RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(DRITTER AUFZUG)
DRITTE SZENE
Beckmesser ist sehr aufgeputzt, aber in sehr leidendem Zustande. Er blickt sich erst unter der Türe nochmals genau in der Werkstat um. Dann hinkt er vorwärts, zuckt aber zusammen und streicht sich den Rücken. Er macht wieder einige Schritte, knickt aber mit den Knien und streicht nun diese. Er setzt sich auf den Schusterschemel, fährt aber schnell schmerzhaft wieder auf. Er betrachtet sich Schemel und gerät dabei in immer aufgeregteres Nachsinnen. Er wird von den verdriesslichsten Erinnerungen und Vorstellungen gepeinigt; immer unruhiger beginnt er sich den Schweiss von der Stirne zu wischen. Er hinkt immer lebhafter umher und starrt dabei vor sich hin. Als ob er von allen Seiten verfolgt wäre, taumelt er fliehend hin und her. Wie um nicht umzusinken, hält er sich an den Werktisch, zu dem er hingeschwankt war, an, und starrt vor sich hin. Matt und verzweiflungsvoll sieht er sich um: sein Blick fällt durch das Fenster auf Pogners Haus; er hinkt mühsam an dasselbe heran, und, nach dem gegenüberliegenden Fenster ausspähend, versucht er sich in die Brust zu werfen, als ihm sogleich Ritter Walther einfällt. Ärgerliche Gedanken entstehen dadurch, gegen die er mit schmeichelndem Selbstgefühle anzukämpfen sucht. Die Eifersucht übermannt ihn; er schlägt sich vor den Kopf. Er glaubt die Verhöhnung der Weiber und Buben auf der Gasse zu vernehmen, wendet sich wütend ab und schmeisst das Fenster zu. Sehr verstört wendet er sich mechanisch wieder dem Werktische zu, indem er, vor sich hinbrütend, nach einer neuen Weise zu suchen scheint. Sein Blick fällt auf das von Sachs zuvor beschriebene Papier, er nimmt es neugierig auf, überfliegt es mit wachsender Aufregung, und bricht endlich wütend aus).
BECKMESSER

Ein Werbelied! Von Sachs! Ist's wahr?
Ha! jetzt wird mir alles klar!

(Da er die Kammertüre gehen hört,
fährt er zusammen und steckt
das Papier eilig in die Tasche)
(Sachs, im Festgewande, tritt ein, kommt vor und hält an, als er Beckmesser gewahrt)
SACHS

Sieh da, Herr Schreiber: auch am Morgen?
Euch machen die Schuh' doch nicht mehr Sorgen?
BECKMESSER

Zum Teufel! so dünn war ich noch nie beschuht;
fühl' durch die Sohl' den feinsten Kies!
SACHS

Mein Merkersprüchlein wirkte dies;
trieb sie mit Merkerzeichen so weich.
BECKMESSER

Schon gut der Witz' und genug der Streich'!
Glaubt mir, Freund Sachs: jetzt kenn' ich euch!
Der Spass von dieser Nacht,
der wird euch noch gedacht.
Dass ich euch nur nicht im Wege sei,
schuf't ihr gar Aufruhr und Meuterei!
SACHS

's war Polterabend, lasst euch bedeuten;
eure Hochzeit spukte unter den Leuten:
je toller es da hergeh',
je besser bekommt's der Eh'!







Music
BECKMESSER
(wütend)

Oh, Schuster, voll von Ränken
und pöbelhaften Schwänken!
Du warst mein Feind von je:
nun hör', ob hell ich seh'. -
Die ich mir auserkoren,
die ganz für mich geboren,
zu aller Witwer Schmach
der Jungfer stellst du nach.
Dass sich Herr Sachs erwerbe
des Goldschmieds reiches Erbe,
im Meisterrat zur Hand
auf Klauseln er bestand,
ein Mägdlein zu betören,
das nur auf ihn sollt' hören,
und andren abgewandt,
zu ihm allein sich fand.
Darum! Darum!
Wär' ich so dumm?
Mit Schreien und mit Klopfen
wollt' er mein Lied zustopfen,
dass nicht dem Kind werd' kund,
wie auch ein Andrer bestund.
Ja, ja! Ha, ha!
Hab' ich dich da?
Aus seiner Schusterstuben
hetzt' endlich er den Buben
mit Knüppeln auf mich her,
dass meiner los er wär'!
Au, au! Au, au!
Wohl grün und blau,
zum Spott der allerliebsten Frau,
zerschlagen und zerprügelt,
dass kein Schneider mich aufbügelt.
Gar auf mein Leben
war's angegeben.
Doch kam ich noch so davon,
dass ich die Tat euch lohn':
zieht heut' nur aus zum Singen,
merkt auf, wie's mag gelingen!
Bin ich gezwackt
auch und zerhackt,
euch bring' ich doch sicher aus dem Takt.
SACHS

Gut Freund, ihr seid in argem Wahn!
Glaubt was ihr wollt, was ich getan,
gebt eure Eifersucht nur hin;
zu werben kommt mir nicht in Sinn.
BECKMESSER

Lug und Trug! Ich kenn es besser.
SACHS

Was fällt euch nur ein, Meister Beckmesser?
Was ich sonst im Sinn, geht euch nichts an;
doch glaubt, ob der Werbung seid ihr im Wahn.
BECKMESSER

Ihr sängt heut' nicht?
SACHS

Nicht zur Wette.
BECKMESSER

Kein Werbelied?
SACHS

Gewisslich, nein!
BECKMESSER
(greift in die Tasche)

Wenn ich aber d'rob ein Zeugnis hätte?
SACHS
(blickt auf den Werktisch)

Das Gedicht? hier liess ich's. Stecktet ihr's ein?
BECKMESSER
(das Blatt hervorziehend)

Ist das eure Hand?
SACHS

Ja, war es das?
BECKMESSER

Ganz frisch noch die Schrift?
SACHS

Und die Tinte noch nass?
BECKMESSER

's wär' wohl gar ein biblisches Lied?
SACHS

Der fehlte wohl, wer darauf riet'!
BECKMESSER

Nun denn?
SACHS

Wie doch?
BECKMESSER

Ihr fragt?
SACHS

Was noch?
BECKMESSER

Dass ihr mit aller Biederkeit
der ärgste aller Spitzbuben seid!
SACHS

Mag sein; doch hab' ich noch nie entwandt,
was ich auf fremden Tischen fand:
und dass man von euch auch nicht Übles denkt,
behaltet das Blatt, es sei euch geschenkt.
BECKMESSER
(in freudigem Schreck aufspringend)

Herr Gott! Ein Gedicht? Ein Gedicht von Sachs!
Doch halt', dass kein neuer Schad' mir erwachs'!
Ihr habt's wohl schon recht gut memoriert?
SACHS

Seid meinethalb doch nur unbeirrt!
BECKMESSER

Ihr lasst mir das Blatt?
SACHS

Damit ihr kein Dieb.
BECKMESSER

Und macht' ich Gebrauch?
SACHS

Wie's euch beliebt'.
BECKMESSER

Und sing' ich das Lied?
SACHS

Wenn's nicht zu schwer.
BECKMESSER

Und wenn ich gefiel?
SACHS

Das wunderte mich sehr.
BECKMESSER
(ganz zutraulich)

Da seid ihr nun wieder zu bescheiden;
ein Lied von Sachs, das will was bedeuten!
Und seht nur, wie mir's ergeht,
wie's mit mir Ärmsten steht!
Erseh' ich doch mit Schmerzen,
das Lied, das nachts ich sang,
Dank euren lust'gen Scherzen,
es machte der Pognerin bang'.
Wie schaff' ich mir nun zur Stelle,
ein neues Lied herzu?
Ich armer, zerschlag'ner Geselle,
wie fänd' ich heut' dazu Ruh'.
Werbung und ehlich Leben,
ob das mir Gott beschied,
muss ich nun grad' aufgeben,
hab' ich kein neues Lied.
Ein Lied von euch, dess bin ich gewiss,
mit dem besieg' ich jed' Hindernis:
soll ich das heute haben,
vergessen, begraben
sei Zwist, Hader und Streit
und was uns je entzweit!

(Er blickt seitwärts in das Blatt:
plötzlich runzelt sich seine Stirne)


Und doch! Wenn's nur eine Falle wär'!
Noch gestern war't ihr mein Feind:
wie käm's, dass nach so grosser Beschwer'
ihr's freundlich heut mit mir meint?
SACHS

Ich macht' euch Schuh' in später Nacht:
hat man je so einen Feind bedacht?
BECKMESSER

Ja, ja! Recht gut! Doch eines schwört:
wo und wie ihr das Lied auch hört,
dass nie ihr euch beikommen lasst,
zu sagen, das Lied sei von euch verfasst.
SACHS

Das schwör' ich, und gelob' euch hier:
nie mich zu rühmen, das Lied sei von mir.
BECKMESSER
(sich vergnügt die Hände reibend)

Was will ich mehr? Ich bin geborgen:
jetzt braucht sich Beckmesser nicht mehr zu sorgen.
SACHS

Doch, Freund, ich führ's euch zu Gemüte,
und tat es euch in aller Güte:
studiert mir recht das Lied;
sein Vortrag ist nicht leicht:
ob euch die Weise geriet,
und ihr den Ton erreicht.




































Music
BECKMESSER

Freund Sachs, ihr seid ein guter Poet;
doch was Ton und Weise betrifft, gesteht,
da tut mir's keiner vor.
Drum spitzt nur fein das Ohr,
und: "Beckmesser,
keiner besser!"
Darauf macht euch gefasst,
wenn ihr mich ruhig singen lasst.
Doch nun memorieren,
schnell nach Haus:
ohne Zeit zu verlieren
richt' ich das aus.
Hans Sachs, mein Teurer,
ich hab' euch verkannt;
durch den Abenteurer
ward ich verrannt:

(sehr zutraulich)

(so einer fehlte uns bloss!
Den wurden wir Meister doch los!)
Doch mein Besinnen
läuft mir von hinnen!
Bin ich verwirrt
und ganz verirrt?
Die Silben, die Reime,
die Worte, die Verse!
Ich kleb' wie am Leime,
und brennt doch die Ferse.
Ade! Ich muss fort!
An andrem Ort
dank' ich euch inniglich,
weil ihr so minniglich;
für euch nur stimme ich,
kauf' eure Werke gleich,
mache zum Merker euch,
doch fein mit Kreide weich,
nicht mit dem Hammerstreich!
Merker! Merker! Merker Hans Sachs!
Dass Nürnberg schusterlich blüh' und wachs'!
(Beckmesser nimmt tanzend von Sachs Abschied, taumelt und poltert der Ladentüre zu; plötzlich glaubt er, das Gedicht in seiner Tasche vergessen zu haben, läuft wieder vor, sucht ängstlich auf dem Werktische, bis er es in der eigenen Hand gewahr wird: darüber scherzhaft erfreut, umarmt er Sachs nochmals, voll feurigen Dankes, und stürzt dann, hinkend und strauchelnd, geräuschvoll durch die Ladentür ab)
SACHS
(sieht Beckmesser gedankenvoll
lächelnd nach)


So ganz boshaft doch keinen ich fand;
er hält's auf die Länge nicht aus:
vergeudet mancher oft viel Verstand,
doch hält er auch damit Haus:
die schwache Stunde kommt für jeden,
da wird er dumm und lässt mit sich reden.
Dass hier Herr Beckmesser ward zum Dieb,
ist mir für meinen Plan gar lieb.

(Eva nähert sich auf
der Strasse der Ladentür)
(Er wendet sich und gewahrt Eva)


Sieh', Evchen! Dacht' ich doch, wo sie blieb'!