RichardWagner
Libretti
Siegfried

(DRITTER AUFZUG) (ACT THREE)
DRITTE SZENE
(Das immer zarter gewordene Gewölk hat sich in einen feinen Nebelschleier von rosiger Färbung aufgelöst und zerteilt sich nun in der Weise, dass der Duft sich gänzlich nach oben verzieht und endlich nur noch den heiteren, blauen Tageshimmel erblicken lässt, während am Saume der nun sichtbar werdenden Felsenhöhe - ganz die gleiche Szene wie im dritten Aufzug der "Walküre" - ein morgenrötlicher Nebelschleier haften bleibt, welcher zugleich an die in der Tiefe noch lodernde Zauberlohe erinnert. - Die Anordnung der Szene ist durchaus dieselbe wie am Schlusse der "Walküre": im Vordergrunde, unter der breitästigen Tanne, liegt Brünnhilde in vollständiger, glänzender Panzerrüstung, mit dem Helm auf dem Haupte, den langen Schild über sich gedeckt, in tiefem Schlafe)
SCENE THREE
SIEGFRIED
(gelangt von aussen her auf den
felsigen Saum der Höhe und zeigt sich
dort zuerst nur mit dem Oberleibe: so
blickt er lange staunend um sich)


Selige Öde
auf sonniger Höh'! -

(Er steigt vollends herauf und
betrachtet, auf einem Felsensteine
des hinteren Abhanges stehend,
mit Verwunderung die Szene.
Er blickt zur Seite in den Tann
und schreitet etwas vor)


Was ruht dort schlummernd
im schattigen Tann? -
Ein Ross ist's,
rastend in tiefem Schlaf!

(Langsam näher kommend,
hält er verwundert an, als er noch
aus einiger Entfernung Brünnhildes
Gestalt wahrnimmt)


Was strahlt mir dort entgegen?
Welch glänzendes Stahlgeschmeid?
Blendet mir noch
die Lohe den Blick?

(Er tritt näher hinzu)

Helle Waffen!
Heb' ich sie auf?

(Er hebt den Schild ab und erblickt
Brünnhildes Gestalt, während ihr
Gesicht jedoch noch zum grossen
Teil vom Helm verdeckt ist)


Ha! In Waffen ein Mann: -
wie mahnt mich wonnig sein Bild! -
Das hehre Haupt
drückt wohl der Helm? -
Leichter würd' ihm,
löst' ich den Schmuck.

(Vorsichtig löst er den Helm
und hebt ihn der Schlafenden
vom Haupte ab: langes lockiges
Haar bricht hervor. Siegfried erschrickt)


Ach! Wie schön!

(Er bleibt in den Anblick versunken)

Schimmernde Wolken
säumen in Wellen
den hellen Himmelssee;
leuchtender Sonne
lachendes Bild
strahlt durch das Wogengewölk!

(Er neigt sich tiefer zu der
Schlafenden hinab)


Von schwellendem Atem
schwingt sich die Brust: -
brech' ich die engende Brünne?

(Er versucht mit grosser
Behutsamkeit die Brünne zu lösen)


Komm, mein Schwert,
schneide das Eisen!

(Er zieht sein Schwert, durchschneidet
mit zarter Vorsicht die Panzerringe zu
beiden Seiten der ganzen Rüstung
und hebt dann die Brünne und die
Schienen ab, so dass nun Brünnhilde
in einem weichen weiblichen Gewande
vor ihm liegt. Er fährt erschreckt
und staunend auf)


Das ist kein Mann! -

(Er starrt mit höchster Aufgeregtheit
auf die Schlafende hin)


Brennender Zauber
zückt mir ins Herz;
feurige Angst
fasst meine Augen:
mir schwankt und schwindelt der Sinn!

(Er gerät in höchste Beklemmung)

Wen ruf' ich zum Heil,
dass er mir helfe? -
Mutter! Mutter!
Gedenke mein! -

(Er sinkt, wie ohnmächtig, an Brünnhildes
Busen. Langes Schweigen. Dann fährt er
seufzend auf)


Wie weck' ich die Maid,
dass sie ihr Auge mir öffne? -
Das Auge mir öffne?
Blende mich auch noch der Blick?
Wagt' es mein Trotz?
Ertrüg' ich das Licht? -

Mir schwebt und schwankt
und schwirrt es umher!
Sehrendes Sehnen
zehrt meine Sinne;
am zagenden Herzen
zittert die Hand! -
Wie ist mir Feigem? -
Ist dies das Fürchten? -
O Mutter! Mutter!
Dein mutiges Kind!
Im Schlafe liegt eine Frau: -
die hat ihn das Fürchten gelehrt! -
Wie end' ich die Furcht?
Wie fass' ich Mut? -
Dass ich selbst erwache,
muss die Maid mich erwecken! -

(Indem er sich der Schlafenden von
neuem nähert, wird er wieder von
zarteren Empfindungen an ihren
Anblick gefesselt. Er neigt sich
tiefer hinab)


Süss erbebt mir
ihr blühender Mund. -
Wie mild erzitternd
mich Zagen er reizt! -
Ach! Dieses Atems
wonnig warmes Gedüft!

(wie in Verzweiflung)

Erwache! Erwache!
Heiliges Weib!

(Er starrt auf sie hin)

Sie hört mich nicht. -

(gedehnt mit gepresstem,
drängendem Ausdruck)


So saug' ich mir Leben
aus süssesten Lippen, -
sollt' ich auch sterbend vergeh'n!


















































































































Music
SIEGFRIED





Blessedly bare
on the sunny summit!








What lies there asleep
in the shadow of the pines?
A steed,
sunk deep in sleep!






What is that shining in my face?
What glittering suit of steel?
Are my eyes still dazzled
by the flames?



Shining armour!
Shall I pick it up?






Ah, there's a man in the armour!
How delighted I am at the sight!
Does the helmet constrict
his noble head?
It would be lighter for him
if I loosened his gear.






Oh, how beautiful!



Shimmering clouds
cluster in waves
on the shining sea of heaven;
the laughing face
of the radiant sun
gleams through the billowing clouds!




His breast heaves
as he breathes:
shall I cut his constricting breastplate?




Come, my sword,
sever the iron!










That's no man!




A searing spell
pierces my heart;
a fiery anxiety
fills my eyes:
my senses swim and swoon!



Whom can I call on
to help me?
Mother, mother!
Think of me!





How shall I wake the maid
so that she opens her eyes?
But when she opens her eyes,
will the sight dazzle me?
Am I bold enough to dare?
Could I bear their brightness?

All about me sways
and staggers and reels!
A painfull yearning
sears my senses;
my hand trembles
on my beating heart!
Why have I become a coward?
Is this fear?
O mother, mother,
this is your valiant child!
A woman lies asleep
and she has taught him to be afraid.
How can I conquer this fear?
How can I take courage?
I must waken the maid
so that I myself may awake!







Sweetly quivers
her rosy mouth.
How its soft trembling
soothes my fear!
Ah! the lovely warm fragrance
of her breath!



Awaken, awaken,
wondrous woman!



She does not hear me.




Then I will suck life
from those sweetest lips,
though I die in doing so.
(Er sinkt, wie ersterbend, auf die Schlafende und heftet mit geschlossenen Augen seine Lippen auf ihren Mund. - Brünnhilde schlägt die Augen auf. Siegfried fährt auf und bleibt vor ihr stehen. Brünnhilde richtet sich langsam zum Sitze auf. Sie begrüsst mit feierlichen Gebärden der erhobenen Arme ihre Rückkehr zur Wahrnehmung der Erde und des Himmels)

Music
 
BRÜNNHILDE

Heil dir, Sonne!
Heil dir, Licht!
Heil dir, leuchtender Tag!
Lang war mein Schlaf;
ich bin erwacht.
Wer ist der Held,
der mich erweckt'?
BRÜNNHILDE

Hail to thee, sun!
Hail to thee, light!
Hail to thee, glorious day!
Long have I slept:
I was awakened.
Who is the hero
who woke me?
SIEGFRIED
(von ihrem Blicke und ihrer
Stimme feierlich ergriffen,
steht wie festgebannt)


Durch das Feuer drang ich,
das den Fels umbrann;
ich erbrach dir den festen Helm:
Siegfried bin ich,
der dich erweckt'.
SIEGFRIED




I forced my way through the fire
that flamed around the rock:
I loosened your tight helmet:
I am Siegfried,
and I woke you.
BRÜNNHILDE
(hoch aufgerichtet sitzend)

Heil euch, Götter!
Heil dir, Welt!
Heil dir, prangende Erde!
Zu End' ist nun mein Schlaf;
erwacht, seh' ich:
Siegfried ist es,
der mich erweckt!
BRÜNNHILDE


Hail to thee, gods!
Hail to thee, world!
Hail to thee, resplendent earth!
My sleep is at an end;
I am awake and can see!
It is Siegfried
who has awakened me.
SIEGFRIED
(in erhabenste Verzückung
ausbrechend)


O Heil der Mutter,
die mich gebar;
Heil der Erde,
die mich genährt!
Dass ich das Aug' erschaut,
das jetzt mir Seligem lacht!




Music
SIEGFRIED



Hail to my mother
that bore me,
hail to the earth
that nourished me,
that I can see those eyes
whose light now delights me!
BRÜNNHILDE
(mit grösster Bewegtheit)

O Heil der Mutter,
die dich gebar!
Heil der Erde,
die dich genährt!
Nur dein Blick durfte mich schau'n,
erwachen durft' ich nur dir!

(Beide bleiben voll strahlenden Entzückens
in ihren gegenseitigen Anblick verloren)


O Siegfried! Siegfried!
Seliger Held!
Du Wecker des Lebens,
siegendes Licht!
O wüsstest du, Lust der Welt,
wie ich dich je geliebt!
Du warst mein Sinnen,
mein Sorgen du!
Dich Zarten nährt' ich,
noch eh' du gezeugt;
noch eh' du geboren,
barg dich mein Schild:
so lang' lieb' ich dich, Siegfried!










Music
BRÜNNHILDE


O hail to the mother
that bore you!
Hail to the earth
that nourished you!
Your eyes alone might see me,
you alone might waken me!




O Siegfried, Siegfried!
Blessed hero!
Waker to life,
conquering light!
If you but knew, joy of the world,
how I have always loved you!
You were my thought,
you were my care!
I fed your tender being
before you were begotten;
even before you were born
my shield protected you:
so long have I loved you, Siegfried!
SIEGFRIED
(leise und schüchtern)

So starb nicht meine Mutter?
Schlief die minnige nur?
SIEGFRIED


Then my mother did not die?
Was she I love only asleep?
BRÜNNHILDE
(lächelnd, freundlich die
Hand nach ihm ausstreckend)


Du wonniges Kind!
Deine Mutter kehrt dir nicht wieder.
Du selbst bin ich,
wenn du mich Selige liebst.
Was du nicht weisst,
weiss ich für dich;
doch wissend bin ich
nur - weil ich dich liebe! -
O Siegfried! Siegfried!
Siegendes Licht!
Dich liebt' ich immer;
denn mir allein
erdünkte Wotans Gedanke
der Gedanke, den ich nie
nennen durfte;
den ich nicht dachte,
sondern nur fühlte;
für den ich focht,
kämpfte und stritt;
für den ich trotzte
dem, der ihn dachte;
für den ich büsste,
Strafe mich band,
weil ich nicht ihn dachte
und nur empfand!
Denn der Gedanke -
dürftest du's lösen! -
mir war er nur Liebe zu dir!
BRÜNNHILDE



You dearest child!
Your mother will not come back to you.
I am your very self
if you make me happy in your love.
What you do not know
I know for you;
yet I have this knowledge
only because I love you!
O Siegfried, Siegfried!
Conquering light!
I have always loved you;
for I alone
divined Wotan's thought -
that thought
I never dared name,
that I could not think
but merely felt,
for which I fought,
strove and struggled,
for which I defied
him who conceived it,
for which I paid
penance in punishment
because I did not think it,
merely felt it!
For that secret -
you can solve it! -
was only my love for you!
SIEGFRIED

Wie Wunder tönt,
was wonnig du singst;
doch dunkel dünkt mich der Sinn.
Deines Auges Leuchten
seh' ich licht;
deines Atems Wehen
fühl' ich warm;
deiner Stimme Singen
hör' ich süss:
doch was du singend mir sagst,
staunend versteh' ich's nicht.
Nicht kann ich das Ferne
sinnig erfassen,
wenn alle Sinne
dich nur sehen und fühlen!
Mit banger Furcht
fesselst du mich:
du Einz'ge hast
ihre Angst mich gelehrt.
Den du gebunden
in mächtigen Banden,
birg meinen Mut mir nicht mehr!

(Er verweilt in grosser Aufregung,
sehnsuchtsvollen Blick auf sie heftend)
SIEGFRIED

How beautyful the sound
of her wondrous song,
though its sense seems strange to me.
The light of your eyes
is bright to my sight:
warm feels
the stirring of your breath;
the sound of your voice
is sweet to hear:
but what your song says to me
I cannot understand, and am left astonished.
My mind fails
to grasp far-off things
when all my senses
see and feel only you!
You have fettered me
with anxious fears:
you alone have
taught me anguish.
You have bound me
in powerful bonds,
but no longer deprive me of my courage!



BRÜNNHILDE
(wendet sanft das Haupt zur Seite
und richtet ihren Blick nach dem Tann)


... Dort seh' ich Grane,
mein selig Ross:
wie weidet er munter,
der mit mir schlief!
Mit mir hat ihn Siegfried erweckt.
BRÜNNHILDE



I see Grane there,
my trusty steed:
how happily he grazes,
he who was asleep like me!
Siegfried woke him along with me.
SIEGFRIED
(in der vorigen Stellung verbleibend)

Auf wonnigem Munde
weidet mein Auge:
in brünstigem Durst
doch brennen die Lippen,
dass der Augen Weide sie labe! -
SIEGFRIED


My eyes feast
on your heavenly mouth,
but my lips burn
in passionate thirst
to seek refreshment in the pasture of your eyes.
BRÜNNHILDE
(deutet ihm mit der Hand nach
ihren Waffen, die sie gewahrt)


Dort seh' ich den Schild,
der Helden schirmte;
dort seh' ich den Helm,
der das Haupt mir barg:
er schirmt, er birgt mich nicht mehr!
BRÜNNHILDE



I see the shield there
that sheltered heroes:
there I see the helmet
that protected my head:
no longer do they shield or protect me!
SIEGFRIED

Eine selige Maid
versehrte mein Herz;
Wunden dem Haupte
schlug mir ein Weib: -
ich kam ohne Schild und Helm!
SIEGFRIED

A wondrous maid
has pierced my heart,
a woman
has wounded my head:
I came here without a shield or helmet!
BRÜNNHILDE
(mit gesteigertem Wehmut)

Ich sehe der Brünne
prangenden Stahl:
ein scharfes Schwert
schnitt sie entzwei;
von dem maidlichen Leibe
löst' es die Wehr: -
ich bin ohne Schutz und Schirm,
ohne Trutz ein trauriges Weib!
BRÜNNHILDE


I see the breastplate's
shining steel;
a sharp sword
cut it in two;
from my maiden body
it stripped the defences:
I am exposed and unprotected,
defenceless, a weak woman!
SIEGFRIED

Durch brennendes Feuer
fuhr ich zu dir!
Nicht Brünne noch Panzer
barg meinen Leib:
nun brach die Lohe
mir in die Brust.
Es braust mein Blut
in blühender Brunst;
ein zehrendes Feuer
ist mir entzündet:
die Glut, die Brünnhilds
Felsen umbrann,
die brennt mir nun in der Brust!
O Weib, jetzt lösche den Brand!
Schweige die schäumende Glut!
SIEGFRIED

Through blazing fire
I forced my way to you!
No breastplate or armour
protected my body:
now the flames flare out
in my breast.
My blood leaps
in a blaze of passion:
a consuming fire
is kindled in me:
the flames that
surrounded Brünnhilde's rock
now burn within my breast!
O woman, now quench those flames!
Still the seething fire!
(Er hat sie heftig umfasst: sie springt auf, wehrt ihm mit der höchsten Kraft der Angst, und entflieht nach der anderen Seite).  
BRÜNNHILDE

Kein Gott nahte mir je!
Der Jungfrau neigten
scheu sich die Helden:
heilig schied sie aus Walhall!
Wehe! Wehe!
Wehe der Schmach,
der schmählichen Not!
Verwundet hat mich,
der mich erweckt!
Er erbrach mir Brünne und Helm:
Brünnhilde bin ich nicht mehr!
BRÜNNHILDE

No god ever came so close to me!
Heroes humbly bowed
before my virginity:
sacrosanct I came from Valhalla!
Woe, woe is me!
O the shame,
the indignity of my plight!
He who woke me
has wounded me.
He cut off my breastplate and helmet:
I am Brünnhilde no more!
SIEGFRIED

Noch bist du mir
die träumende Maid:
Brünnhildes Schlaf
brach ich noch nicht.
Erwache, sei mir ein Weib!
SIEGFRIED

To me you are still
the dreaming maid:
I have not yet broken
Brünnhilde's sleep.
Awaken, be my woman!
BRÜNNHILDE
(in Betäubung)

Mir schwirren die Sinne,
mein Wissen schweigt:
soll mir die Weisheit schwinden?
BRÜNNHILDE


My senses swoon,
my reason reels:
must my wisdom wither?
SIEGFRIED

Sangst du mir nicht,
dein Wissen sei
das Leuchten der Liebe zu mir?
SIEGFRIED

Did you not sing to me
that your wisdom was
the light leading your love to me?
BRÜNNHILDE
(vor sich hinstarrend)

Trauriges Dunkel
trübt meinen Blick;
mein Auge dämmert,
das Licht verlischt:
Nacht wird's um mich.
Aus Nebel und Grau'n
windet sich wütend
ein Angstgewirr:
Schrecken schreitet
und bäumt sich empor!

(Sie birgt heftig die Augen
mit beiden Händen)
BRÜNNHILDE


Doleful darkness
clouds my sight:
my eyes dim,
their light fades:
night falls on me.
Out of darkness and dread
issues a wild
whirl of fear:
terror stalks
and rears itself up.



SIEGFRIED
(indem er ihr sanft die Hände
von den Augen löst)


Nacht umfängt
gebund'ne Augen.
Mit den Fesseln schwindet
das finstre Grau'n.
Tauch' aus dem Dunkel und sieh: -
sonnenhell leuchtet der Tag!
SIEGFRIED



Night affrights
your confined eyes.
Dark dread disappears
as the fetters fall.
Emerge from the darkness, and see:
the day shines bright in the sun!
BRÜNNHILDE
(in höchster Ergriffenheit)

Sonnenhell
leuchtet der Tag meiner Schmach! -
O Siegfried! Siegfried!
Sieh' meine Angst!

(Ihre Miene verrät, dass ihr ein
anmutiges Bild vor die Seele tritt,
von welchem ab sie den Blick mit
Sanftmut wieder auf Siegfried richtet)


Ewig war ich,
ewig bin ich,
ewig in süss
sehnender Wonne, -
doch ewig zu deinem Heil! -
O Siegfried! Herrlicher!
Hort der Welt!
Leben der Erde!
Lachender Held!
Lass, ach lass,
lasse von mir!
Nahe mir nicht
mit der wütenden Nähe!
Zwinge mich nicht
mit dem brechenden Zwang,
zertrümmre die Traute dir nicht! -
Sahst du dein Bild
im klaren Bach?
Hat es dich Frohen erfreut?
Rührtest zur Woge
das Wasser du auf,
zerflösse die klare
Fläche des Bachs:
dein Bild sähst du nicht mehr,
nur der Welle schwankend Gewog'! -
So berühre mich nicht,
trübe mich nicht!
Ewig licht
lachst du selig dann
aus mir dir entgegen,
froh und heiter ein Held! -
O Siegfried!
Leuchtender Spross!
Liebe dich,
und lasse von mir:
vernichte dein Eigen nicht!








Music









Music
BRÜNNHILDE


Bright in the sun
shines the day of my shame!
O Siegfried, Siegfried!
See my anguish!






I always was,
I always am,
always in sweet
yearning bliss,
always anxious for your welfare.
O Siegfried! Glorious being!
Wealth of the world!
Life of the earth!
Laughing hero!
Leave me,
oh leave me in peace.
Do not come to me,
inflamed by nearness!
Do not overcome me
with your overwhelming force,
do not destroy your beloved!
Have you seen your reflection
in the clear stream?
Did it not gladden your gaze?
Had you stirred the water
into waves,
the smooth surface of the stream
would have been disturbed
and you would have seen yourself mirrored no more,
only the rocking movement of the waters.
So do not touch me,
do not upset me!
Ever bright and happy
will you then smile
out of my eyes into yours,
a cheerful and joyous hero!
O Siegfried!
Radiant youth!
Love yourself
and let me be:
do not destroy what is your own!
SIEGFRIED

Dich lieb' ich:
o liebtest mich du!
Nicht hab' ich mehr mich:
o, hätte ich dich! -
Ein herrlich Gewässer
wogt vor mir;
mit allen Sinnen
seh' ich nur sie,
die wonnig wogende Welle:
Brach sie mein Bild,
so brenn' ich nun selbst,
sengende Glut
in der Flut zu kühlen;
ich selbst, wie ich bin,
spring' in den Bach: -
o, dass seine Wogen
mich selig verschlängen,
mein Sehnen schwänd' in der Flut!
Erwache, Brünnhilde!
Wache, du Maid!
Lache und lebe,
süsseste Lust!
Sei mein! Sei mein! Sei mein!
SIEGFRIED

I love you:
did you but love me too!
I am no more my own:
were you but mine!
A glorious flood
flows before me:
with all my senses
I see only
that sweet surging sea.
If it breaks up my reflection,
I myself burn
to cool my glowing heart
in the flood:
I will leap, as I am,
into the stream:
oh that its waters
might blissfully swallow me,
and my longing be lost in the flood!
Awaken, Brünnhilde!
Waken, oh maid!
Laugh and live,
sweetest delight!
Be mine, be mine, be mine!
BRÜNNHILDE
(sehr innig)

O Siegfried! Dein -
war ich von je!
BRÜNNHILDE


O Siegfried!
I have always been yours!
SIEGFRIED
(feurig)

Warst du's von je,
so sei es jetzt!
SIEGFRIED


If you always been,
be so now!
BRÜNNHILDE

Dein werd' ich
ewig sein!
BRÜNNHILDE

I will be yours
for ever!
SIEGFRIED

Was du sein wirst,
sei es mir heut'!
Fasst dich mein Arm,
umschling' ich dich fest;
schlägt meine Brust
brünstig die deine;
zünden die Blicke,
zehren die Atem sich;
Aug' in Auge,
Mund an Mund:
dann bist du mir,
was bang du mir warst und wirst!
Dann brach sich die brennende Sorge,
ob jetzt Brünnhilde mein?

(Er hat sie umfasst)
SIEGFRIED

What you will be,
be today!
If my arms enfold you
and hold you tight,
if my breast beats
wildly against yours,
if our eyes kindle,
and we breathe each other's breath,
eye to eye,
mouth to mouth,
then you are to me
what fearfully you were and will be.
Then gone would be the burning doubt
whether Brünnhilde is now mine.


BRÜNNHILDE

Ob jetzt ich dein? -
Göttliche Ruhe
rast mir in Wogen;
keuschestes Licht
lodert in Gluten:
himmlisches Wissen
stürmt mir dahin,
Jauchzen der Liebe
jagt es davon!
Ob jetzt ich dein? -
Siegfried! Siegfried!
Siehst du mich nicht?
Wie mein Blick dich verzehrt,
erblindest du nicht?
Wie mein Arm dich presst,
entbrennst du mir nicht?
Wie in Strömen mein Blut
entgegen dir stürmt,
das wilde Feuer,
fühlst du es nicht?
Fürchtest du, Siegfried,
fürchtest du nicht
das wild wütende Weib?

(Sie umfasst ihn heftig)
BRÜNNHILDE

Whether I am now yours?
Divine peace
floods my being;
purest light
blazes in the glow:
the wisdom of heaven
flees from me,
chased away
by the joy of love!
Whether I am now yours?
Siegfried, Siegfried,
do you not see me?
As my eyes devour you,
are you not blinded?
As my arms enfold you,
do you not catch fire from me?
As my blood surges
like a sea towards you,
do you not feel
its raging fire?
Siegfried, do you not fear,
do you not fear
this wild, passionate woman?


SIEGFRIED
(in freudigem Schreck)

Ha! -
Wie des Blutes Ströme sich zünden,
wie der Blicke Strahlen sich zehren,
Wie die Arme brünstig sich pressen, -
kehrt mir zurück
mein kühner Mut,
und das Fürchten, ach!
Das ich nie gelernt, -
das Fürchten, das du
mich kaum gelehrt:
das Fürchten, - mich dünkt -
ich Dummer vergass es nun ganz!

(Er hat bei den letzten Worten
Brünnhilde unwillkürlich losgelassen)
SIEGFRIED


Ah!
As our bloodstreams set each other ablaze,
as our glowing eyes scorch one another,
as our arms passionately clasp each other,
my daring and courage
return to me,
and fear that - ah! -
I never learned,
that fear which you only
just now taught me,
that fear, I think,
I have foolishly quite forgotten already!



BRÜNNHILDE
(im höchsten Liebesjubel
wild auflachend)


O kindischer Held!
O herrlicher Knabe!
Du hehrster Taten
töriger Hort!
Lachend muss ich dich lieben,
lachend will ich erblinden,
lachend lass uns verderben
lachend zu Grunde gehn!











Music
BRÜNNHILDE



O childlike hero!
O sublime boy!
You silly store
of doughty deeds!
Laughing, I must love you,
laughing, I will bear my blindness;
laughing let us ruin,
laughing let us perish!
  Fahr' hin, Walhalls
leuchtende Welt!
Zerfall in Staub
deine stolze Burg!
Leb' wohl, prangende
Götterpracht!
End' in Wonne,
du ewig Geschlecht!
Zerreisst, ihr Nornen,
das Runenseil!
Götterdämm'rung,
dunkle herauf!
Nacht der Vernichtung,
neble herein! -
Mir strahlt zur Stunde
Siegfrieds Stern;
er ist mir ewig,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!
Farewell, Valhalla's
glittering world!
Let your proud fortness
fall to dust!
Farewell, resplendent
pomp of the gods!
May your end be blissful,
immortal race!
You Norns, snap
your rope of symbols!
Dusk of the gods,
let your darkness descend!
Night of annihilation,
let your mist fall!
Siegfried's star
now shines upon me:
he is mine forever,
always mine,
my inheritance, my own,
my one and all:
radiant love,
laughing death!
SIEGFRIED

Lachend erwachst
du Wonnige mir:
Brünnhilde lebt,
Brünnhilde lacht!
Heil dem Tage,
der uns umleuchtet!
Heil der Sonne,
die uns bescheint!
Heil dem Licht,
das ser Nacht enttaucht!
Heil der Welt,
der Brünnhilde lebt!
Sie wacht, sie lebt,
sie lacht mir entgegen.
Prangend strahlt
mir Brünnhildes Stern!
Sie ist mir ewig,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!
SIEGFRIED

Laughing, you awake
in rapture to me:
Brünnhilde lives,
Brünnhilde laughs!
Hail to the day
that gleams about us!
Hail to the sun
that shines upon us!
Hail to the light
that overcomes the night
Hail to the world
in which Brünnhilde lives!
She is awake, alive,
smiling at me.
Effulgent shines
Brünnhilde's star upon me!
She is forever mine,
always mine,
my inheritance, my own,
my one and all:
radiant love,
laughing death!
(Brünnhilde stürzt sich in Siegfrieds Arme)

(Der Vorhang fällt.)