RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(DRITTER AUFZUG)
ZWEITE SZENE
(Walther tritt unter der Kammertür ein. Er bleibt einen Augenblick dort stehen und blickt auf Sachs. Dieser wendet sich und lässt den Folianten auf den Boden gleiten)
SACHS

Grüss' Gott, mein Junker! Ruhtet ihr noch?
Ihr wachtet lang, nun schlieft ihr doch?
WALTHER

Ein wenig, aber fest und gut.
SACHS

So ist euch jetzt wohl bass zumut?
WALTHER

Ich hatt' einen wunderschönen Traum.
SACHS

Das deutet Gut's: erzählt mir den!
WALTHER

Ihn selbst zu denken wag' ich kaum:
ich fürcht' ihn mir vergeh'n zu seh'n.
SACHS

Mein Freund! Das grad' ist Dichters Werk,
dass er sein Träumen deut' und merk'.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
all' Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
Was gilt's, es gab der Traum euch ein,
wie heut' ihr wolltet Meister sein?
WALTHER

Nein, von der Zunft und ihren Meistern
wollt' sich mein Traumbild nicht begeistern.
SACHS

Doch lehrt' es wohl den Zauberspruch,
mit dem ihr sie gewännet?
WALTHER

Wie wähnt ihr doch, nach solchem Bruch,
wenn ihr noch Hoffnung kennet!
SACHS

Die Hoffnung lass' ich mir nicht mindern,
nichts stiess sie noch über'n Haufen;
wär's nicht, glaubt, statt eu're Flucht zu hindern,
wär' ich selbst mit euch fortgelaufen!
Drum bitt' ich, lasst den Groll jetzt ruh'n!
Ihr habt's mit Ehrenmännern zu tun;
die irren sich, und sind bequem,
dass man auf ihre Weise sie nähm'.
Wer Preise erkennt und Preise stellt,
der will am End' auch, dass man ihm gefällt.
Eu'r Lied, das hat ihnen bang' gemacht;
und das mit Recht: denn wohl bedacht,
mit solchem Dicht'- und Liebesfeuer
verführt man wohl Töchter zu Abenteuer;
doch für liebseligen Ehestand
man and're Wort' und Weisen fand.
WALTHER
(lächelnd)

Die kenn' ich nun auch seit dieser Nacht:
es hat viel Lärm auf der Gasse gemacht.
SACHS
(lachend)

Ja, ja! Schon gut! Den Takt dazu
hörtet ihr auch! Doch lasst dem Ruh'
und folgt meinem Rate, kurz und gut:
fasst zu einem Meisterliede Mut!
WALTHER

Ein schönes Lied, ein Meisterlied:
wie fass' ich da den Unterschied?



Music
SACHS
(zart)

Mein Freund, in holder Jugendzeit,
wenn uns von mächt'gen Trieben
zum sel'gen ersten Lieben
die Brust sich schwellet hoch und weit,
ein schönes Lied zu singen,
mocht' vielen da gelingen;
der Lenz, der sang für sie.
Kam Sommer, Herbst und Winterszeit,
viel Not und Sorg' im Leben,
manch' ehlich Glück daneben,
Kindtauf', Geschäfte, Zwist und Streit:
denen's dann noch will gelingen,
ein schönes Lied zu singen,
seht; Meister nennt man die!
WALTHER
(zart und begeistert)

Ich lieb' ein Weib und will es frei'n,
mein dauernd Eh'gemahl zu sein.
SACHS

Die Meisterregeln lernt beizeiten,
dass sie getreulich euch geleiten,
und helfen wohl bewahren,
was in der Jugend Jahren,
mit holdem Triebe
Lenz und Liebe
euch unbewusst ins Herz gelegt,
dass ihr das unverloren hegt!
WALTHER

Steh'n sie nun in so hohem Ruf,
wer war es, der die Regeln schuf?
SACHS

Das waren hoch bedürft'ge Meister,
von Lebensmüh' bedrängte Geister:
in ihrer Nöten Wildnis
sie schufen sich ein Bildnis,
dass ihnen bliebe
der Jugendliebe
ein Angedenken, klar und fest,
d'ran sich der Lenz erkennen lässt.
WALTHER

Doch, wem der Lenz schon lang entronnen,
wie wird er dem im Bild gewonnen?
SACHS

Er frischt es an, so gut er kann:
drum möcht'ich, als bedürft'ger Mann,
will ich die Regeln euch lehren,
sollt ihr sie mir neu erklären.
Seht, hier ist Tinte, Feder, Papier:
ich schreib's euch auf, diktiert ihr mir!
WALTHER

Wie ich's begänne, wüsst' ich kaum.
SACHS

Erzählt mir euren Morgentraum.
WALTHER

Durch eu'rer Regeln gute Lehr'
ist mir's, als ob verwischt er wär'.
SACHS

Grad' nehmt die Dichtkunst jetzt zur Hand:
Mancher durch sie das Verlor'ne fand.
WALTHER

So wär's nicht Traum, doch Dichterei?
SACHS

Sind Freunde beid', steh'n gern sich bei.
WALTHER

Wie fang' ich nach der Regel an?
SACHS

Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.
Gedenkt des schönen Traums am Morgen:
fürs andre lasst Hans Sachs nur sorgen.
(Walther hat sich zu Sachs am Werktisch gesetzt, wo dieser das Gedicht Walthers nachschreibt)




Music
WALTHER
(beginnt, nach kurzer Sammlung,
sehr leise, wie heimlich)


"Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,
von Blüt und Duft
geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen,
nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein,
Gast ihm zu sein".
SACHS

Das war ein "Stollen"; nun achtet wohl,
dass ganz ein gleicher ihm folgen soll.
WALTHER

Warum ganz gleich?
SACHS

Damit man seh',
ihr wähltet euch gleich ein Weib zur Eh'.
WALTHER

"Wonnig entragend dem seligen Raum,
bot gold'ner Frucht
hellsaft'ge Wucht,
mit holdem Prangen
dem Verlangen,
an duft'ger Zweige Saum,
herrlich ein Baum".
SACHS

Ihr schlosset nicht im gleichen Ton:
das macht den Meistern Pein;
doch nimmt Hans Sachs die Lehr' davon,
im Lenz wohl müss' es so sein.
Nun stellt mir einen "Abgesang".
WALTHER

Was soll nun der?
SACHS

Ob euch gelang,
ein rechtes Paar zu finden,
das zeigt sich an den Kinden;
den Stollen ähnlich, doch nicht gleich,
an eig'nen Reim' und Tönen reich;
dass man's recht schlank und selbstig find',
das freut die Eltern an dem Kind:
und euren Stollen gibt's den Schluss,
dass nichts davon abfallen muss.
WALTHER

"Sei euch vertraut,
welch' hehres Wunder mir geschehn:
an meiner Seite stand ein Weib,
so hold und schön ich nie gesehn:
gleich einer Braut
umfasste sie sanft meinen Leib;
mit Augen winkend,
die Hand wies blinkend,
was ich verlangend begehrt,
die Frucht so hold und wert
vom Lebensbaum".
SACHS
(gerührt)

Das nenn' ich mir einen Abgesang:
Seht, wie der ganze Bar gelang!
Nur mit der Melodei
seid ihr ein wenig frei;
doch sag' ich nicht, dass das ein Fehler sei;
nur ist's nicht leicht zu behalten,
und das ärgert uns're Alten.
Jetzt richtet mir noch einen zweiten Bar,
damit man merk', welch' der erste war.
Auch weiss ich noch nicht, so gut ihr's gereimt,
was ihr gedichtet, was ihr geträumt.
WALTHER

"Abendlich glühend in himmlischer Pracht
verschied der Tag,
wie dort ich lag:
aus ihren Augen
Wonne saugen,
Verlangen einz'ger Macht
in mir nur wacht'.
Nächtlich umdämmert, der Blick mir sich bricht:
wie weit so nah',
beschienen da
zwei lichte Sterne
aus der Ferne,
durch schlanker Zweige Licht,
hehr mein Gesicht.
Lieblich ein Quell
auf stiller Höhe dort mir rauscht;
jetzt schwellt er an sein hold Getön',
so stark und süss ich's nie erlauscht:
leuchtend und hell,
wie strahlten die Sterne da schön!
Zu Tanz und Reigen
in Laub und Zweigen
der gold'nen sammeln sich mehr,
statt Frucht ein Sternenheer
im Lorbeerbaum".
SACHS
(sehr gerührt)

Freund, euer Traumbild wies euch wahr:
gelungen ist auch der zweite Bar.
Wolltet ihr noch einen dritten dichten,
des Traumes Deutung würd' er berichten.
(Walther steht schnell auf)
WALTHER

Wo fänd' ich die? Genug der Wort'!
SACHS
(erhebt sich gleichfalls und tritt
mit freundlicher Entschiedenheit
zu Walther)


Dann Tat und Wort am rechten Ort!
Drum bitt' ich, merkt mir wohl die Weise:
gar lieblich drin sich's dichten lässt.
Und singt ihr sie in weit'rem Kreise,
so haltet mir auch das Traumbild fest.
WALTHER

Was habt ihr vor?
SACHS

Eu'r treuer Knecht
fand sich mit Sack und Tasch' zurecht:
die Kleider, drin am Hochzeitsfest
daheim ihr wollten prangen,
die liess er her zu mir gelangen.
Ein Täubchen zeigt' ihm wohl das Nest,
darin sein Junker träumt.
Drum folgt mir jetzt ins Kämmerlein:
mit Kleidern, wohl gesäumt,
sollen beide wir gezieret sein,
wenn's Stattliches zu wagen gilt.
Drum kommt, seid ihr gleich mir gewillt.
(Walther schlägt in Sachsens Hand ein; so geleitet ihn dieser ruhig festen Schrittes zur Kammer, deren Türe er ihm ehrerbietig öffnet und dann ihm folgt.)
(Man gewahrt Beckmesser, welcher draussen vor dem Laden erscheint, in grosser Aufgeregtheit hereinlugt und, da er die Werkstatt leer findet, hastig hereintritt)