RichardWagner
Libretti
Siegfried

(DRITTER AUFZUG) (ACT THREE)
ZWEITE SZENE

(Der Wanderer ist dicht an die Höhle getreten und lehnt sich dann mit dem Rücken an das Gestein derselben, das Gesicht der Szene zugewandt)
SCENE TWO
WANDERER

Dort seh' ich Siegfried nahn. -
WANDERER

There I see Siegfried coming.
(Er verbleibt in seiner Stellung an der Höhle. Siegfrieds Waldvogel flattert dem Vordergrunde zu. Plötzlich hält der Vogel in seiner Richtung ein, flattert ängstlich hin und her und verschwindet hastig dem Hintergrunde zu)  
SIEGFRIED
(tritt rechts im Vordergrunde
auf und hält an)


Mein Vöglein schwebte mir fort!
Mit flatterndem Flug
und süssem Sang
wies es mich wonnig des Wegs:
nun schwand es fern mir davon!
Am besten find' ich mir
selbst nun den Berg:
wohin mein Führer mich wiess,
dahin wandr' ich jetzt fort.

(Er schreitet weiter nach hinten)
SIEGFRIED



My bird has flown away!
With fluttering flight
and sweet song
it prettily pointed out my path:
now it has vanished far away!
I would do best to find
the mountain for myself.
I'll continue further
on the way my guide showed me.


WANDERER
(in seiner Stellung an der
Höhle verbleibend)


Wohin, Knabe,
heisst dich dein Weg?
WANDERER



Which way, youth,
does your path lead?
SIEGFRIED
(hält an und wendet sich um)

Da redet's ja:
wohl rät das mir den Weg. -

(Er tritt dem Wanderer näher)

Einen Felsen such' ich,
von Feuer ist der umwabert:
dort schläft ein Weib,
das ich wecken will.
SIEGFRIED


Someone spoke:
perhaps he'll show me the way.



I am seeking a rock
surrounded by fire:
there sleeps a woman
I want to wake.
WANDERER

Wer sagt' es dir,
den Fels zu suchen?
Wer, nach der Frau dich zu sehnen?
WANDERER

Who told you
to seek the rock?
Who made you yearn for the woman?
SIEGFRIED

Mich wies ein singend
Waldvöglein:
das gab mir gute Kunde.
SIEGFRIED

A forest songbird
told me:
it gave me good news.
WANDERER

Ein Vöglein schwatzt wohl manches;
kein Mensch doch kann's verstehn.
Wie mochtest du Sinn
dem Sang entnehmen?
WANDERER

A bird may chatter much,
but no one can understand it.
How could you
make sense of its song?
SIEGFRIED

Das wirkte das Blut
eines wilden Wurms,
der mir vor Neidhöhl' erblasste:
kaum netzt' es zündend
die Zunge mir,
da verstand ich der Vöglein Gestimm'.
SIEGFRIED

That was the effect
of a savage dragon's blood
that I killed at Neidhöhle.
Scarcely had its wetness stung
my tongue
then I understood bird-talk.
WANDERER

Erschlugst den Riesen du,
wer reizte dich,
den starken Wurm zu bestehn?
WANDERER

If you slew this giant,
who induced you
to face the fearful dragon?
SIEGFRIED

Mich führte Mime,
ein falscher Zwerg;
das Fürchten wollt' er mich lehren:
zum Schwertstreich aber,
der ihn erschlug,
reizte der Wurm mich selbst;
seinen Rachen riss er mir auf.
SIEGFRIED

Mime, a deceitful dwarf,
led me:
he wished to teach me fear.
But the dragon itself incited me
to the sword-stroke
which slew it;
it opened its jaws for me.
WANDERER

Wer schuf das Schwert
so scharf und hart,
dass der stärkste Feind ihm fiel?
WANDERER

Who made the sword
so sharp and solid
that it felled so strong a foe?
SIEGFRIED

Das schweisst' ich mir selbst,
da's der Schmied nicht konnte:
schwertlos noch wär' ich wohl sonst.
SIEGFRIED

I forged it myself
since the smith couldn't:
else I'd still be swordless.
WANDERER

Doch, wer schuf
die starken Stücken,
daraus das Schwert du dir geschweisst?
WANDERER

But who made
the sturdy splinters
from which you forged yourself the sword?
SIEGFRIED

Was weiss ich davon?
Ich weiss allein,
dass die Stücke mir nichts nützten,
schuf ich das Schwert mir nicht neu.
SIEGFRIED

How do I know?
I only know
that the fragments would have been useless
had I not forged the sword afresh.
WANDERER
(bricht in ein freudig
gemütliches Lachen aus)


Das mein' ich wohl auch!

(Er betrachtet Siegfried
wohlgefällig)
WANDERER



I think so too!



SIEGFRIED
(verwundert)

Was lachst du mich aus?
Alter Frager!
Hör' einmal auf;
lass mich nicht länger hier schwatzen!
Kannst du den Weg
mir weisen, so rede:
vermagst du's nicht,
so halte dein Maul!
SIEGFRIED


Why do you laugh at me?
Old gossip,
do have done!
Don't keep me longer chatting here!
If you can show me my way,
say so:
if you can't,
hold your tongue!
WANDERER

Geduld, du Knabe!
Dünk' ich dich alt,
so sollst du Achtung mir bieten.
WANDERER

Patience, my lad!
If I seem old to you,
then you should show me some respect.
SIEGFRIED

Das wär' nicht übel!
Solang' ich lebe,
stand mir ein Alter
stets im Wege;
den hab' ich nun fortgefegt.
Stemmst du dort länger
steif dich mir entgegen, -
sieh dich vor, sag' ich,

(mit entsprechender Gebärde)

dass du wie Mime nicht fährst!

(Er tritt noch näher an
den Wanderer heran)


Wie siehst du denn aus?
Was hast du gar
für 'nen grossen Hut?
Warum hängt er dir so ins Gesicht?
SIEGFRIED

That's not bad!
All my life
an old man has always stood
in my way:
now I've swept him aside.
If you obstinately persist
in obstructing me,
watch out, I say,




that you don't fare like Mime!



But what do you look like?
Why do you want to wear
so big a hat?
Why does it hang over your face like that?
WANDERER
(immer ohne seine
Stellung zu verlassen)


Das ist so Wand'rers Weise,
wenn dem Wind entgegen er geht.
WANDERER



That is the wanderer's way
when he walks against the wind.
SIEGFRIED
(immer näher ihn betrachtend)

Doch darunter fehlt dir ein Auge!
Das schlug dir einer
gewiss schon aus,
dem du zu trotzig
den Weg vertratst?
Mach dich jetzt fort,
sonst könntest du leicht
das andere auch noch verlieren.
SIEGFRIED


But under it an eye is missing!
Doubtless someone
struck it out
whose way you
stubbornly barred?
Now take yourself off,
or your might easily
lose the other too.
WANDERER

Ich seh', mein Sohn,
wo du nichts weisst,
da weisst du dir leicht zu helfen. -
Mit dem Auge,
das als andres mir fehlt,
erblickst du selber das eine,
das mir zum Sehen verblieb.
WANDERER

I see, my son,
that you know nothing
but you do know how to get your way.
With the eye
which is missing from its mate
you yourself are looking at the one
that remains to me for sight.
SIEGFRIED
(der sinnend zugehört hat,
bricht jetzt unwillkürlich
in helles Lachen aus)


Zum Lachen bist du mir lustig! -
Doch hör', nun schwatz' ich nicht länger:
geschwind, zeig' mir den Weg, -
deines Weges ziehe dann du;
zu nichts andrem
acht' ich dich nütz':
drum sprich, sonst spreng' ich dich fort!
SIEGFRIED




You make me laugh!
But listen, I can't chatter any longer:
quick, show me the way,
then you be off on yours;
there's nothing else
I need you for:
so speak, or I'll chase you off!
WANDERER
(weich)

Kenntest du mich,
kühner Spross,
den Schimpf spartest du mir!
Dir so vertraut,
trifft mich schmerzlich dein Dräuen.
Liebt' ich von je
deine lichte Art, -
Grauen auch zeugt' ihr
mein zürnender Grimm.
Dem ich so hold bin,
Allzuhehrer,
heut' nicht wecke mir Neid:
er vernichtete dich und mich!
WANDERER


If you but knew me,
insolent youth,
you would spare me your insults!
Your threats sorely distress me,
who am so close to you.
I have always loved
your radiant race,
but my raging fury
also gave you cause for fear.
You that I love so,
glorious hero,
do not rouse my wrath today:
it would ruin both you and me!
SIEGFRIED

Bleibst du mir stumm,
störrischer Wicht?
Weich' von der Stelle,
denn dorthin, ich weiss,
führt es zur schlafenden Frau.
So wies es mein Vöglein,
das hier erst flüchtig entfloh.
SIEGFRIED

Do you stay dumb,
obstinate dolt?
Give ground then,
for that way, I know,
leads to the sleeping woman.
My bird told me so
that flew away in haste just now.
(Es wird schnell wieder ganz finster)  
WANDERER
(in Zorn ausbrechend und
in gebieterischer Stellung)


Es floh dir zu seinem Heil!
Den Herrn der Raben
erriet es hier:
weh' ihm, holen sie's ein!
Den Weg, den es zeigte,
sollst du nicht ziehn!
WANDERER



It flew from you to save itself!
The lord of the ravens
it learnt was here:
woe to it if they catch it!
You shall not take
the way it showed!
SIEGFRIED
(tritt mit Verwunderung in
trotziger Stellung zurück)


Hoho! Du Verbieter!
Wer bist du denn,
dass du mir wehren willst?
SIEGFRIED



Hoho! You forbid me!
Who are you, then,
that seeks to restrain me?
WANDERER

Fürchte des Felsens Hüter!
Verschlossen hält
meine Macht die schlafende Maid:
wer sie erweckte,
wer sie gewänne,
machtlos macht' er mich ewig!
Ein Feuermeer
umflutet die Frau,
glühende Lohe
umleckt den Fels:
wer die Braut begehrt,
dem brennt entgegen die Brunst.

(Er winkt mit dem Speere
nach der Felsenhöhe)


Blick' nach der Höh'!
Erlugst du das Licht?
Es wächst der Schein,
es schwillt die Glut;
sengende Wolken,
wabernde Lohe
wälzen sich brennend
und prasselnd herab:
ein Lichtmeer
umleuchtet dein Haupt:

(Mit wachsender Helle zeigt
sich von der Höhe des Felsens
her ein wabernder Feuerschein)


bald frisst und zehrt dich
zündendes Feuer. -
Zurück denn, rasendes Kind!
WANDERER

Fear the guardian of the rock!
My might holds
the sleeping maid enclosed:
he who wakes her,
he who wins her,
deprives me of my power for ever!
A sea of fire
flows round the woman,
glowing flames
lick all round the rock:
he who yearns for her as bride
must front the fiery fury.




Look up to the heights!
Do you see the light?
The glow is growing,
the splendour spreading;
scorching smoke,
flickering flames
billow down,
burning and crackling:
a sea of light
illuminates your head:





soon the raging fire
will devour and consume you.
Go back then, rash boy!
SIEGFRIED

Zurück, du Prahler, mit dir!

(Er schreitet weiter, der Wanderer
stellt sich ihm entgegen)


Dort, wo die Brünste brennen,
zu Brünnhilde muss ich dahin!
SIEGFRIED

Go back yourself, braggart!




I must go there, to the burning heart
of the blaze, to Brünnhilde!
WANDERER

Fürchtest das Feuer du nicht,

(den Speer vorhaltend)

so sperre mein Speer dir den Weg! -
Noch hält meine Hand
der Herrschaft Haft:
das Schwert, das du schwingst,
zerschlug einst dieser Schaft:
noch einmal denn
zerspring' es am ew'gen Speer!

(Er streckt den Speer vor)
WANDERER

If you do not fear the fire,



then my spear must bar your way!
My hand still holds
the symbol of sovereignty:
this shaft once shattered
the sword you bear:
once again then
let it break on the eternal spear!


SIEGFRIED
(das Schwert ziehend)

Meines Vaters Feind!
Find' ich dich hier?
Herrlich zur Rache
geriet mir das!
Schwing' deinen Speer:
in Stücken spalt' ihn mein Schwert!
SIEGFRIED


My father's foe!
Have I found you here?
How glorious that revenge
is in my grasp!
Flourish your spear:
my sword will smash it to pieces!
(Er haut dem Wanderer mit einem Schlage den Speer in zwei Stücken; ein Blitzstrahl fährt daraus nach der Felsenhöhe zu, wo von nun an der bisher mattere Schein in immer helleren Feuerflammen zu lodern beginnt. Starker Donner, der schnell sich abschwächt, begleitet den Schlag. Die Speerstücken rollen zu des Wanderers Füssen. - Er rafft sie ruhig auf)  
WANDERER
(zurückweichend)

Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!

(Er verschwindet plötzlich
in völliger Finsternis)
WANDERER


Forward then! I cannot stop you!



SIEGFRIED

Mit zerfocht'ner Waffe
wich mir der Feige?

(Die wachsende Helle der immer
tiefer sich senkenden Feuerwolken
trifft Siegfrieds Blick)


Ha! Wonnige Glut!
Leuchtender Glanz!
Strahlend nun offen
steht mir die Strasse. -
Im Feuer mich baden!
Im Feuer zu finden die Braut -
Hoho! Hahei!
Jetzt lock' ich ein liebes Gesell!
SIEGFRIED

With his spear in splinters,
has the coward escaped me?





Ah Wondrous glow!
Gleaming radiance!
The road now lies
shining and open to me.
I will bathe in the fire,
in the fire find my bride!
Hoho! Hahi!
Now I can win a dear companion!
(Siegfried setzt sein Horn an und stürzt, seine Lockweise blasend, sich in das wogende Feuer, welches sich, von der Höhe herabdringend, nun auch über den Vordergrund ausbreitet. Siegfried, den man bald nicht mehr erblickt, scheint sich nach der Höhe zu entfernen. Hellstes Leuchten der Flammen. Danach beginnt die Glut zu erbleichen und löst sich allmählich in ein immer feineres, wie durch die Morgenröte beleuchtetes Gewölk auf)