RichardWagner
Libretti
Siegfried

ZWEITER AUFZUG
Music
Music
VORSPIEL UND ERSTE SZENE

Tiefer Wald.

Ganz im Hintergrunde die Öffnung einer Höhle. Der Boden hebt sich bis zur Mitte der Bühne, wo er eine kleine Hochebene bildet; von da senkt er sich nach hinten, der Höhle zu, wieder abwärts, so dass von dieser nur der obere Teil der Öffnung dem Zuschauer sichtbar ist. Links gewahrt man durch Waldbäume eine zerklüftete Felsenwand. - Finstere Nacht, am dichtesten über dem Hintergrunde, wo anfänglich der Blick des Zuschauers gar nichts zu unterscheiden vermag.
ALBERICH
(an der Felsenwand zur Seite
gelagert, düster brütend)


In Wald und Nacht
vor Neidhöhl' halt' ich Wacht:
es lauscht mein Ohr,
mühvoll lugt mein Aug'. -
Banger Tag,
bebst du schon auf?
Dämmerst du dort
durch das Dunkel her?

(Aus dem Walde von rechts her
erhebt sich ein Sturmwind;
ein bläulicher Glanz leuchtet
von ebendaher)


Welcher Glanz glitzert dort auf?
Näher schimmert
ein heller Schein; -
es rennt wie ein leuchtendes Ross,
bricht durch den Wald
brausend daher. -
Naht schon des Wurmes Würger?
Ist's schon, der Fafner fällt?

(Der Sturmwind legt sich wieder;
der Glanz verlischt)


Das Licht erlischt, -
der Glanz barg sich dem Blick:
Nacht ist's wieder.

(Der Wanderer tritt aus dem Wald
und hält Alberich gegenüber an)


Wer naht dort schimmernd im Schatten?
DER WANDERER

Zur Neidhöhle
fuhr ich bei Nacht: -
wen gewahr' ich im Dunkel dort?
(Wie aus einem plötzlich zerreissenden Gewölk bricht Mondschein herein und beleuchtet des Wanderers Gestalt)
ALBERICH
(erkennt den Wanderer, fährt
erschrocken zurück, bricht aber
sogleich in höchste Wut aus)


Du selbst lässt dich hier sehn?
Was willst du hier?
Fort, aus dem Weg!
Von dannen, schamloser Dieb!
WANDERER
(ruhig)

Schwarz-Alberich,
schweifst du hier?
Hütest du Fafners Haus?
ALBERICH

Jagst du auf neue
Neidtat umher?
Weile nicht hier,
weiche von hinnen!
Genug des Truges
tränkte die Stätte mit Not.
Drum, du Frecher,
lass sie jetzt frei!
WANDERER

Zu schauen kam ich,
nicht zu schaffen:
wer wehrte mir Wand'rers Fahrt?
ALBERICH
(lacht tückisch auf)

Du Rat wütender Ränke!
Wär' ich dir zulieb
doch noch dumm wie damals,
als du mich Blöden bandest,
wie leicht geriet' es,
den Ring mir nochmals zu rauben!
Hab' acht! Deine Kunst
kenne ich wohl;
doch wo du schwach bist,
blieb mir auch nicht verschwiegen.
Mit meinen Schätzen
zahltest du Schulden;
mein Ring lohnte
der Riesen Müh',
die deine Burg dir gebaut.
Was mit den Trotzigen
einst du vertragen,
des Runen wahrt noch heut'
deines Speeres herrischer Schaft.
Nicht du darfst,
was als Zoll du gezahlt,
den Riesen wieder entreissen:
du selbst zerspelltest
deines Speeres Schaft;
in deiner Hand
der herrische Stab,
der starke, zerstiebte wie Spreu!
WANDERER

Durch Vertrages Treuerunen
band er dich
Bösen mir nicht:
dich beugt' er mir durch seine Kraft;
zum Krieg drum wahr' ich ihn wohl!
ALBERICH

Wie stolz du dräust
in trotziger Stärke,
und wie dir's im Busen doch bangt! -
Verfallen dem Tod
durch meinen Fluch
ist des Hortes Hüter: -
wer wird ihn beerben?
Wird der neidliche Hort
dem Niblungen wieder gehören?
Das sehrt dich mit ew'ger Sorge!
Denn fass' ich ihn wieder
einst in der Faust,
anders als dumme Riesen
üb' ich des Ringes Kraft: -
dann zittre der Helden
heiliger Hüter!
Walhalls Höhen
stürm' ich mit Hellas Heer:
der Welt walte dann ich!
WANDERER
(ruhig)

Deinen Sinn kenn' ich wohl;
doch sorgt er mich nicht.
Des Ringes waltet,
wer ihn gewinnt.
ALBERICH

Wie dunkel sprichst du,
was ich deutlich doch weiss!
An Heldensöhne
hält sich dein Trotz,

(höhnisch)

die traut deinem Blute entblüht.
Pflegtest du wohl eines Knaben,
der klug die Frucht dir pflücke,

(immer heftiger)

die du nicht brechen darfst?
WANDERER

Mit mir nicht,
hadre mit Mime:
dein Bruder bringt dir Gefahr;
einen Knaben führt er daher,
der Fafner ihm fällen soll.
Nichts weiss der von mir;
der Niblung nützt ihn für sich.
Drum sag' ich dir, Gesell:
tue frei, wie dir's frommt!

(Alberich macht eine Gebärde
heftiger Neugierde)


Höre mich wohl,
sei auf der Hut!
Nicht kennt der Knabe den Ring;
doch Mime kundet' ihn aus.
ALBERICH
(heftig)

Deine Hand hieltest du vom Hort?




Music
WANDERER

Wen ich liebe,
lass' ich für sich gewähren;
er steh' oder fall',
sein Herr ist er:
Helden nur können mir frommen.
ALBERICH

Mit Mime räng' ich
allein um den Ring?
WANDERER

Ausser dir begehrt er
einzig das Gold.
ALBERICH

Und dennoch gewänn' ich ihn nicht?
WANDERER
(ruhig nähertretend)

Ein Helde naht,
den Hort zu befrei'n;
zwei Niblungen geizen das Gold;
Fafner fällt,
der den Ring bewacht: -
wer ihn rafft, hat ihn gewonnen. -
Willst du noch mehr?
Dort liegt der Wurm:

(er wendet sich nach der Höhle)

warnst du ihn vor dem Tod,
willig wohl liess' er den Tand. -
Ich selber weck' ihn dir auf.

(Er stellt sich auf die Anhöhe
vor der Höhle und ruft hinein)


Fafner! Fafner!
Erwache, Wurm!
ALBERICH
(in gespanntem Erstaunen, für sich)

Was beginnt der Wilde?
Gönnt er mir's wirklich?
(Aus der finstern Tiefe des Hintergrundes hört man Fafners Stimme durch ein starkes Sprachrohr)
FAFNER

Wer stört mir den Schlaf?
WANDERER
(der Höhle zugewandt)

Gekommen ist einer,
Not dir zu künden:
er lohnt dir's mit dem Leben,
lohnst du das Leben ihm
mit dem Horte, den du hütest?

(Er beugt sein Ohr lauschend
der Höhle zu)
FAFNERS STIMME

Was will er?
ALBERICH
(ist dem Wanderer zur Seite
getreten und ruft in die Höhle)


Wache, Fafner!
Wache, du Wurm!
Ein starker Helde naht,
dich heil'gen will er bestehn.
FAFNERS STIMME

Mich hungert sein.
WANDERER

Kühn ist des Kindes Kraft,
scharf schneidet sein Schwert.
ALBERICH

Den goldnen Reif
geizt er allein:
lass mir den Ring zum Lohn,
so wend' ich den Streit;
du wahrest den Hort,
und ruhig lebst du lang'!
FAFNERS STIMME

Ich lieg' und besitz': -

(gähnend)

lasst mich schlafen!
WANDERER
(lacht auf und wendet sich
dann wieder zu Alberich)


Nun, Alberich, das schlug fehl.
Doch schilt mich nicht mehr Schelm!
Dies eine, rat' ich,
achte noch wohl:

(vertraulich zum ihm tretend)

Alles ist nach seiner Art:
an ihr wirst du nichts ändern. -
Ich lass' dir die Stätte,
stelle dich fest!
Versuch's mit Mime, dem Bruder:
der Art ja versiehst du dich besser.

(zum Abgange gewendet)

Was anders ist, -
das lerne nun auch!
(Er verschwindet im Walde. Sturmwind erhebt sich, heller Glanz bricht aus; dann vergeht beides schnell)
ALBERICH
(blickt dem davonjagenden
Wanderer nach)


Da reitet er hin,
auf lichtem Ross;
mich lässt er in Sorg' und Spott.
Doch lacht nur zu,
ihr leichtsinniges,
lustgieriges
Göttergelichter!
Euch seh' ich
noch alle vergehn!
Solang' das Gold
am Lichte glänzt,
hält ein Wissender Wacht: -
Trügen wird euch sein Trotz!
(Er schlüpft zur Seite in das Geklüft. Die Bühne bleibt leer. Morgendämmerung)