RichardWagner
Libretti
Siegfried

(ERSTER AUFZUG)
DRITTE SZENE
MIME
(starrt grad vor sich aus in den sonnig
beleuchteten Wald hinein und gerät
zunehmend in heftiges Zittern)


Verfluchtes Licht!
Was flammt dort die Luft?
Was flackert und lackert, -
was flimmert und schwirrt, -
was schwebt dort und webt
und wabert umher?
Da glimmert's und glitzt's
in der Sonne Glut!
Was säuselt und summt
und saust nun gar?
Es brummt und braust -
und prasselt hieher!
Dort bricht's durch den Wald,
will auf mich zu!

(Er bäumt sich vor Entsetzen auf)

Ein grässlicher Rachen
reisst sich mir auf:
der Wurm will mich fangen!
Fafner! Fafner!

(Er sinkt laut schreiend hinter
dem breiten Amboss zusammen)
SIEGFRIED
(bricht aus dem Waldgesträuch
hervor und ruft noch hinter der
Szene, während man seine Bewegung
an dem zerkrachenden Gezweige
des Gesträuches gewahrt)


Heda! Du Fauler!
Bist du nun fertig!

(Er tritt in die Höhle herein
und hält verwundert an)


Schnell! Wie steht's mit dem Schwert?
Wo steckt der Schmied?
Stahl er sich fort?
Hehe! Mime, du Memme!
Wo bist du? Wo birgst du dich?
MIME
(mit schwacher Stimme hinter
dem Amboss)


Bist du es, Kind?
Kommst du allein?
SIEGFRIED
(lachend)

Hinter dem Amboss? -
Sag', was schufest du dort?
Schärftest du mir das Schwert?
MIME
(höchst verstört und
zerstreut hervorkommend)


Das Schwert? Das Schwert?
Wie möcht' ich's schweissen? -

(halb für sich)

"Nur wer das Fürchten
nie erfuhr,
schmiedet Notung neu." -
Zu weise ward ich
für solches Werk!
SIEGFRIED
(heftig)

Wirst du mir reden?
Soll ich dir raten?
MIME
(wie zuvor)

Wo nähm' ich redlichen Rat? -
Mein weises Haupt
hab' ich verwettet:

(vor sich hin starrend)

verfallen, verlor ich's an den,
"der das Fürchten nicht gelernt".
SIEGFRIED
(ungestüm)

Sind mir das Flausen?
Willst du mir fliehn?
MIME
(allmählich sich etwas fassend)

Wohl flöh' ich dem,
der's Fürchten kennt! -
Doch das liess ich dem Kinde zu lehren!
Ich Dummer vergass,
was einzig gut:
Liebe zu mir
sollt' er lernen; -
das gelang nun leider faul! -
Wie bring' ich das Fürchten ihm bei?
SIEGFRIED
(packt ihn)

He! Muss ich helfen?
Was fegtest du heut'?
MIME

Um dich nur besorgt,
versank ich in Sinnen,
wie ich dich Wichtiges wiese.
SIEGFRIED
(lachend)

Bis unter den Sitz
warst du versunken:
was Wichtiges fandest du da?
MIME
(sich immer mehr fassend)

Das Fürchten lernt' ich für dich,
dass ich's dich Dummen lehre.
SIEGFRIED
(mit ruhiger Verwunderung)

Was ist's mit dem Fürchten?
MIME

Erfuhrst du's noch nie
und willst aus dem Wald
doch fort in die Welt?
Was frommte das festeste Schwert,
blieb dir das Fürchten fern?
SIEGFRIED
(ungeduldig)

Faulen Rat
erfindest du wohl?
MIME
(immer zutraulicher Siegfried
näher tretend)


Deiner Mutter Rat
redet aus mir;
was ich gelobte,
muss ich nun lösen:
in die listige Welt
dich nicht zu entlassen,
eh' du nicht das Fürchten gelernt.
SIEGFRIED
(heftig)

Ist's eine Kunst,
was kenn' ich sie nicht?
Heraus! Was ist's mit dem Fürchten?
MIME

Fühltest du nie
im finstren Wald,
bei Dämmerschein
am dunklen Ort,
wenn fern es säuselt,
summt und saust,
wildes Brummen
näher braust,
wirres Flackern
um dich flimmert,
schwellend Schwirren
zu Leib dir schwebt: -
fühltest du dann nicht grieselnd
Grausen die Glieder dir fahen?
Glühender Schauer
schüttelt die Glieder,
in der Brust bebend und bang
berstet hämmernd das Herz?
Fühltest du das noch nicht,
das Fürchten blieb dir dann fremd.
SIEGFRIED
(nachsinnend)

Sonderlich seltsam
muss das sein!
Hart und fest,
fühl' ich, steht mir das Herz. -
Das Grieseln und Grausen,
das Glühen und Schauern,
Hitzen und Schwindeln,
Hämmern und Beben: -
gern begehr' ich das Bangen,
sehnend verlangt mich's der Lust! -
Doch wie bringst du,
Mime, mir's bei?
Wie wärst du, Memme, mir Meister?
MIME

Folge mir nur,
ich führe dich wohl:
sinnend fand ich es aus.
Ich weiss einen schlimmen Wurm,
der würgt' und schlang schon viel:
Fafner lehrt dich das Fürchten,
folgst du mir zu seinem Nest.
SIEGFRIED

Wo liegt er im Nest?
MIME

Neidhöhle
wird es genannt:
im Ost, am Ende des Walds.
SIEGFRIED

Dann wär's nicht weit von der Welt?
MIME

Bei Neidhöhle liegt sie ganz nah.
SIEGFRIED

Dahin denn sollst du mich führen:
lernt' ich das Fürchten,
dann fort in die Welt!
Drum schnell! Schaffe das Schwert,
in der Welt will ich es schwingen.
MIME

Das Schwert? O Not!
SIEGFRIED

Rasch in die Schmiede!
Weis', was du schufst!
MIME

Verfluchter Stahl!
Zu flicken versteh' ich ihn nicht:
den zähen Zauber
bezwingt keines Zwergen Kraft.
Wer das Fürchten nicht kennt,
der fänd' wohl eher die Kunst.
















Music
SIEGFRIED

Feine Finten
weiss mir der Faule;
dass er ein Stümper,
sollt' er gestehn:
nun lügt er sich listig heraus!
Her mit den Stücken,
fort mit dem Stümper!

(auf den Herd zuschreitend)

Des Vaters Stahl
fügt sich wohl mir:
ich selbst schweisse das Schwert!

(Er macht sich, Mimes Gerät
durcheinander werfend,
mit Ungestüm an die Arbeit)
MIME

Hättest du fleissig
die Kunst gepflegt,
jetzt käm' dir's wahrlich zugut;
doch lässig warst du
stets in der Lehr':
was willst du Rechtes nun rüsten?
SIEGFRIED

Was der Meister nicht kann,
vermöcht' es der Knabe,
hätt' er ihm immer gehorcht? -

(Er dreht ihm eine Nase)

Jetzt mach' dich fort,
misch' dich nicht drein:
sonst fällst du mir mit ins Feuer!

(Er hat eine grosse Menge Kohlen
auf dem Herd aufgehäuft und unterhält
in einem fort die Glut, während er die
Schwertstücke in den Schraubstock
einspannt und sie zu Spänen zerfeilt)
MIME
(der sich etwas abseits niedergesetzt
hat, sieht Siegfried bei der Arbeit zu)


Was machst du denn da?
Nimm doch die Löte:
den Brei braut' ich schon längst.
SIEGFRIED

Fort mit dem Brei!
Ich brauch' ihn nicht:
Mit Bappe back' ich kein Schwert!
MIME

Du zerfeilst die Feile,
zerreibst die Raspel:
wie willst du den Stahl zerstampfen?
SIEGFRIED

Zersponnen muss ich
in Späne ihn sehn:
was entzwei ist, zwing' ich mir so.

(Er feilt mit grossem Eifer fort)
MIME
(für sich)

Hier hilft kein Kluger,
das seh' ich klar:
hier hilft dem Dummen
die Dummheit allein!
Wie er sich rührt
und mächtig regt!
lhm schwindet der Stahl,
doch wird ihm nicht schwül! -

(Siegfried hat das Herdfeuer
zur hellsten Glut angefacht)


Nun ward ich so alt
wie Höhl' und Wald,
und hab' nicht so was geseh'n!

(Während Siegfried mit ungestümem
Eifer fortfährt, die Schwertstücken
zu zerfeilen, setzt sich Mime noch
mehr beiseite)


Mit dem Schwert gelingt's,
das lern' ich wohl:
furchtlos fegt er's zu ganz.
Der Wand'rer wusst' es gut! -
Wie berg' ich nun
mein banges Haupt?
Dem kühnen Knaben verfiel's,
lehrt' ihn nicht Fafner die Furcht!

(mit wachsender Unruhe
aufspringend und sich beugend)


Doch weh' mir Armen!
Wie würgt' er den Wurm,
erführ' er das Fürchten von ihm?
Wie erräng' er mir den Ring?
Verfluchte Klemme!
Da klebt' ich fest,
fänd' ich nicht klugen Rat,
wie den Furchtlosen selbst ich bezwäng'. -
SIEGFRIED
(hat nun die Stücken zerfeilt und
in einem Schmelztiegel gefangen,
den er jetzt in die Herdglut stellt)


He, Mime! Geschwind!
Wie heisst das Schwert,
das ich in Späne zersponnen?
MIME
(fährt zusammen und wendet sich
zu Siegfried)


Notung nennt sich
das neidliche Schwert:
deine Mutter gab mir die Mär.

Music


Music


Music
Music


















Music
SIEGFRIED
(nährt unter dem folgenden
die Glut mit dem Blasebalg)


Notung! Notung!
Neidliches Schwert!
Was musstest du zerspringen?
Zu Spreu nun schuf ich
die scharfe Pracht,
im Tiegel brat' ich die Späne.
Hoho! Hoho!
Hohei! Hohei!
Blase, Balg!
Blase die Glut! -
Wild im Walde
wuchs ein Baum,
den hab' ich im Forst gefällt: -
die braune Esche
brannt' ich zur Kohl',
auf dem Herd nun liegt sie gehäuft.
Hoho! Hoho!
Hohei! Hohei!
Blase, Balg!
Blase die Glut!
Des Baumes Kohle,
wie brennt sie kühn;
wie glüht sie hell und hehr!
In springenden Funken
sprühet sie auf:
Hohei! Hohei! Hohei!
Zerschmilzt mir des Stahles Spreu.
Hoho! Hoho!
Hohei! Hoho!
Blase, Balg!
Blase die Glut!
MIME
(immer für sich, entfernt sitzend)

Er schmiedet das Schwert,
und Fafner fällt er:
das seh' ich nun sicher voraus.
Hort und Ring
erringt er im Harst: -
wie erwerb' ich mir den Gewinn?
Mit Witz und List
erlang' ich beides
und berge heil mein Haupt.
SIEGFRIED
(nochmals am Blasebalg)

Hoho! Hoho!
Hohei! Hohei!
MIME
(im Vordergrunde für sich)

Rang er sich müd mit dem Wurm,
von der Müh' erlab' ihn ein Trunk:
aus würz'gen Säften,
die ich gesammelt,
brau' ich den Trank für ihn;
wenig Tropfen nur
braucht er zu trinken,
sinnenlos sinkt er in Schlaf.
Mit der eignen Waffe,
die er sich gewonnen,
räum' ich ihn leicht aus dem Weg,
erlange mir Ring und Hort.

(Er reibt sich vergnügt die Hände)

Hei! Weiser Wand'rer!
Dünkt' ich dich dumm?
Wie gefällt dir nun
mein feiner Witz?
Fand ich mir wohl
Rat und Ruh'?











































Music
SIEGFRIED

Notung! Notung!
Neidliches Schwert!
Nun schmolz deines Stahles Spreu!
Im eignen Schweisse
schwimmst du nun.

(Er giesst den glühenden Inhalt
des Tiegels in eine Stangenform
und hält diese in die Höhe)


Bald schwing' ich dich als mein Schwert!

(Er stösst die gefüllte Stangenform
in den Wassereimer; Dampf und
lautes Gezisch der Kühlung erfolgen)


In das Wasser floss
ein Feuerfluss:
grimmiger Zorn
zischt' ihm da auf!
Wie sehrend er floss,
in des Wassers Flut
fliesst er nicht mehr.
Starr ward er und steif,
herrisch der harte Stahl:
heisses Blut doch
fliesst ihm bald! -

(Er stösst den Stahl in die Herdglut
und zieht die Blasebälge mächtig an)


Nun schwitze noch einmal,
dass ich dich schweisse,
Notung, neidliches Schwert!

(Mime ist vergnügt aufgesprungen;
er holt verschiedene Gefässe hervor,
schüttet aus ihnen Gewürz und Kräuter
in einen Kochtopf und sucht, diesen
auf dem Herd anzubringen)

(Siegfried beobachtet während der
Arbeit Mime, welcher vom andern
Ende des Herdes her seinen Topf
sorgsam an die Glut stellt)


Was schafft der Tölpel
dort mit dem Topf?
Brenn' ich hier Stahl,
braust du dort Sudel?
MIME

Zuschanden kam ein Schmied,
den Lehrer sein Knabe lehrt:
mit der Kunst nun ist's beim Alten aus,
als Koch dient er dem Kind.
Brennt es das Eisen zu Brei,
aus Eiern braut
der Alte ihm Sud.

(er fährt fort zu kochen)





















Music
SIEGFRIED

Mime, der Künstler,
lernt jetzt kochen;
das Schmieden schmeckt ihm nicht mehr.
Seine Schwerter alle
hab' ich zerschmissen;
was er kocht, ich kost' es ihm nicht!

(Unter dem Folgenden zieht Siegfried
die Stangenform aus der Glut,
zerschlägt sie und legt den glühenden
Stahl auf dem Amboss zurecht)


Das Fürchten zu lernen,
will er mich führen;
ein Ferner soll es mich lehren:
was am besten er kann,
mir bringt er's nicht bei:
als Stümper besteht er in allem!

(während des Schmiedens)

Hoho! Hoho! Hohei!
Schmiede, mein Hammer,
ein hartes Schwert!
Hoho! Hahei!
Hoho! Hahei!

Einst färbte Blut
dein falbes Blau;
sein rotes Rieseln
rötete dich:
kalt lachtest du da,
das warme lecktest du kühl!
Heiaho! Haha!
Haheiaha!
Nun hat die Glut
dich rot geglüht;
deine weiche Härte
dem Hammer weicht:
zornig sprühst du mir Funken,
dass ich dich Spröden gezähmt!
Heiaho! Heiaho!
Heiahohoho!
Hahei!
MIME
(beiseite)

Er schafft sich ein scharfes Schwert,
Fafner zu fällen,
der Zwerge Feind:
ich braut' ein Truggetränk,
Siegfried zu fangen,
dem Fafner fiel.
Gelingen muss mir die List;
lachen muss mir der Lohn!
(Er beschäftigt sich während des folgenden damit, den Inhalt des Topfes in eine Flasche zu giessen)
SIEGFRIED

Hoho! Hoho!
Hahei!
Schmiede, mein Hammer,
ein hartes Schwert!
Hoho! Hahei!
Hoho! Hahei!
Der frohen Funken
wie freu' ich mich;
es ziert den Kühnen
des Zornes Kraft:
lustig lachst du mich an,
stellst du auch grimm dich und gram!
Heiaho, haha,
haheiaha!
Durch Glut und Hammer
glückt' es mir;
mit starken Schlägen
streckt' ich dich:
nun schwinde die rote Scham;
werde kalt und hart, wie du kannst.
Heiaho! Heiaho!
Heiahohoho!
Heiah!
(Er schwingt den Stahl und stösst ihn in den Wassereimer. Er lacht bei dem Gezisch laut auf)

(Während Siegfried die geschmiedete Schwertklinge in dem Griffhefte befestigt, treibt sich Mime mit der Flasche im Vordergrunde umher)











Music
MIME

Den der Bruder schuf,
den schimmernden Reif,
in den er gezaubert
zwingende Kraft,
das helle Gold,
das zum Herrscher macht, -
ihn hab' ich gewonnen!
Ich walte sein! -

(Er trippelt, während Siegfried mit
dem kleinen Hammer arbeitet und
schleift und feilt, mit zunehmender
Vergnügtheit lebhaft umher)


Alberich selbst,
der einst mich band,
zur Zwergenfrone
zwing' ich ihn nun;
als Niblungenfürst
fahr' ich darnieder;
gehorchen soll mir
alles Heer!
Der verachtete Zwerg,
wie wird er geehrt! -
Zu dem Horte hin drängt sich
Gott und Held:

(mit immer lebhafteren Gebärden)

vor meinem Nicken
neigt sich die Welt,
vor meinem Zorne
zittert sie hin! -
Dann wahrlich müht sich
Mime nicht mehr:
ihm schaffen andre
den ew'gen Schatz.
Mime, der kühne,
Mime ist König,
Fürst der Alben,
Walter des Alls!
Hei, Mime! Wie glückte dir das!
Wer hätte wohl das gedacht!





















Music
SIEGFRIED
(hat während der letzten Absätze
von Mimes Lied mit den letzten
Schlägen die Nieten des Griffheftes
geglättet und fasst nun das Schwert)


Notung! Notung!
Neidliches Schwert!
Jetzt haftest du wieder im Heft.
Warst du entzwei,
ich zwang dich zu ganz;
kein Schlag soll nun dich mehr zerschlagen.
Dem sterbenden Vater
zersprang der Stahl,
der lebende Sohn
schuf ihn neu:
nun lacht ihm sein heller Schein,
seine Schärfe schneidet ihm hart.

(das Schwert vor sich schwingend)

Notung! Notung!
Neidliches Schwert!
Zum Leben weckt' ich dich wieder,
tot lagst du
in Trümmern dort,
jetzt leuchtest du trotzig und hehr.
Zeige den Schächern
nun deinen Schein!
Schlage den Falschen,
fälle den Schelm! -
Schau, Mime, du Schmied: -

(Er holt mit dem Schwert aus)

so schneidet Siegfrieds Schwert!
(Er schlägt auf den Amboss, welcher von oben bis unten in zwei Stücke zerspaltet, so dass er unter grossem Gepolter auseinander fällt. Mime, welcher in höchster Verzückung sich auf einen Schemel geschwungen hatte, fällt vor Schreck sitzlings zu Boden. Siegfried hält jauchzend das Schwert in die Höhe. - Der Vorhang fällt)