RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(ZWEITER AUFZUG)
SIEBENTE SZENE
MAGDALENE
(am Fenster, schreiend)

Ach, Himmel! David! Gott, welche Not!
Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sie schlagen sich tot!
BECKMESSER

Verfluchter Bursch! Lässt du mich los?
DAVID

Gewiss! Die Glieder brech' ich dir bloss!
(Beckmesser und David balgen sich fortwährend; bald verschwinden sie gänzlich, bald kommen sie wieder in den Vordergrund, Beckmesser immer auf der Flucht, David ihn einholend, festhaltend und prügelnd)
NACHBARN

Seht nach! Springt zu! Da würgen sich zwei!
Heda! Herbei! 's gibt Schlägerei:
Ihr da, lasst los! Gebt freien Lauf!
Lasst ihr nicht los, wir schlagen drauf!
EIN NACHBAR

Ei, seht! Auch ihr hier! Geht's euch was an?
EIN ZWEITER

Was sucht ihr hier? Hat man euch 'was getan?
ERSTER NACHBAR

Euch kennt man gut!
ZWEITER NACHBAR

Euch noch viel besser!
ERSTER NACHBAR

Wieso denn?
ZWEITER NACHBAR
(zuschlagend)

Ei so!
  EINIGE

Sind die Schuster.
ANDERE

Nein, sind die Schneider.
DIE ERSTEREN

Die Trunkenbolde!
DIE ANDEREN

Die Hungerleider!
DIE NACHBARN
(auf der Gasse durcheinander)

Esel! Dummrian!
Euch gönnt ich's schon lange!
Wird euch wohl bange?
Das für die Klage!
Seht euch vor, wenn ich schlage!
Hat euch die Frau gehetzt?
Schau', wie es Prügel setzt!
Seid ihr noch nicht gewitzt?
So, schlagt doch! Das sitzt!
Dass dich, Hallunke!
Wartet, ihr Racker!
Ihr Massabzwacker!
Dummer Kerl!
Schert euch heim!
Macht euch fort!
Haltet's Maul!
LEHRBUBEN
(einzeln, dann kommen mehr
von allen Seiten dazu)


Kennt man die Schlosser nicht?
Die haben's sicher angericht'!
Ich glaub', die Schmiede werden's sein!
Nein, 's sind die Schlosser dort, ich wett'!
Ich kenn' die Schreiner dort!
Gewiss, die Metzger sind's.
Hei! Schaut die Schäffler dort beim Tanz!
Dort seh' die Bader ich im Glanz;
herbei zum Tanz!
Immer mehr! 's gibt grosse Keilerei!
Krämer finden sich zur Hand
mit Gerstenstang' und Zuckerkand;
mit Pfeffer, Zimt, Muskatennuss,
sie riechen schön,
doch machen viel Verdruss;
sie riechen schön,
und bleiben gern vom Schuss.
Seht nur, der Has'!
hat überall die Nas'.
Meinst du damit etwa mich?
Mein' ich damit etwa dich?
Immer mehr heran! Jetzt fängt's erst richtig an!
Hei, nun geht's Plauz!
hast du nicht gesehn!
Hast's auf die Schnauz!
Ha! nun geht's: Krach!
Wo es sitzt, da fleckt's,
da wächst kein Gras sobald nicht wieder nach!
GESELLEN
(mit Knütteln bewaffnet,
kommen von verschiedenen Seiten dazu)


Heda! Gesellen 'ran!
Dort wird mit Zank und Streit getan;
da gibt's gewiss noch Schlägerei;
Gesellen, haltet euch dabei!
Gibt's Schlägerei, wir sind dabei!
'sind die Weber! 'sind die Gerber!
Die Preisverderber!
Dacht' ich mir's doch gleich:
spielen immer Streich'.
Wischt's ihnen aus!
Gebt's denen scharf!
Immer mehr, die Kelerei wird gross!
Dort den Metzger Klaus
kenn' ich heraus!
's ist morgen der Fünfte!
'brennt manchem im Haus!
Herbei!
Hei! Hier setzt's Prügel!
Schneider mit dem Bügel!
Zünfte heraus!
Bald ist der Fünfte!
Nur tüchtig d'rauf und d'ran,
wir schlagen los!
Ihr da macht! Packt euch fort!
Wir sind hier grad' am Ort!
Wollet ihr etwa den Weg uns hier verweran?
Macht Platz, wir schlagen drein!
Macht euch selber fort!
Gürtler!
Spengler!
Leimsieder!
Zinngiesser!
Lichtsieder!
Schert euch selber fort!
Wir sind grad' am Ort!
Nicht gewichen!
Schlagt sie nieder!
Keiner weiche!
Tuchscherer!
Leinweber!
Schlagt sie nieder!
DIE MEISTER
(und älteren Bürger,
von verschiedenen Seiten dakukommend)


Was gibt's denn da für Zank und Streit?
Das tost ja weit und breit!
Gebt Ruh' und schert nach Hause euch heim,
sonst schlag' ein Hageldonnerwetter drein!
Schert euch gleich nach Hause heim!
Ei, so schlag' ein heil'ges Hageldonnerwetter drein,
wollt ihr nicht gleich nach Hause heim!
(Nachbarinnen haben die Fenster geöffnet und gucken heraus)
NACHBARINNEN

Was ist das für Zanken und Streit?
Gleich auseinander da, ihr Leut'!
Wär' nur der Vater nicht dabei!
Ach, welche Not! Mein, seht nur hier!
Der Lärm und Streit: 's wird einem angst und bang!
He da! Ihr dort unten,
so seid doch nur gescheit!
Seid ihr denn alle gleich
zu Streit und Zank bereit?
Mein! Dort schlägt
sich mein Mann!
Säh' die Not ich wohl an?
Seid ihr denn alle toll?
Sind euch vom Wein die Köpfe voll?
Hilfe! Der Vater! Der Vater!
Ach, sie hau'n ihn tot!
Peter! So höre doch!
Gott, welche Höllennot!
Hört keines mehr sein Wort!
Die Köpf' und Zöpfe
wackeln hin und her!
Welches Toben!
Welches Krachen!
So hört doch!
Auf, schaffet Wasser her!
Da giesst's auf die Köpf' hinab!
Auf! schreit zu Hilfe!
Mord und Zeter!
Auf, schreit lauter:
Hilfe, Mord und Zeter!
MAGDALENE
(mit höchster Anstrengung)

Hör' doch nur, David!
So lass doch nur den Herrn dort los,
er hat mir nichts getan!
Ach, welche Not!

(hinabspäbend)

Ach, welche Not!
Mein, David, ist er toll!
David, hör,
's ist Herr Beckmesser!
POGNER
(ist im Nachtgewande oben
an das Fenster getreten)


Um Gott! Eva! Schliess zu!
Ich seh', ob unt' im Hause Ruh'!
(Er zieht Magdalene, welche jammernd die Hände nach der Gasse hinabgerungen, herein und schliesst das Fenster)
WALTHER
(der bisher mit Eva sich hinter
dem Gebüsch verborgen, fasst jetzt Eva
dicht in den linken Arm und zieht
mit der rechten Hand das Schwert)


Jetzt gilt's zu wagen,
sich durchzuschlagen!
(Er dringt mit geschwungenem Schwert bis in die Mitte der Bühne vor, um sich mit Eva durch die Gasse durchzuhauen. Da springt Sachs mit einem kräftigen Satze aus dem Laden, bahnt sich mit geschwungenem Knieriemen den Weg bis zu Walther und packt diesen beim Arm.)
(Sogleich mit den Eintritte des Nachtwächterhornes haben die Frauen aus allen Fenstern starke Güsse von Wasser aus Kannen, Krügen und Becken auf die Streitenden hinabstürzen lassen; dieses, mit dem besonders starken Tönen des Hornes zugleich, wirkt auf alle mit einem panischen Schrecken. Nachbarn, Lehrbuben, Gesellen und Meister suchen in eiliger Flucht nach allen Seiten hin das Weite, so dass die Bühne sehr bald gänzlich leer wird; auch die Nachbarinnen verschwinden von den Fenstern, welche sie zuschlagen)
POGNER
(auf der Treppe)

He! Lene! Wo bist du!
SACHS
(die halb ohnmächtige Eva
die Treppe hinaufstossend)


Ins Haus, Jungfer Lene!
(Pogner empfängt Eva und zieht sie am Arm in das Haus, Sachs, mit einem Knieriemen David eines überhauend und mit einem Fusstritt ihn voran in den Laden stossend, zieht Walther, den er mit der andren Hand fest gefasst hält, gewaltsam schnell ebenfalls mit sich hinein und schliesst sogleich fest hinter sich zu. Beckmesser, durch Sachs von David befreit, sucht sich, jämmerlich zerschlagen, eilig durch die Menge zu flüchten).
(Als die Strasse und Gasse leer geworden und alle Häuser geschlossen sind, betritt der Nachtwächter im Vordergrunde rechts die Bühne, reibt sich die Augen, sieht sich verwundert um, schüttelt den Kopf und stimmt mit leise bebender Stimme den Ruf an)
DER NACHTWÄCHTER

Hört', ihr Leut', und lasst euch sagen,
die Glock' hat eilfe geschlagen:
bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk,
dass kein böser Geist eu'r Seel' beruck'!
Lobet Gott, den Herrn!
Music (Der Vollmond tritt hervor und scheint hell in die Gasse hinein; der Nachtwächter schreitet langsam dieselbe hinab).
Music (Als der Nachtwächter um die Ecke biegt, fällt der Vorhang schnell genau mit dem letzten Takt)