton der Laute vernommen, hat er, von einem plötzlichen Einfall erfasst, das Licht wieder etwas eingezogen und öffnet leise den unteren Teil des Ladens)
WALTHER

Wie, wird dir bang?
Der Schuster, sieh! zog ein das Licht:
so sei's gewagt!
EVA

Weh'! Siehst du denn nicht?
Ein andrer kam, und nahm dort Stand.
WALTHER

Ich hör's und seh's: ein Musikant.
Was will der hier so spät des Nachts?
EVA
(in Verzweiflung)

's ist Beckmesser schon!
SACHS
(hat unvermerkt seinen Werktiscb
ganz unter die Tür gestellt; jetzt
erlauscbt er Evas Ausruf)


Aha! - ich dacht's.

(Er setzt sich leise zur Arbeit zurecht)
WALTHER

Der Merker? Er? In meiner Gewalt?
D'rauf zu! Den Lung'rer mach' ich kalt.
EVA

Um Gott! So hör'! Willst du den Vater wecken?
Er singt ein Lied, dann zieht er ab.
Lass dort uns im Gebüsch verstecken!
Was mit den Männern ich Müh' doch hab'!

(Sie zieht Walther hinter das Gebüscb
auf die Bank unter der Linde)
Music (Beckmesser, eifrig nach dem Fenster lugend, klimpert voll Ungeduld heftig auf der Laute. Als er sich endlich auch zum Singen rüstet, schlägt Sachs sehr stark mit dem Hammer auf den Leisten, nachdem er soeben das Licht wieder hell auf die Strasse hat fallen lassen)



Music
  SACHS

Jerum! Jerum!
Hallo allohe!
Oho! Tralalei! Ohe!
BECKMESSER
(springt ärgelich von dem Steinsitz auf,
und gewahrt Sachs bei der Arbeit)


Was soll das sein?
Verdammtes Schrei'n!


Music
SACHS

Als Eva aus dem Paradies
von Gott dem Herrn verstossen,
gar schuf ihr Schmerz der harte Kies
an ihrem Fuss, dem blossen.
BECKMESSER

Was fällt dem groben Schuster ein?
  SACHS

Das jammerte den Herrn,
ihr Füsschen hatt er gern:
und seinem Engel rief er zu:
da, mach' der armen Sünd'rin Schuh';...
WALTHER
(flüsternd zu Eva)

Was heisst das Lied? Wie nennt er dich?
EVA

Ich hört' es schon; 's geht nicht auf mich:
doch eine Bosheit steckt darin.
  SACHS

...und da der Adam, wie ich seh',
an Steinen dort sich stösst die Zeh',
dass recht fortan
er wandeln kann,
so miss dem auch Stiefeln an!
WALTHER

Welch' Zögernis! Die Zeit geht hin!
BECKMESSER
(tritt zu Sachs heran)

Wie, Meister? Auf? Noch so spät zur Nacht?
SACHS

Herr Stadtschreiber! Was? Ihr wacht?
Die Schuh' machen euch grosse Sorgen?
Ihr seht, ich bin dran: ihr habt sie morgen!

(Er arbeitet)
BECKMESSER
(zornig)

Hol' der Teufel die Schuh'!
SACHS

Jerum!
BECKMESSER

Hier will ich Ruh'!
SACHS

Hallo hallohe!
Oho! Tralalei! Ohe!
O Eva! Eva! schlimmes Weib,
  das hast du am Gewissen,
dass ob der Füss' am Menschenleib
jetzt Engel schustern müssen!
WALTHER
(wie vorher)

Uns, oder dem Merker,
wem spielt er den Streich?
EVA

Ich fürcht', uns dreien gilt er gleich.
  EVA

O weh', der Pein!
Mir ahnt nichts Gutes.
SACHS

Bliebst du im Paradies,
  WALTHER

Mein süsser Engel, sei guten Mutes!
SACHS

da gab es keinen Kies:
  EVA

Mich betrübt das Lied.
WALTHER

Ich hör' es kaum;
du bist bei mir:
welch holder Traum!

(Er zieht Eva zärtlich an sich)
SACHS

um deiner jungen Missetat,
hantier' ich jetzt mit Ahl' und Draht,
und ob Herrn Adams übler Schwäch'
versohl' ich Schuh' und streiche Pech!
Wär' ich nicht fein
ein Engel rein,
Teufel möcht' Schuster sein!
Je -

(sich unterbrechend)
BECKMESSER
(drohend auf Sachs zufahrend)

Gleich höret auf!
Spielt Ihr mir Streich'?
Bleibt Ihr tags
und nachts Euch gleich?
SACHS

Wenn ich hier sing',
was kümmert's euch?
Die Schuhe sollen
doch fertig werden?
BECKMESSER

So schliesst euch ein,
und schweigt dazu still!
SACHS

Des Nachts arbeiten
macht Beschwerden;
wenn ich da
munter bleiben will,
da brauch' ich Luft
und frischen Gesang:
drum hört, wie der dritte

(Er wichst den Draht ersichtlich)

Vers gelang!
  Jerum! Jerum!
BECKMESSER

Er macht mich rasend!
SACHS

Hallo hallohe!
BECKMESSER

Das grobe Geschrei!
SACHS

O ho! Tralalei! O he!
BECKMESSER

Am End' denkt sie gar, dass ich das sei!

(Er hält sich die Ohren zu
und geht verzweiflungsvoll, sich
mit sich beratend, die Gasse vor
dem Fenster auf und ab)
SACHS

O Eva! hör' mein' Klageruf,
mein' Not und schwer Verdrüssen!
Die Kunstwerk', die ein Schuster schuf,
sie tritt die Welt mit Füssen!
Gäb' nicht ein Engel Trost,
der gleiches Werk erlos't,
und rief mich oft ins Paradies,
wie ich da Schuh' und Stiefel liess!
Doch wenn mich der im Himmel hält,
dann liegt zu Füssen mir die Welt,
und bin in Ruh'
Hans Sachs, ein Schuh-
macher und Poet dazu!
BECKMESSER
(späht nach dem Fenster,
welches leise geöffnet wird
und an welchem vorsichtig Magdalene
in Evas Kleidung sich zeigt)


Das Fenster geht auf! Herr Gott! 's ist sie.
EVA
(mit grosser Aufregung)

Mich schmerzt das Lied, ich weiss nicht wie!
O fort! Lass uns fliehen!
WALTHER
(das Schwert halb ziehend)

Nun denn: mit dem Schwert!
EVA

Nicht doch! Ach halt!
WALTHER
(die Hand vom Schwert nehmend)

Kaum wär' er's wert.
  EVA

Ja, besser Geduld! O bester Mann!
Dass ich so Not dir machen kann!
BECKMESSER

Jetzt bin ich verloren, singt der noch fort!

(Er tritt zu Sachs an den Laden heran
und klimpert während des Folgenden,
mit dem Rücken der Gasse zugewendet,
seitwärts auf der Laute,
um Magdalene am Fenster festzuhalten)


Freund Sachs! So hört doch nur ein Wort!
  WALTHER
(leise zu Eva)

Wer ist am Fenster?
EVA
(leise)

's ist Magdalene.
BECKMESSER

Wie seid ihr auf die Schuh' versessen!
Ich hatt' sie wahrlich schon vergessen.
Als Schuster seid ihr mir wohl wert,
als Kunstfreund doch weit mehr verehrt.
WALTHER

Das heiss' ich vergelten. Fast muss ich lachen.
EVA

Wie ich ein End' und Flucht mir ersehne!
WALTHER

Ich wünscht', er möchte den Anfang machen.
(Walther und Eva, auf der Bank sanft aneinender gelehnt, verfolgen des weiteren den Vorgang zwischen Sachs und Beckmesser mit wachsender Teilnahme)
BECKMESSER

Eu'r Urteil, glaubt, das halt' ich hoch;

(Er klimpert wiederholt seitwärts
nach dem Fenster gewandt)


drum bitt ich, hört das Liedlein doch,
mit dem ich morgen möcht gewinnen,
ob das auch recht nach eu'ren Sinnen.
SACHS

Oha! Wollt mich beim Wahne fassen?
Mag mich nicht wieder schelten lassen.
Seit sich der Schuster dünkt Poet,
gar übel es um eu'r Schuhwerk steht:
ich seh', wie's schlapp't,
und überall klappt;
d'rum lass ich Vers und Reim'
gar billig nun daheim,
Verstand und Witz und Kenntnis dazu,
mach' euch für morgen die neuen Schuh'!
BECKMESSER
(kreischend)

Lasst das doch sein! Das war ja nur Scherz.
Vernehmt besser, wie's mir ums Herz.
Vom Volk seid ihr geehrt,
auch der Pognerin seid ihr wert:
will ich vor aller Welt
nun morgen um die werben,
sagt! könnt's mich nicht verderben,
wenn mein Lied ihr nicht gefällt?
Drum hört mich ruhig an,
und sang ich, sagt mir dann,
was euch gefällt, was nicht, -
dass ich mich darnach richt'!
SACHS

Ei! lasst mich doch in Ruh'!
Wie käme solche Ehr' mir zu?
Nur Gassenhauer dicht' ich zum meisten:
drum sing' ich zur Gassen und hau auf den Leisten!
  (fortarbeitend)

Jerum! Jerum!
Hallo, hallohe!
Oho! Tralalei! Ohe!
BECKMESSER

Verfluchter Kerl! Den Verstand verlier' ich,
mit seinem Lied voll Pech und Schmierich!
Schweigt doch! Weckt ihr die Nachbarn auf?
SACHS

Die sind's gewöhnt. 's hört keiner drauf.
O Eva, Eva! -
BECKMESSER
(in höchste Wut ausbrechend)

Oh, ihr boshafter Geselle!
Ihr spielt mir heut' den letzten Streich!
Schweigt ihr jetzt nicht auf der Stelle,
so denkt ihr d'ran, das schwör' ich euch!

(Er klimpert wütend)

Neidisch seid ihr, nichts weiter,
dünkt ihr euch auch gleich gescheiter;
dass andre auch 'was sind, ärgert euch schändlich:
glaubt, ich kenne euch aus- und inwendlich!
Dass man euch noch nicht zum Merker gewählt,
das ist's, was den gallichten Schuster quält.
Nun gut! Solang' als Beckmesser lebt,
und ihm noch ein Reim an den Lippen klebt;
solang' ich noch bei den Meistern 'was gelt',
ob Nürnberg blüh' und wachs',
das schwör' ich Herrn Hans Sachs,
nie wird er je zum Merker bestellt.
SACHS
(der ihm ruhig und
aufmerksam zugehört bat)


War das eu'r Lied?
BECKMESSER

Der Teufel hol's!
SACHS

Zwar wenig Regel, doch klang's recht stolz.
BECKMESSER

Wollt ihr mich hören?
SACHS

In Gottes Namen,
singt zu: ich schlag' auf die Sohl' die Rahmen.
BECKMESSER

Doch schweigt ihr still?
SACHS

Ei, singet ihr,
die Arbeit, schaut, fördert's auch mir.

(Er schlägt fort auf den Leisten.)
BECKMESSER

Das verfluchte Klopfen wollt ihr doch lassen?
SACHS

Wie sollt' ich die Sohl' euch richtig fassen!
BECKMESSER

Was? Ihr wollt klopfen, und ich soll singen?
SACHS

Euch muss das Lied, mir der Schuh gelingen.
BECKMESSER

Ich mag keine Schuh'!
SACHS

Das sagt ihr jetzt:
in der Singschul' ihr mir's dann wieder versetzt.
Doch hört! Vielleicht sich's richten lässt;
zweieinig geht der Mensch am best'.
Darf ich die Arbeit nicht entfernen,
die Kunst des Merkers möcht' ich erlernen:
darin kommt euch nun keiner gleich:
ich lern' sie nie, wenn nicht von euch.
D'rum, singt ihr nun, ich acht' und merk',
und fördr' auch wohl dabei mein Werk.
BECKMESSER

Merkt immer zu; und was nicht gewann,
nehmt eure Kreide und streicht mir's an.
SACHS

Nein, Herr! da fleckten die Schuh' mir nicht:
mit dem Hammer auf den Leisten halt' ich Gericht.
BECKMESSER

Verdammte Bosheit! Gott, und's wird spät!
Am End' mir die Jungfer vom Fenster geht!

(Er klimpert eifrig.)
SACHS

Fanget an! 's pressiert! Sonst sing' ich für mich.
BECKMESSER

Haltet ein! Nur das nicht! (Teufel! wie ärgerlich!)
Wollt ihr euch denn als Merker erdreisten,
nun gut, so merkt mit dem Hammer auf den Leisten:
nur mit dem Beding, nach den Regeln scharf,
aber nichts, was nach den Regeln ich darf.
SACHS

Nach den Regeln, wie sie der Schuster kennt,
dem die Arbeit unter den Händen brennt.
BECKMESSER

Auf Meisterehr'?
SACHS

Und Schustermut!
BECKMESSER

Nicht einen Fehler: glatt und gut!
SACHS

Dann ging't ihr morgen unbeschuh't!
(Nachtwächter sehr entfernt auf dem Horn)
  WALTHER
(leise zu Eva auf den Steinsitz
vor der Ladentüre deutend)


Welch' toller Spuk! Mich dünkt's ein Traum:
den Singstuhl, scheint's, verliess ich kaum.
SACHS

Setzt euch denn hier!
BECKMESSER
(sich nach der Ecke
des Hauses zurückziehend)


Lasst mich hier stehen.
SACHS

Warum so weit?
BECKMESSER

Euch nicht zu sehen,
wie's Brauch der Schul' vor dem Gemerk.
EVA
(sanft an Walthers Brust gelehnt)

Die Schläf' umwebt mir's wie ein Wahn:
ob Heil, ob's Unheil, was ich ahn'?
SACHS

Da hör ich euch schlecht.
BECKMESSER

Der Stimme Stärk'
ich so gar lieblich dämpfen kann.

(Er stellt sich ganz um die Ecke,
dem Fenster gegenüber, auf und stimmt
die in der Wut unversehens
himaufgeschraubte D-Saite wieder herunter)
SACHS

(Wie fein!) Nun, gut denn! Fanget an!
(Kurzes Vorspiel Beckmesser auf der Laute, wozu Magdalene sich breit in das Fenster legt)


Music





Music
BECKMESSER

"Den Tag seh' ich erscheinen,
der mír wohl géfall'n tút:

(Sachs schlägt auf;
Beckmesser schüttelt sich.)


da fásst mein Hérz sich einen

(Er setzt heftig ab, singt aber weiter)

gutén und fríschen" -

(Sachs hat zweimal geschlagen:
Beckmesser wendet sich wütend
um die Ecke herum)


Treibt ihr hier Scherz?
Was wär' nicht gelungen?



Music
SACHS

Besser gesungen:
"da fasst mein Herz
sich einen guten, frischen"? -
BECKMESSER

Wie soll sich das reimen
auf "seh' ich erscheinen"?
SACHS

Ist euch an der Weise nichts gelegen?
Mich dünkt', sollt' passen Ton und Wort?
BECKMESSER

Mit euch zu streiten? Lasst von den Schlägen,
sonst denkt ihr mir dran!
SACHS

Jetzt fahret fort.
BECKMESSER

Bin ganz verwirrt!
SACHS

So fangt noch 'mal an:
drei Schläg' ich jetzt pausieren kann.
BECKMESSER
(beiseite)

Am besten, wenn ich ihn gar nicht beacht':
wenn's nur die Jungfer nicht irre macht!
"Den Tag seh' ich erscheinen,
der mír wohl géfall'n tút;
da fásst mein Hérz sich einen
gutén und frischen Mút:
da denk' ich nicht an Sterben,
lieber an Werben
um júng Mägdéleins Hánd.
Warum wohl aller Tage
schönstér mag dieser sein?

(ärgerlieh)

Allén hier ich es ságe:
weil ein schönés Fräuléin
von ihrem lieb'n Herrn Vater,
wie gélobt hat er,
ich béstimmt zum Ehstánd.

(sehr ärgerlich)

Wer sich getrau',
der komm' und schau'
dastéh'n die hóld lieblích Jungfráu,
auf díe ich áll' mein' Hoffnung báu,
darúm ist dér Tag só schön bláu,
als ich anfänglich fand".

(Beckmesser, der bei jedem Schlage
schmerzlich zusammenzuckte, war genötig,
bei Berkämpfung der inneren Wut oft den Ton,
den er immer zärtlich zu halten sich bemükte,
kurz und heftig auszustossen, was das Komische
seines an sich gänzlich prosodielosen
Vortrages sehr vermehrte. Jetzt bricht
er wütend um die Ecke auf Sachs los)


Sachs! Seht, ihr bringt mich um!
Wollt ihr jetzt schweigen?
SACHS

Ich bin ja stumm!
Die Zeichen merkt' ich; wir sprechen dann;
derweil lassen die Sohlen sich an.
BECKMESSER
(gewahrend, dass Magdalene
sich vom Fenster entfernen will)


Sie entweicht? Bst! Bst! Herr Gott, ich muss!

(um die Ecke herum,
die Faust gegen Sachs ballend)


Sachs, euch gedenk' ich die Argernus.

(Er macht sich zum zweiten Vers fertig)
SACHS
(mit dem Hammer nach dem Leisten ausholend)

Merker am Ort:
fahret fort!
BECKMESSER
(immer stärker und atemloser)

"Will héut mir dás Herz hüpfen,
werbén um Fräulein júng,
doch tät' der Váter knüpfén
darán ein' Bédingúng
für dén, wer ihn beérben
will' únd auch wérben
um seín Kindélein féin.
Der Zúnft ein bíed'rer Méister,
wohl séin Tochtér er líebt,
doch zúgleich auch bewéist er,
was ér auf díe Kunst gíbt:
zum Préise múss es bringen
im Meistersingen,
wer séin Eidám will sein.

(Er stampft wütend mit den Füssen)

Nun gilt es Kunst,
dass mit Vergunst
ohn' all' schädlich gemeinen Dunst
ihm glücke dés Preisés Gewúnst,
wer bégehrt mít wahrér Inbrúnst,

(Sachs, welcher kopfschüttelnd es aufgibt
die einzelnen Fehler anzumerken, arbeitet
hämmernd fort, um den Keil
aus dem Leisten zu schlagen)


um die Jungfrau zu frei'n!"
SACHS
(über den Laden weit berausgelehnt)

Seid ihr nun fertig?
BECKMESSER
(in höchster Angst)

Wie fraget ihr?
SACHS
(hält die fertigen Schuhe
triumphierend heraus)


Mit den Schuhen ward ich fertig schier.

(während er die Schuhe an den Bändern
hoch in der Luft tanzen lässt)


Das heiss' ich mir echte Merkerschuh':
mein Merkersprüchlein hört dazu!
  (sehr kräftig)

Mit lang' und kurzen Hieben
steht's auf der Sohl' geschrieben:
da lest es klar,
und nehmt es wahr,
und merkt's euch immerdar.
Gut Lied will Takt:
wer den verzwackt,
dem Schreiber mit der Feder
hau't ihn der Schuster auf's Leder.
Nun lauft in Ruh',
habt gute Schuh',
der Fuss euch d'rin nicht knackt,
ihn hält die Sohl' im Takt!
BECKMESSER
(der sich ganz in die Gasse zurückgezogen
hat und an die Mauer mit dem Rücken
sich anlehnt, singt, um Sachs zu übertäuben,
mit grösster Anstrengung, schreiend und
atemlos hastig, während er die Laute
wütend nach Sachs zu schwingt)


"Darf ich mich Meister nennen,
das béwähr' ích heut' gérn,
weil ích nach dém Preis brennen
muss dúrsten und hungérn.
Nun ruf' ich die neun Músen,
dass an sie blusen
mein' dicht'rischen Verstand.
Wohl kénn' ich alle Régeln,
halté gut Máss und Záhl;
doch Sprung und überkégeln
wohl pássiert je einmal,
wann dér Kopf ganz voll Zagen
zu frei'n will wagen
um júng Mägdéleins Hand.

(Er verschnauft sich)

Ein Junggesell,
trug ich mein Fell,
mein' Ehr', Amt, Würd' und Brot zur Stell',
dass éuch mein Gésang wóhl gefäll',
und mich das Júngfräuléin erwähl',
wenn sie mein Lied gut fand".
NACHBARN
(erst einige, dann immer mehrere,
öffnen in der Gasse die Fenster
und gucken heraus)


Was heult denn da? Wer kreischt mit Macht?
Ist das erlaubt, so spät zur Nacht?
Gebt Ruhe hier! 's ist Schlafenszeit.
Mein', hört nur, wie dort der Esel schreit!
Ihr da! Seid still und schert euch fort!
Heult, kreischt und schreit an and'rem Ort!
DAVID
(hat den Fensterladen, dicht hinter
Beckmesser, ein wenig geöffnet und
lugt daraus hervor)
(Er wird Magdalene gewahr)


Wer Teufel, hier? Und drüben gar?
Die Lene ist's, ich seh' es klar!
Herr Je! Der war's! Den hat sie bestellt.
Der ist's, der ihr besser als ich gefällt.
Nun warte, du kriegst's! Dir streich' ich das Fell!

(Er entfernt sich nach innen)
(David ist, mit einem Knüppel bewaffnet, zurückgekommen, steigt aus dem Fenster und wirft sich auf Beckmesser. Magdalene winkt, da sie David wiederkommen sieht, diesem heftig zurück, was Beckmesser, als Zeichen des Missfallens deutend, zur äussersten Verzweiflung im Gesangsausdrucke bringt)
DAVID

Zum Teufel mit dir, verdammter Kerl!
(Beckmesser wehrt sich, will fliehen. David hält ihn am Kragen)
(Sachs beobachtet noch eine Zeitlang den wachsenden Tumult, löscht aber alsbald sein Licht aus und schliesst den Laden so weit, dass er, ungesehen, stets durch eine kleine Öffnung den Platz unter der Linde beobachten kann. Walther und Eva sehen mit wachsender Sorge dem anschwellenden Auflaufe zu: er schliesst sie in seinen Mantel fest an sich und birgt sich hart an der Linde im Gebüsche, so dass beide fast ungesehen bleiben. Die Nachbarn verlassen die Fenster und kommen nach und nach in Nachtkleidern einzeln auf die Strasse herab)