

| (DRITTER AUFZUG) | |
| ZWEITE SZENE | |
| (Walther tritt unter der Kammertür ein. Er bleibt einen Augenblick dort stehen und blickt auf Sachs. Dieser wendet sich und lässt den Folianten auf den Boden gleiten) | |
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SACHS Grüss' Gott, mein Junker! Ruhtet ihr noch? Ihr wachtet lang, nun schlieft ihr doch? |
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WALTHER Ein wenig, aber fest und gut. |
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SACHS So ist euch jetzt wohl bass zumut? |
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WALTHER Ich hatt' einen wunderschönen Traum. |
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SACHS Das deutet Gut's: erzählt mir den! |
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WALTHER Ihn selbst zu denken wag' ich kaum: ich fürcht' ihn mir vergeh'n zu seh'n. |
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SACHS Mein Freund! Das grad' ist Dichters Werk, dass er sein Träumen deut' und merk'. Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn wird ihm im Traume aufgetan: all' Dichtkunst und Poeterei ist nichts als Wahrtraumdeuterei. Was gilt's, es gab der Traum euch ein, wie heut' ihr wolltet Meister sein? |
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WALTHER Nein, von der Zunft und ihren Meistern wollt' sich mein Traumbild nicht begeistern. |
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SACHS Doch lehrt' es wohl den Zauberspruch, mit dem ihr sie gewännet? |
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WALTHER Wie wähnt ihr doch, nach solchem Bruch, wenn ihr noch Hoffnung kennet! |
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SACHS Die Hoffnung lass' ich mir nicht mindern, nichts stiess sie noch über'n Haufen; wär's nicht, glaubt, statt eu're Flucht zu hindern, wär' ich selbst mit euch fortgelaufen! Drum bitt' ich, lasst den Groll jetzt ruh'n! Ihr habt's mit Ehrenmännern zu tun; die irren sich, und sind bequem, dass man auf ihre Weise sie nähm'. Wer Preise erkennt und Preise stellt, der will am End' auch, dass man ihm gefällt. Eu'r Lied, das hat ihnen bang' gemacht; und das mit Recht: denn wohl bedacht, mit solchem Dicht'- und Liebesfeuer verführt man wohl Töchter zu Abenteuer; doch für liebseligen Ehestand man and're Wort' und Weisen fand. |
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WALTHER (lächelnd) Die kenn' ich nun auch seit dieser Nacht: es hat viel Lärm auf der Gasse gemacht. |
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SACHS (lachend) Ja, ja! Schon gut! Den Takt dazu hörtet ihr auch! Doch lasst dem Ruh' und folgt meinem Rate, kurz und gut: fasst zu einem Meisterliede Mut! |
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WALTHER Ein schönes Lied, ein Meisterlied: wie fass' ich da den Unterschied? |
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Music |
SACHS (zart) Mein Freund, in holder Jugendzeit, wenn uns von mächt'gen Trieben zum sel'gen ersten Lieben die Brust sich schwellet hoch und weit, ein schönes Lied zu singen, mocht' vielen da gelingen; der Lenz, der sang für sie. Kam Sommer, Herbst und Winterszeit, viel Not und Sorg' im Leben, manch' ehlich Glück daneben, Kindtauf', Geschäfte, Zwist und Streit: denen's dann noch will gelingen, ein schönes Lied zu singen, seht; Meister nennt man die! |
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WALTHER (zart und begeistert) Ich lieb' ein Weib und will es frei'n, mein dauernd Eh'gemahl zu sein. |
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SACHS Die Meisterregeln lernt beizeiten, dass sie getreulich euch geleiten, und helfen wohl bewahren, was in der Jugend Jahren, mit holdem Triebe Lenz und Liebe euch unbewusst ins Herz gelegt, dass ihr das unverloren hegt! |
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WALTHER Steh'n sie nun in so hohem Ruf, wer war es, der die Regeln schuf? |
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SACHS Das waren hoch bedürft'ge Meister, von Lebensmüh' bedrängte Geister: in ihrer Nöten Wildnis sie schufen sich ein Bildnis, dass ihnen bliebe der Jugendliebe ein Angedenken, klar und fest, d'ran sich der Lenz erkennen lässt. |
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WALTHER Doch, wem der Lenz schon lang entronnen, wie wird er dem im Bild gewonnen? |
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SACHS Er frischt es an, so gut er kann: drum möcht'ich, als bedürft'ger Mann, will ich die Regeln euch lehren, sollt ihr sie mir neu erklären. Seht, hier ist Tinte, Feder, Papier: ich schreib's euch auf, diktiert ihr mir! |
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WALTHER Wie ich's begänne, wüsst' ich kaum. |
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SACHS Erzählt mir euren Morgentraum. |
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WALTHER Durch eu'rer Regeln gute Lehr' ist mir's, als ob verwischt er wär'. |
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SACHS Grad' nehmt die Dichtkunst jetzt zur Hand: Mancher durch sie das Verlor'ne fand. |
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WALTHER So wär's nicht Traum, doch Dichterei? |
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SACHS Sind Freunde beid', steh'n gern sich bei. |
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WALTHER Wie fang' ich nach der Regel an? |
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SACHS Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann. Gedenkt des schönen Traums am Morgen: fürs andre lasst Hans Sachs nur sorgen. |
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| (Walther hat sich zu Sachs am Werktisch gesetzt, wo dieser das Gedicht Walthers nachschreibt) | |
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Music |
WALTHER (beginnt, nach kurzer Sammlung, sehr leise, wie heimlich) "Morgenlich leuchtend in rosigem Schein, von Blüt und Duft geschwellt die Luft, voll aller Wonnen, nie ersonnen, ein Garten lud mich ein, Gast ihm zu sein". |
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SACHS Das war ein "Stollen"; nun achtet wohl, dass ganz ein gleicher ihm folgen soll. |
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WALTHER Warum ganz gleich? |
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SACHS Damit man seh', ihr wähltet euch gleich ein Weib zur Eh'. |
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WALTHER "Wonnig entragend dem seligen Raum, bot gold'ner Frucht hellsaft'ge Wucht, mit holdem Prangen dem Verlangen, an duft'ger Zweige Saum, herrlich ein Baum". |
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SACHS Ihr schlosset nicht im gleichen Ton: das macht den Meistern Pein; doch nimmt Hans Sachs die Lehr' davon, im Lenz wohl müss' es so sein. Nun stellt mir einen "Abgesang". |
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WALTHER Was soll nun der? |
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SACHS Ob euch gelang, ein rechtes Paar zu finden, das zeigt sich an den Kinden; den Stollen ähnlich, doch nicht gleich, an eig'nen Reim' und Tönen reich; dass man's recht schlank und selbstig find', das freut die Eltern an dem Kind: und euren Stollen gibt's den Schluss, dass nichts davon abfallen muss. |
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WALTHER "Sei euch vertraut, welch' hehres Wunder mir geschehn: an meiner Seite stand ein Weib, so hold und schön ich nie gesehn: gleich einer Braut umfasste sie sanft meinen Leib; mit Augen winkend, die Hand wies blinkend, was ich verlangend begehrt, die Frucht so hold und wert vom Lebensbaum". |
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SACHS (gerührt) Das nenn' ich mir einen Abgesang: Seht, wie der ganze Bar gelang! Nur mit der Melodei seid ihr ein wenig frei; doch sag' ich nicht, dass das ein Fehler sei; nur ist's nicht leicht zu behalten, und das ärgert uns're Alten. Jetzt richtet mir noch einen zweiten Bar, damit man merk', welch' der erste war. Auch weiss ich noch nicht, so gut ihr's gereimt, was ihr gedichtet, was ihr geträumt. |
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WALTHER "Abendlich glühend in himmlischer Pracht verschied der Tag, wie dort ich lag: aus ihren Augen Wonne saugen, Verlangen einz'ger Macht in mir nur wacht'. Nächtlich umdämmert, der Blick mir sich bricht: wie weit so nah', beschienen da zwei lichte Sterne aus der Ferne, durch schlanker Zweige Licht, hehr mein Gesicht. Lieblich ein Quell auf stiller Höhe dort mir rauscht; jetzt schwellt er an sein hold Getön', so stark und süss ich's nie erlauscht: leuchtend und hell, wie strahlten die Sterne da schön! Zu Tanz und Reigen in Laub und Zweigen der gold'nen sammeln sich mehr, statt Frucht ein Sternenheer im Lorbeerbaum". |
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SACHS (sehr gerührt) Freund, euer Traumbild wies euch wahr: gelungen ist auch der zweite Bar. Wolltet ihr noch einen dritten dichten, des Traumes Deutung würd' er berichten. |
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| (Walther steht schnell auf) | |
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WALTHER Wo fänd' ich die? Genug der Wort'! |
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SACHS (erhebt sich gleichfalls und tritt mit freundlicher Entschiedenheit zu Walther) Dann Tat und Wort am rechten Ort! Drum bitt' ich, merkt mir wohl die Weise: gar lieblich drin sich's dichten lässt. Und singt ihr sie in weit'rem Kreise, so haltet mir auch das Traumbild fest. |
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WALTHER Was habt ihr vor? |
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SACHS Eu'r treuer Knecht fand sich mit Sack und Tasch' zurecht: die Kleider, drin am Hochzeitsfest daheim ihr wollten prangen, die liess er her zu mir gelangen. Ein Täubchen zeigt' ihm wohl das Nest, darin sein Junker träumt. Drum folgt mir jetzt ins Kämmerlein: mit Kleidern, wohl gesäumt, sollen beide wir gezieret sein, wenn's Stattliches zu wagen gilt. Drum kommt, seid ihr gleich mir gewillt. |
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| (Walther schlägt in Sachsens Hand ein; so geleitet ihn dieser ruhig festen Schrittes zur Kammer, deren Türe er ihm ehrerbietig öffnet und dann ihm folgt.) | |
| (Man gewahrt Beckmesser, welcher draussen vor dem Laden erscheint, in grosser Aufgeregtheit hereinlugt und, da er die Werkstatt leer findet, hastig hereintritt) |