RichardWagner
Libretti
Die Meistersinger
von Nürnberg

(DRITTER AUFZUG)
FÜNFTE SZENE
Die Vorhänge sind nach der Höhe aufgezogen worden, die Bühne ist verwandelt. Diese stellt einen freien Wiesenplan dar, im fernen Hintergrunde die Stadt Nürnberg. Die Pegnitz schlängelt sich durch den Plan; der schmale Fluss ist an den nächsten Punkten praktikabel gehalten. Bunt beflaggte Kähne setzen unablässig die ankommenden festlich gekleideten Bürger der Zünfte, mit Frauen und Kindern, an das Ufer der Festwiese über. Eine erhöhte Bühne, mit Bänken und Sitzen darauf, ist rechts zur Seite aufgeschlagen; bereits ist sie mit den Fahnen der angekommenen Zünfte ausgeschmückt; im Verlaufe stecken die Fahnenträger der noch ankommenden Zünfte ihre Fahnen ebenfalls um die Sängerbühne auf, so dass diese schliesslich nach drei Seiten hin ganz davon eingefasst ist. Zelte mit Getränken und Erfrischungen aller Art begrenzen im übrigen die Seiten des vorderen Hauptraumes. Vor den Zelten geht es bereits lustig her; Bürger, mit Frauen, Kindern und Gesellen, sitzen und lagern daselbst. Die Lebrbuben der Meistersinger, festlich gekleidet, mit Blumen und Bändern reich und anmutig geschmückt, üben mit schlanken Stäben, die ebenfalls mit Blumen und Bändern geziert sind, in lustiger Weise das Amt von Herolden und Marschällen aus. Sie empfangen die am Ufer Aussteigenden, ordnen die Züge der Zünfte und geleiten diese nach der Singerbübne, von wo aus, nachdem der Bannerträger die Fahne aufgepflanzt, die Zunftbürger und Gesellen nach Belieben sich unter den Zelten zerstreuen. Soeben, nach der Verwandlung, werden in der angegebenen Weise die Schuster am Ufer empfangen und nach dem Vordergrund geleitet)
DIE SCHUSTER
(mit fliegender Fahne aufziehend)

Sankt Krispin,
lobet ihn!
War gar ein heilig Mann,
zeigt', was ein Schuster kann.
Die Armen hatten gute Zeit,
macht' ihnen warme Schuh';
und wenn ihm keiner 's Leder leiht,
so stahl er sich's dazu.
Der Schuster hat ein weit Gewissen,
macht Schuhe selbst mit Hindernissen;
und ist vom Gerber das Fell erst weg,
dann streck'! streck'! streck'!
Leder taugt nur am rechten Fleck.
(Die Stadtwächter ziehen mit Trompeten und Trommeln den Stadtpfeifern, Lautenmachern usw. voraus)
DIE SCHNEIDER
(mit fliegender Fahne aufziehend)

Als Nürenberg belagert war,
und Hungersnot sich fand,
wär' Stadt und Volk verdorben gar,
war nicht ein Schneider zur Hand,
der viel Mut hatt' und Verstand.
Hat sich in ein Bocksfell eingenäht,
auf dem Stadtwall da spazieren geht,
und macht wohl seine Sprünge
gar lustig guter Dinge.
Der Feind, der sieht's und zieht vom Fleck:
der Teufel hol' die Stadt sich weg,
hat's drin noch so lustige Meck-meck-meck!
Meck! Meck! Meck!
Wer glaubt's, dass ein Schneider im Bocke steck'!
DIE BÄCKER
(ziehen dicht hinter den Schneidern auf,
so dass ihr Lied in das der
Schneider hineinklingt)


Hungersnot! Hungersnot!
Das ist ein greulich Leiden!
Gäb' euch der Bäcker nicht täglich Brot,
müsst' alle Welt verscheiden.
Beck! Beck! Beck!
Täglich auf dem Fleck!
Nimm uns den Hunger weg!
(Ein bunter Kahn mit jungen Mädchen in reicher bäuerischer Tracht kommt an. Die Lehrbuben laufen nach dem Gestade)
LEHRBUBEN

Herr Je! Herr Je! Mädel von Fürth!
Stadtpfeifer, spielt, dass 's lustig wird!
(Die Lehrbuben heben währenddessen die Mädchen aus dem Kahn)

(Das Charakteristische des folgenden Tanzes, mit welchem die Lehrbuben die Mädchen zunächst nach dem Vordergrund kommen, besteht darin, dass die Lehrbuben die Mädchen scheinbar nur an den Platz bringen wollen; sowie die Gesellen zugreifen wollen, ziehen die Buben die Mädchen aber immer wieder zurück, als ob sie sie anderswo unterbringen wollten, wobei sie meistens den ganzen Kreis, wie wählend, ausmessen, und somit die scheinbare Absicht auszuführen anmutig und lustig verzögern)
Music (David kommt vom Landungsplatze vor und sieht missbillingend dem Tanze zu)
DAVID

Ihr tanzt? Was werden die Meister sagen?

(Die Lehrbuben drehen ihm Nasen)

Hört nicht? Lass' ich mir's auch behagen!
(David nimmt sich ein junges schönes Mädchen und gerät im Tanze mit ihr schnell in grosses Feuer. Die Zuschauer freuen sich und lachen)
LEHRBUBEN
(Die Lehrbuben winken David)

David! Die Lene sieht zu!
(David, erschrocken, lässt das Mädchen schnell fahren, um welches die Lehrbuben sogleich tanzend einen Kreis schliessen; da er Lene nirgends gewahrt, merkt David, dass er nur geneckt worden, durchbricht den Kreis, erfasst sein Mädchen wieder und tanzt nun noch feuriger weiter)
DAVID

Ach! lasst mich mit euren Possen in Ruh'!
(Die Buben suchen ihm das Mädchen zu entreissen; er wendet sich mit ihr jedesmal glücklich ab, so dass nun ein ähnliches Spiel entsteht wie zuvor, als die Gesellen nach den Mädchen fassten)
GESELLEN
(am Ufer)

Die Meistersinger!
LEHRBUBEN

Die Meistersinger!
(Die Lehrbuben unterbrechen schnell den Tanz und eilen dem Ufer zu)
DAVID

Herr Gott! Ade, ihr hübschen Dinger!

(Er gibt dem Mädchen einen feurigen
Kuss und reisst sich los)
(Die Lehrbuben reihen sich zum Empfang der Meistersinger; das Volk macht ihnen willig Platz. Die Meistersinger ordnen sich am Landungsplatze zum festlichen Aufzuge. Kothner kommt mit der Fahne im Vordergrunde an. Die geschwungene Fahne, auf welcher König David mit der Harfe abgebildet ist, wird von allem Volk mit Hutschwenken begrüsst. Der Zug der Meistersinger ist auf der Singerbühne, wo Kothner die Fahne aufpflanzt, angelangt; Pogner, Eva an der Hand führend, diese von festlich geschmückten und reichgekleideten Mädchen, unter denen auch Magdalene, begleitet, voran. Als Eva, von den Mädchen umgeben, den mit Blumen geschmückten Ehrenplatz eingenommen, und alle übrigen, die Meister auf den Bänken, die Gesellen hinter ihnen stehend, ebenfalls Platz genommen, treten die Lehrbuben dem Volke zugewendet, feierlich vor die Bühne in Reih' und Glied)
LEHRBUBEN

Silentium! Silentium!
Macht kein Reden und kein Gesumm'!
(Sachs erhebt sich und tritt vor. Bei seinem Anblick stösst sich alles an; Hüte und Mützen werden abgezogen: alle deuten auf ihn.)
VOLK

Ha! Sachs! 's ist Sachs!
Seht, Meister Sachs!
Stimmt an! Stimmt an! Stimmt an!
(Alle Sitzenden erheben sich; die Männer bleiben mit entblösstem Haupte. Beckmesser bleibt, mit dem Memorieren des Gedichtes beschäftigt, hinter den andern Meistern versteckt, so dass er bei dieser Gelegenheit der Beachtung des Publikums entzogen wird)
(Ausser Sachs singen alle Anwesenden die folgende Strophe mit)


Music
ALLE

"Wacht auf, es nahet gen den Tag;
ich hör' singen im grünen Hag
ein wonnigliche Nachtigall,
ihr' Stimm' durchdringet Berg und Tal:
die Nacht neigt sich zum Occident,
der Tag geht auf von Orient,
die rotbrünstige Morgenröt'
her durch die trüben Wolken geht."
(Von hier an singt der Chor des Volkes wieder allein, die Meister auf der Bühne, sowie die anderen vorigen Teilnehmer am Gesange der Strophe, geben sich dem Schauspiele des Volksjubels hin)
(Das Volk nimmt wieder eine jubelnd bewegte Haltung an)
VOLK

Heil! Sachs! Heil dir, Hans Sachs!
Heil Nürnbergs teurem Sachs!
SACHS

(Sachs, der unbeweglich, wie geistesabwesend,
über die Volksmenge hinweggeblickt hatte,
richtet endlich seine Blicke vertrauter
auf sie und beginnt mit ergriffener,
schnell aber sich festigender Stimme)


Euch macht ihr's leicht, mir macht ihr's schwer,
gebt ihr mir Armen zu viel Ehr'.
Soll vor der Ehr' ich bestehn,
sei's, mich von euch geliebt zu sehn.
Schon grosse Ehr' ward mir erkannt,
ward heut' ich zum Spruchsprecher ernannt.
Und was mein Spruch euch künden soll,
glaubt, das ist hoher Ehren voll.
Wenn ihr die Kunst so hoch schon ehrt,
da galt es zu beweisen,
dass, wer ihr selbst gar angehört,
sie schätzt ob allen Preisen.
Ein Meister, reich und hochgemut,
der will heut' euch das zeigen:
sein Töchterlein, sein höchstes Gut,
mit allem Hab' und Eigen,
dem Singer, der im Kunstgesang
vor allem Volk den Preis errang,
als höchsten Preises Kron'
er bietet das zum Lohn.
Darum, so hört und stimmt mir bei:
die Werbung steh' dem Dichter frei.
Ihr Meister, die ihr's euch getraut,
euch ruf' ich's vor dem Volke laut:
erwägt der Werbung selt'nen Preis
und wem sie soll gelingen,
dass der sich rein und edel weiss
im Werben wie im Singen,
will er das Reis erringen,
das nie, bei Neuen noch bei Alten,
ward je so herrlich hochgehalten,
als von der lieblich Reinen,
die niemals soll beweinen,
dass Nürenberg mit höchstem Wert
die Kunst und ihre Meister ehrt!
(Grosse Bewegung unter Allen. Sachs geht auf Pogner zu)
POGNER
(Sachs gerührt die Hand drückend)

O Sachs, mein Freund! Wie dankenswert!
Wie wisst ihr, was mein Herz beschwert!
SACHS
(zu Pogner)

's war viel gewagt; jetzt habt nur Mut!
Herr Merker! Sagt, wie geht's? Gut?
(Beckmesser, zu dem sich jetzt Sachs wendet, hat schon während des Einzuges, und dann fortwährend, eifrig das Blatt mit dem Gedicht herausgezogen, memoriert, genau zu lesen versucht und oft verzweiflungsvoll sich den Schweiss getrocknet)
BECKMESSER

O! Dieses Lied! Werd' nicht d'raus klug
und hab' doch d'ran studiert genug.
SACHS

Mein Freund, 's ist euch nicht aufgezwungen.
BECKMESSER

Was hilft's? Mit dem meinen ist doch versungen:
's war Eure Schuld! Jetzt seid hübsch für mich:
's wär' schändlich, liesst ihr mich im Stich!
SACHS

Ich dächt', ihr gäbt's auf.
BECKMESSER

Warum nicht gar?
Die andren sing' ich alle zu paar;
wenn ihr nur nicht singt.
SACHS

So seht, wie's geht!
BECKMESSER

Das Lied, bin's sicher, zwar keiner versteht;
doch bau' ich auf eure Popularität.
SACHS

Nun denn, wenn's Meistern und Volk beliebt,
zum Wettgesang man den Anfang gibt.
KOTHNER
(hervotretend)

Ihr ledig' Meister! Macht euch bereit!
Der Ältest' sich zuerst anlässt!
Herr Beckmesser, ihr fangt an: 's ist Zeit!
(Die Lehrbuben führen Beckmesser zu einem kleinen Rasenhügel vor der Singerbühne, welchen sie zuvor festgerammelt und reich mit Blumen überdeckt haben; Beckmesser strauchelt darauf, tritt unsicher und schwankt)
BECKMESSER

Zum Teufel! Wie wackelig! Macht das hübsch fest!
(Die Buben lachen unter sich und stopfen lustig an dem Rasen. Das Volk stösst sich gegenseiting lustig an)
VOLK

Wie? Der? Der wirbt? Scheint mir nicht der Rechte'
An der Tochter Stell' ich den nicht möchte!
Seid still! 's ist gar ein tücht'ger Meister!
Still! Macht keinen Witz!
Der hat im Rate Stimm' und Sitz.
Ach, der kann ja nicht 'mal stehn!
Ei! Wie soll es mit dem gehn?
Stadtschreiber ist er, Beckmesser heisst er!
Gott, ist der dumm!
Er fällt fast um!
LEHRBUBEN
(in Aufstellung)

Silentium! Silentium!
Macht kein Regen und kein Gesumm'!
KOTHNER

Fanget an!
(Beckmesser, der sich endlich mit Mühe auf dem Rasenhügel festgestellt bat, macht eine erste Verbeugung gegen die Meister, eine zweite gegen das Volk, dann gegen Eva, auf welche er, da sich abwendet, nochmals verlegen hinblinzelt: grosse Beklommenheit erfasst ihn; er sucht sich durch ein Vorspiel auf der Laute zu ermutigen)
BECKMESSER

"Morgen ich leuchte in rosigem Schein,
von Blut und Duft
geht schnell die Luft;
wohl bald gewonnen,
wie zerronnen;
im Garten lud ich ein
garstig und fein."
(Beckmesser richtet sich wieder ein, besser auf den Füssen zu stehen)
  DIE MEISTER
(leise unter sich)

Mein! Was ist das? Ist er von Sinnen?
Woher mocht' er solche Gedanken gewinnen?
VOLK

Hört ihr es? Wen lud er ein?
Verstand man recht? Wie kann das sein?
(Beckmesser zieht das Blatt verstohlen hervor und lugt eifrig hinein; dann steckt er es ängstlich wieder ein)
BECKMESSER

"Wohn' ich erträglich im selbigen Raum,
hol' Gold und Frucht,

(Er lugt in das Blatt)

Bleisaft und Wucht...
Mich holt am Pranger
der Verlanger,
auf luft'ger Steige kaum,
häng' ich am Baum!"
(Er wackelt wieder sehr: sucht im Blatt zu lesen, vermag es nicht; ihm schwindelt, Angstschweiss bricht aus)
  MEISTERSINGER

Was soll das heissen? Ist er nur toll?
Sein Lied ist ganz von Unsinn voll!
VOLK

Schöner Werber! Der find't wohl seinen Lohn.
Bald hängt er am Galgen. Man sieht ihn schon!
BECKMESSER
(rafft sich verzweiflungsvoll
und ingrimmig auf)


"Heimlich mir graut,
weil es hier munter will hergehn:
an meiner Leiter
stand ein Weib;
sie schämt' und wollt'
mich nicht besehn;
bleich wie ein Kraut
umfasert mir Hanf meinen Leib;
mit Augen zwinkend,
der Hund blies winkend,
was ich vor langem verzehrt,
wie Frucht so Holz und Pferd
vom Leberbaum."
(Alles bricht in ein dröhnendes Gelächter aus. Beckmesser verlässt wütend den Hügel und stürzt auf Sachs zu)
BECKMESSER

Verdammter Schuster, das dank' ich dir!
Das Lied, es ist gar nicht von mir:
vom Sachs, der hier so hoch verehrt,
von eurem Sachs ward mir's beschert.
Mich hat der Schändliche bedrängt,
sein schlechtes Lied mir aufgehängt.

(Er stürzt wütend fort
und verliert sich unter dem Volke)
VOLK

Mein! Was soll das sein? Jetzt wird's immer bunter!
Von Sachs das Lied? Das nähm' uns doch wunder!
KOTHNER
(zu Sachs)

Erklärt doch, Sachs!
NACHTIGALL
(zu Sachs)

Welch' ein Skandal!
VOGELGESANG
(zu Sachs)

Von euch das Lied?
ORTEL UND FOLTZ

Welch' eigner Fall!
SACHS
(hat ruhig das Blatt, welches ihm
Beckmesser hingeworfen, aufgenommen)


Das Lied, fürwahr, ist nicht von mir:
Herr Beckmesser irrt, wie dort so hier.
Wie er dazu kam, mag selbst er sagen;
doch möcht' ich nie mich zu rühmen wagen,
ein Lied, so schön, wie dies erdacht,
sei von mir, Hans Sachs, gemacht.
DIE MEISTERSINGER

Wie? Schön das Lied? Der Unsinns-Wust?
VOLK

Hört! Sachs macht Spass! Er sagt es nur zur Lust.
SACHS

Ich sag' euch Herrn, das Lied ist schön;
nur ist's auf den ersten Blick zu ersehn,
dass Freund Beckmesser es entstellt!
Doch schwör' ich, dass es euch gefällt,
wenn richtig Wort' und Weise
hier einer säng' im Kreise;
und wer dies verstünd', zugleich bewies',
dass er des Liedes Dichter
und gar mit Rechte Meister hiess',
fänd' er gerechte Richter.
Ich bin verklagt und muss bestehn:
drum lasst mich meinen Zeugen ausersehn.
Ist jemand hier, der Recht mir weiss?
Der tret als Zeug' in diesen Kreis!

(Walther tritt aus dem Volke hervor
und begrüsst Sachs, sodann nach
den beiden Seiten hin die Meister
und das Volk mit ritterlicher
Freundlichkeit. Es entsteht sogleich
eine angenehme Bewegung. Alles weilt
einen Augenblick schweigend in seiner
Betrachtung)


So zeuget, das Lied sei nicht von mir;
und zeuget auch, dass, was ich hier
vom Lied hab' gesagt,
zuviel nicht sei gewagt.
DIE MEISTERSINGER

Ei Sachs, ihr seid gar fein!
Doch mag es heut' geschehen sein.
SACHS

Der Regel Güte daraus man erwägt,
dass sie auch 'mal 'ne Ausnahm' verträgt.
VOLK

Ein guter Zeuge, stolz und kühn;
mich dünkt, dem kann was Gut's erblüh'n.
SACHS

Meister und Volk sind gewillt
zu vernehmen, was mein Zeuge gilt.
Herr Walther von Stolzing, singt das Lied!
ihr Meister, lest, ob's ihm geriet.

(Er übergibt Kothner das Blatt
zum Nachlesen)
LEHRBUBEN
(in Aufstellung)

Alles gespannt! 's gibt kein Gesumm':
da rufen wir auch nicht "Silentium!"
(Walther beschreitet festen Schrittes den kleinen Blumenhügel)
WALTHER

"Morgenlich leuchtend im rosigen Schein,
von Blüt' und Duft
geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen,
nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein,

(An dieser Stelle lässt Kothner das Blatt,
in welchem er mit andren Meistern eifrig
nachzulesen begonnen vor Ergriffenheit
unwillkürlich fallen; er und die übrigen
hören nur noch teilnahmsvoll zu.
Walther scheint es - unmerklich - gewahrt
zu haben und fährt nun in freier Fassung fort)


dort unter einem Wunderbaum,
von Früchten reich behangen,
zu schau'n in sel'gem Liebestraum,
was höchstem Lustverlangen.
Erfüllung kühn verhiess,
das schönste Weib:
Eva im Paradies!"
  MEISTERSINGER
(Meister und Volk leise flüsternd)

Ja wohl, ich merk', 's ist ein ander Ding,
ob falsch man oder richtig sing'.
VOLK

Das ist was andres, wer hätt's gedacht;
was doch recht Wort und Vortrag macht!
SACHS

Zeuge am Ort,
fahret fort!
WALTHER

"Abendlich dämmernd umschloss mich die Nacht;
auf steilem Pfad
war ich genaht
zu einer Quelle
reiner Welle,
die lockend mir gelacht:
dort unter einem Lorbeerbaum,
von Sternen hell durchschienen,
ich schaut' im wachen Dichtertraum,
von heilig holden Mienen,
mich netzend mit dem edlen Nass,
das hehrste Weib,
die Muse des Parnass!"
  MEISTERSINGER

's ist kühn und seltsam, das ist wahr;
doch wohlgereimt und singebar.
VOLK

So hold und traut so fern es schwebt;
doch ist's, als ob man's miterlebt!
SACHS

Zeuge, wohl erkiest;
Fahret fort, und schliesst!
WALTHER

"Huldreichster Tag,
dem ich aus Dichters Traum erwacht!
Das ich erträumt, das Paradies,
in himmlisch neu verklärter Pracht
hell vor mir lag,
dahin lachend nun der Quell den Pfad mir wies;
die, dort geboren,
mein Herz erkoren,
der Erde lieblichstes Bild,
als Muse mir geweiht,
so heilig hehr als mild,
ward kühn von mir gefreit,
  am lichten Tag der Sonnen,
durch Sanges Sieg gewonnen
Parnass und Paradies!"
VOLK

Gewiegt wie in den schönsten Traum,
hör' ich es wohl, doch fass' es kaum.
  Reich' ihm das Reis,
sein sei der Preis;
keiner wie er so hold zu werben weiss!
DIE MEISTER
(sich erhebend)

Ja, holder Sänger, nimm das Reis;
dein Sang erwarb dir Meisterpreis!
POGNER
(mit grosser Ergriffenheit
zu Sachs sich wendend)


O Sachs! Dir dank' ich Glück und Ehr':
vorüber nun all' Herzbeschwer'!
EVA
(zu Walther)

Keiner wie du so hold zu werben weiss!
(Walther ist auf die Stufen der Singerbühne geleitet worden und lässt sich dort vor Eva auf die Knie nieder)
(Eva, die vom Anfang des Auftrittes her in sicherer, ruhiger Haltung verblieben und bei allen Vorgängen wie in seliger Geistesentrücktheit sich verhalten, hat Walther unverwandt zugehört; jetzt während am Schlusse der dritten Strophe Volk und Meister gerührt und ergriffen, unwillkürlich ihre Zustimmung ausdrücken, erhebt sie sich, schreitet an den Rand der Singerbühne und drückt auf die Stirn Walthers, welcher zu den Stufen herangetreten ist und vor ihr sich niedergelassen, einen aus Lorbeer und Myrten geflochtenen Kranz; vorauf dieser sich erhebt, und von ihr zu ihrem Vater geleitet wird, vor welchem beide niederknien: Pogner streckt segnend seine Hände über sie aus)
SACHS
(zum Volk gewandt, auf Walther
und Eva deutend)


Den Zeugen, denk' es, wählt' ich gut:
tragt ihr Hans Sachs d'rum üblen Mut?
VOLK
(bricht schnell und heftig
in jubelnder Bewegung aus)


Hans Sachs! Nein! Das war schön erdacht!
Das habt ihr einmal wieder gut gemacht!
MEISTERSINGER
(feierlich zu Pogner sich wendend)

Auf, Meister Pogner! Euch zum Ruhm,
meldet dem Junker sein Meistertum!
POGNER
(mit einer goldenen Kette,
dran drei grosse Denkmünzen,
zu Walther)


Geschmückt mit König Davids Bild,
nehm' ich euch auf in der Meister Gild'!
WALTHER
(mit schmerzlicher Heftigkeit abweisend)

Nicht Meister! Nein!

(Er blickt zärtlich auf Eva)

Will ohne Meister selig sein!
(Alles blickt mit grosser Betroffenheit auf Sachs)
SACHS
(schreitet auf Walther zu und fasst ihn
bedeutungsvoll bei der Hand)


Verachtet mir die Meister nicht,
und ehrt mir ihre Kunst!
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reichlich euch zur Gunst.
Nicht euren Ahnen noch so wert,
nicht eurem Wappen, Speer noch Schwert,
dass ihr ein Dichter seid,
ein Meister euch gefreit,
dem dankt ihr heut' eu'r höchstes Glück.
Drum denkt mit Dank ihr dran zurück,
wie kann die Kunst wohl unwert sein,
die solche Preise schliessest ein?
Das uns're Meister sie gepflegt
grad' recht nach ihrer Art,
nach ihrem Sinne treu gehegt,
das hat sie echt bewahrt:
blieb sie nicht adlig, wie zur Zeit,
da Höf' und Fürsten sie geweiht,
im Drang der schlimmen Jahr'
blieb sie doch deutsch und wahr;
und wär' sie anders nicht geglückt,
als wie wo alles drängt und drückt,
ihr seht, wie hoch sie blieb im Ehr':
was wollt ihr von den Meistern mehr?
Habt Acht! Uns dräuen üble Streich':
zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
in falscher wälscher Majestät
kein Fürst bald mehr sein Volk versteht,
und wälschen Dunst mit wälschem Tand
sie pflanzen uns in deutsches Land;
was deutsch und echt, wüsst' keiner mehr,
lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.
Drum sag' ich euch:
ehrt eure deutschen Meister!
Dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging' in Dunst
das heil'ge röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!
(Während des folgenden Schlussgesanges nimmt Eva den Kranz von Walthers Stirne und drückt ihn Sachs auf; dieser nimmt die Kette aus Pogners Hand und hängt sie Walther um. Nachdem Sachs das Paar umarmt, bleiben Walther und Eva zu beiden Seiten an Sachsens Schultern gestützt; Pogner lässt sich, wie huldigend, auf ein Knie vor Sachs nieder. Die Meistersinger deuten mit erhobenen Händen auf Sachs, als auf ihr Haupt. Alle Anwesenden schliessen sich dem Gesange des Volkes an)
VOLK

Ehrt eure deutschen Meister,
dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging' in Dunst
das heil'ge röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!

(Als es hier zu der bezeichneten
Schlussgruppe gelangt ist, schwenkt
das Volk begeistert Hüte
und Tücher; die Lehrbuben
tanzen und schlagen jauchzend
in die Hände)


Heil! Sachs!
Nürnbergs teurem Sachs!
(Der Vorhang fällt)