RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(DRITTER AUFZUG)
VIERTE SZENE
(Eva, reich geschmückt, in glänzend weisser Kleidung, etwas leidend und blass, tritt zum Laden herein und schreitet langsam vor)
SACHS

Grüss Gott, mein Evchen! Ei, wie herrlich
und stolz du's heute meinst!
Du machst wohl Alt und Jung begehrlich,
wenn du so schön erscheinst.


Music
EVA

Meister, 's ist nicht so gefährlich:
und ist's dem Schneider geglückt,
wer sieht dann, wo's mir beschwerlich,
wo still der Schuh mich drückt?
SACHS

Der böse Schuh! 's war deine Laun',
dass du ihn gestern nicht probiert!
EVA

Merk' wohl, ich hatt' zu viel Vertrau'n;
im Meister hatt' ich mich geirrt.
SACHS

Ei, 's tut mir leid! Zeig' her, mein Kind,
dass ich dir helfe gleich geschwind.
EVA

Sobald ich stehe, will es geh'n;
doch, will ich geh'n, zwingt mich's zu steh'n.
SACHS

Hier auf den Schemel streck' den Fuss:
der üblen Not ich wehren muss.

(Sie streckt einen Fuss auf
dem Schemel am Werktiscb aus)


Was ist mit dem?
EVA

Ihr seht, zu weit!
SACHS

Kind, das ist pure Eitelkeit;
der Schuh ist knapp.
EVA

Das sagt' ich ja:
drum drückt er mich an den Zehen da.
SACHS

Hier links?
EVA

Nein, rechts.
SACHS

Wohl mehr am Spann?
EVA

Hier mehr am Hacken.
SACHS

Kommt der auch dran?
EVA

Ach, Meister! Wüsstet ihr besser als ich,
wo der Schuh mich drückt?
(Walther, in glänzender Rittertracht, tritt unter die Türe der Kammer)
SACHS

Ei! 's wundert mich,
dass er zu weit und doch drückt überall!
(Eva stösst einen Schrei aus und bleibt, unverwandt auf Walther blickend, in ihrer Stellung mit dem Fusse auf dem Schemel)
EVA

Ah!
SACHS

Aha! Hier sitzt's: nun begreif' ich den Fall.

(Sachs, der vor ihr niedergebückt steht,
bleibt mit dem Rücken der Türe zugekehrt,
ohne Walthers Eintritt zu beachten)


Kind, du hast recht: 's stak in der Naht.
Nun warte, dem Übel schaff ich Rat:

(Walther, durch den Anblick Evas festgebannt,
bleibt ebenfalls unbeweglich unter
der Türe stehen)


bleib' nur so steh'n; ich nehm' dir den Schuh'
eine Weil' auf den Leisten, dann lässt er dir Ruh'!

(Sachs hat Eva sanft den Schuh
vom Fusse gezogen; während sie
in ihrer Stellung verbleibt, macht er
sich am Werktisch mit dem Schuh
zu schaffen, und tut, als beachte
er nichts anderes)
(bei der Arbeit)


Immer schustern, das ist nun mein Los;
des Nachts, des Tags, komm' nicht da von los.
Kind, hör' zu: ich hab' mir's überdacht,
was meinem Schustern ein Ende macht:
am besten, ich werbe doch nun um dich;
da gewänn' ich doch 'was als Poet für mich.
Du hörst nicht drauf? So sprich doch jetzt!
Hast mir's ja selbst in den Kopf gesetzt.
Schon gut! ich merk': "mach deine Schuh!"
Säng' mir nur wenigstens einer dazu!
Hörte heut' gar ein schönes Lied:
wem dazu wohl ein dritter Vers geriet'?
WALTHER
(den begeisterten Blick
unverwandt auf Eva geheftet)


"Weilten die Sterne im lieblichen Tanz?
So licht und klar
im Lockenhaar,
vor allen Frauen
hehr zu schauen,
lag ihr mit zartem Glanz
ein Sternenkranz".
SACHS
(immer fort arbeitend)

Lausch', Kind! Das ist ein Meisterlied.
WALTHER

"Wunder ob Wunder nun bieten sich dar:
zwiefachen Tag
ich grüssen mag;
denn gleich zwei'n Sonnen
reinster Wonnen,
der hehrsten Augen Paar
nahm' ich da wahr".
SACHS
(beiseite zu Eva)

Derlei hörst du jetzt bei mir singen.
WALTHER

"Huldreichstes Bild,
dem ich zu nahen mich erkühnt!
Den Kranz, von zweier Sonnen Strah
zugleich verblichen und ergrünt,
minnig und mild
sie flocht ihn um das Haupt dem Gemahl:
  dort Huldgeboren,
nun Ruhmerkoren,
giesst paradiesische Lust
sie in des Dichters Brust
im Liebestraurn."
SACHS
(hat den Schuh zurückgebracht
und ist jetzt darüberher,
ihn Eva wieder an den Fuss zu ziehen)


Nun schau', ob dazu mein Schuh geriet?
Mein' endlich doch,
es tät mir gelingen?
Versuch's, tritt auf! Sag', drückt er dich noch?
(Eva, die wie bezaubert bewegungslos gestanden, gesehen und gehört hat, bricht jetzt in heftiges Weinen aus, sinkt Sachs an die Brust und drückt ihn schluchzend an sich. Walther ist zu ihnen getreten; er drückt Sachs begeistert die Hand, Sachs tut sich endlich Gewalt an, reisst sich wie unmutig los, und lässt dadurch Eva unwillkürlich an Walthers Schulter sich anlehnen)
SACHS

Hat man mit dem Schuhwerk nicht seine Not!
Wär' ich nicht noch Poet dazu,
ich machte länger keine Schuh'!
Das ist eine Müh', ein Aufgebot!
Zu weit dem einen, dem andern zu eng;
von allen Seiten Lauf' und Gedräng':
da klappt's,
da schlappt's,
hier drückt's,
da zwickt's.
Der Schuster soll auch alles wissen,
flicken, was nur immer zerrissen;
und ist er gar Poet dazu,
da lässt man am End' ihm auch da keine Ruh';
doch ist er erst noch Witwer gar,
zum Narren hält man ihn fürwahr:
die jüngsten Mädchen, ist Not an Mann,
begehren, er hielte um sie an;
versteht er sie, versteht er sie nicht,
all eins, ob ja, ob nein er spricht,
am End' riecht er doch nach Pech,
und gilt für dumm, tückisch und frech.
Ei! 's ist mir nur um den Lehrbuben leid;
der verliert mir allen Respekt:
die Lene macht ihn nun nicht recht gescheit,
dass aus Töpf' und Tellern er leckt.
Wo Teufel er jetzt nur wieder steckt!

(Er stellt sich, als wollte
er nach David sehen)






Music
EVA
(indem sie Sachs zurückhält
und von neuem an sich zieht)


O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann!
Wie ich dir Edlem lohnen kann!
Was ohne deine Liebe,
was wär' ich ohne dich,
ob je auch Kind ich bliebe,
erwecktest du nicht mich?
Durch dich gewann ich,
was man preist,
durch dich ersann ich,
was ein Geist;
durch dich erwacht',
durch dich nur dacht'
ich edel, frei und kühn;
du liessest mich erblühn!
Ja, lieber Meister, schilt mich nur:
ich war doch auf der rechten Spur.
Denn, hatte ich die Wahl,
nur dich erwählt' ich mir;
du warest mein Gemahl,
den Preis reicht' ich nur dir.
Doch nun hat's mich gewählt
zu nie gekannter Qual;
und werd' ich heut' vermählt,
so war's ohn' alle Wahl:
das war ein Müssen, war ein Zwang!
Euch selbst, mein Meister, wurde bang'.
SACHS

Mein Kind,
von Tristan und Isolde
kenn' ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte
nichts von Herrn Markes Glück.
's war Zeit, dass ich den Rechten fand,
wär' sonst am End' doch hineingerannt!
Aha! Da streicht die Lene schon ums Haus.
Nur herein! He! David! Kommst nicht heraus?

(Magdalene, in festlichem Staate,
tritt durch die Ladentüre herein.
David, ebenfalls im Festkleid,
mit Blumen und Bändern sehr reich
und zierlich ausgeputzt, kommt
zugleich aus der Kammer heraus.)


Die Zeugen sind da, Gevatter zur Hand:
jetzt schnell zur Taufe! Nehmt euren Stand!

(Alle blicken ihn verwundert an)

Ein Kind ward hier geboren:
Jetzt sei ihm ein Nam' erkoren!
So ist's nach Meisterweis' und Art,
wenn eine Meisterweise geschaffen ward,
dass die einen guten Namen trag',
dran jeder sie erkennen mag.
Vernehmt, respektable Gesellschaft,
was euch heut zur Stell' schafft!
Eine Meisterweise ist gelungen,
von Junker Walther gedichtet und gesungen:
der jungen Weise lebender Vater
lud mich und die Pognerin zu Gevatter.
Weil wir die Weise wohl vernommen,
sind wir zur Taufe hierher gekommen;
auch dass wir zur Handlung Zeugen haben,
ruf' ich Jungfer Lene und meinen Knaben.
Doch da 's zum Zeugen kein Lehrbube tut,
und heut' auch den Spruch er gesungen gut,
so mach' ich den Burschen gleich zum Gesell'.
Knie nieder, David, und nimm diese Schell!

(David ist niedergekniet;
Sachs gibt ihm eine starke Ohrfeige)


Steh' auf, Gesell', und denk' an den Streich:
du merkst dir dabei die Taufe zugleich.
Fehlt sonst noch was', uns keiner schilt;
wer weiss, ob's nicht gar einer Nottaufe gilt.
Dass die Weise Kraft behalte zum Leben,
will ich nur gleich den Namen ihr geben:
Die "selige Morgentraumdeut-Weise"
sei sie genannt zu des Meisters Preise.
Nun wachse sie gross, ohn' Schad' und Bruch.
Die jüngste Gevatterin spricht den Spruch.

(Er tritt aus der Mitte des Halbkreises,
der von den Übrigen um ihn gebildet
worden war, auf die Seite, so dass nun
Eva in die Mitte zu stehen kommt)


Music
EVA

Selig, wie die Sonne
meines Glückes lacht,
Morgen voller Wonne,
selig mir erwacht!
Traum der höchsten Hulden,
himmlich Morgenglüh'n:
Deutung euch zu schulden,
selig süss Bemüh'n!
  Einer Weise mild und hehr,
sollt' es hold gelingen,
meines Herzens süss Beschwer
deutend zu bezwingen.
Ob es nur ein Morgentraum?
Selig deut' ich mir es kaum.
Doch die Weise,
was sie leise
mir vertraut,
hell und laut,
in der Meister vollem Kreis',
deute sie auf den höchsten Preis.
MAGDALENE

Wach' oder träum' ich schon so früh'?
Das zu erklären macht mir Müh':
's ist wohl nur ein Morgentraum?
Was ich seh', begreif' ich kaum!
Er zur Stelle
gleich Geselle?
Ich die Braut?
Im Kirchenraum wir
gar getraut?
Ja! Wahrhaftig, 's geht! Wer weiss,
dass ich Meist'rin bald heiss'!
WALTHER

Deine Liebe liess mir es gelingen,
meines Herzens süss Beschwer'
deutend zu bezwingen.
Ob es noch der Morgentraum?
Selig deut' ich mir es kaum!
Doch die Weise,
was sie leise
dir vertraut
im stillen Raum,
hell und laut,
in der Meister vollem Kreis',
werbe sie um den höchsten Preis.
DAVID

Wach' oder träum' ich schon so früh?
Das zu erklären macht mir Müh':
's ist wohl nur ein Morgentraum!
Was ich seh', begreif' ich kaum.
Ward zur Stelle
gleich Geselle?
Lene Braut?
Im Kirchenraum wir
gar getraut?
's geht der Kopf mir wie im Kreis,
dass ich Meister bald heiss'!
SACHS

Vor dem Kinde, lieblich hold,
mocht' ich gern wohl singen;
doch des Herzens süss' Beschwer'
galt es zu bezwingen.
's war ein schöner Abendtraum;
d'ran zu denken wag' ich kaum.
Diese Weise,
was sie leise
mir anvertraut,
im stillen Raum,
sagt mir laut:
auch der Jugend ew'ges Reis
grünt nur durch des Dichters Preis.

(zu den Übrigen sich wendend)

jetzt all' am Fleck'!

(zu Eva)

Den Vater grüss'!
Auf, nach der Wies', schnell auf die Füss'!

(Eva und Magdalene gehen)
(zu Walther)


Nun, Junker, kommt! Habt frohen Mut!
David, Gesell'! Schliess' den Laden gut!
(Als Sachs und Walther ebenfalls auf die Strasse gehen und David über das Schliessen der Ladentür sich hermacht, wird im Proszenium ein Vorhang von beiden Seiten zusammengezogen, so dass er die Szene gänzlich verschliesst)