RichardWagner
Libretti
Siegfried

(ZWEITER AUFZUG)

Music
DRITTE SZENE
(Mime schleicht heran, scheu umherblickend, um sich von Fafners Tod zu überzeugen. - Gleichzeitig kommt von der anderen Seite Alberich aus dem Geklüft; er beobachtet Mime genau. Als dieser Siegfried nicht mehr gewahrt und vorsichtig sich nach hinten der Höhle zuwendet, stürzt Alberich auf ihn zu und vertritt ihm den Weg)
ALBERICH

Wohin schleichst du
eilig und schlau,
schlimmer Gesell?
MIME

Verfluchter Bruder,
dich braucht' ich hier!
Was bringt dich her?
ALBERICH

Geizt es dich, Schelm,
nach meinem Gold?
Verlangst du mein Gut?
MIME

Fort von der Stelle!
Die Stätte ist mein:
was stöberst du hier?
ALBERICH

Stör' ich dich wohl
im stillen Geschäft,
wenn du hier stiehlst?
MIME

Was ich erschwang
mit schwerer Müh',
soll mir nicht schwinden.
ALBERICH

Hast du dem Rhein
das Gold zum Ringe geraubt?
Erzeugtest du gar
den zähen Zauber im Reif?
MIME

Wer schuf den Tarnhelm,
der die Gestalten tauscht?
Der seiner bedurfte,
erdachtest du ihn wohl?
ALBERICH

Was hättest du Stümper
je wohl zu stampfen verstanden?
Der Zauberring
zwang mir den Zwerg erst zur Kunst.
MIME

Wo hast du den Ring?
Dir Zagem entrissen ihn Riesen!
Was du verlorst,
meine List erlangt es für mich.
ALBERICH

Mit des Knaben Tat
will der Knicker nun knausern?
Dir gehört sie gar nicht,
der Helle ist selbst ihr Herr!
MIME

Ich zog ihn auf;
für die Zucht zahlt er mir nun:
für Müh' und Last
erlauert' ich lang meinen Lohn!
ALBERICH

Für des Knaben Zucht
will der knickrige
schäbige Knecht
keck und kühn
wohl gar König nun sein?
Dem räudigsten Hund
wäre der Ring
geratner als dir:
nimmer erringst
du Rüpel den Herrscherreif!
MIME
(kratzt sich den Kopf)

Behalt' ihn denn:
und hüt' ihn wohl,
den hellen Reif!
Sei du Herr:
doch mich heisse auch Bruder!
Um meines Tarnhelms
lustigen Tand
tausch' ich ihn dir:
uns beiden taugt's,
teilen die Beute wir so.

(Er reibt sich zutraulich die Hände)
ALBERICH
(mit Hohnlachen)

Teilen mit dir?
Und den Tarnhelm gar?
Wie schlau du bist!
Sicher schlief' ich
niemals vor deinen Schlingen!
MIME
(ausser sich)

Selbst nicht tauschen?
Auch nicht teilen?
Leer soll ich gehn?
Ganz ohne Lohn?

(kreischend)

Gar nichts willst du mir lassen?
ALBERICH

Nichts von allem!
Nicht einen Nagel
sollst du dir nehmen!
MIME
(in höchster Wut)

Weder Ring noch Tarnhelm
soll dir denn taugen!
Nicht teil' ich nun mehr!
Gegen dich doch ruf' ich
Siegfried zu Rat
und des Recken Schwert;
der rasche Held,
der richte, Brüderchen, dich!
(Siegfried erscheint im Hintergrund)
ALBERICH

Kehre dich um!
Aus der Höhle kommt er daher!
MIME
(sich umblickend)

Kindischen Tand
erkor er gewiss. -
ALBERICH

Den Tarnhelm hält er!
MIME

Doch auch den Ring!
ALBERICH

Verflucht! - Den Ring! -
MIME
(hämisch lachend)

Lass ihn den Ring dir doch geben!
Ich will ihn mir schon gewinnen.

(Er schlüpft mit den letzten
Worten in den Wald zurück)
ALBERICH

Und doch seinem Herrn
soll er allein noch gehören!

(Er verschwindet im Geklüfte)
(Siegfried ist mit Tarnhelm und Ring während des letzteren langsam und sinnend aus der Höhle vorgeschritten: er betrachtet gedankenvoll seine Beute und hält, nahe dem Baume, auf der Höhe des Mittelgrundes wieder an)
SIEGFRIED

Was ihr mir nützt,
weiss ich nicht;
doch nahm ich euch
aus des Horts gehäuftem Gold,
weil guter Rat mir es riet.
So taug' eure Zier
als des Tages Zeuge,
es mahne der Tand,
dass ich kämpfend Fafner erlegt,
doch das Fürchten noch nicht gelernt!
(Er steckt den Tarnhelm sich in den Gürtel und den Reif an den Finger. - Stillschweigen. - Wachsendes Waldweben. - Siegfried achtet unwillkürlich wieder des Vogels und lauscht ihm mit verhaltenem Atem)
STIMME DES WALDVOGELS

Hei! Siegfried gehört
nun der Helm und der Ring!
O, traute er Mime,
dem treulosen, nicht!
Hörte Siegfried nur scharf
auf des Schelmen Heuchlergered'!
Wie sein Herz es meint,
kann er Mime verstehn:
so nützt' ihm des Blutes Genuss.
(Siegfrieds Miene und Gebärde drücken aus, dass er den Sinn des Vogelgesanges wohl vernommen. Er sieht Mime sich nähern und bleibt, ohne sich zu rühren, auf sein Schwert gestützt, beobachtend und in sich geschlossen, in seiner Stellung auf der Anhöhe bis zum Schlusse des folgenden Auftrittes)



















Music
MIME
(schleicht heran und beobachtet
vom Vordergrunde aus Siegfried)


Er sinnt und erwägt
der Beute Wert: -
weilte wohl hier
ein weiser Wand'rer,
schweifte umher,
beschwatzte das Kind
mit list'ger Runen Rat?
Zwiefach schlau
sei nun der Zwerg;
die listigste Schlinge
leg' ich jetzt aus,
dass ich mit traulichem
Truggerede
betöre das trotzige Kind.

(er tritt näher an Siegfried heran
und bewillkommt diesen mit
schmeichelnden Gebärden)


Willkommen, Siegfried!
Sag', du Kühner,
hast du das Fürchten gelernt?
SIEGFRIED

Den Lehrer fand ich noch nicht!
MIME

Doch den Schlangenwurm,
du hast ihn erschlagen?
Das war doch ein schlimmer Gesell?
SIEGFRIED

So grimm und tückisch er war,
sein Tod grämt mich doch schier,
da viel üblere Schächer
unerschlagen noch leben!
Der mich ihn morden hiess,
den hass' ich mehr als den Wurm!
MIME
(sehr freundlich)

Nur sachte! Nicht lange
siehst du mich mehr:
zum ew'gen Schlaf
schliess' ich dir die Augen bald!
Wozu ich dich brauchte,

(zärtlich)

hast du vollbracht;
jetzt will ich nur noch
die Beute dir abgewinnen.
Mich dünkt, das soll mir gelingen;
zu betören bist du ja leicht!
SIEGFRIED

So sinnst du auf meinen Schaden?























Music
MIME
(verwundert)

Wie sagt' ich denn das? -
Siegfried! Hör doch, mein Söhnchen!
Dich und deine Art
hasst' ich immer von Herzen;

(zärtlich)

aus Liebe erzog ich
dich Lästigen nicht:
dem Horte in Fafners Hut,
dem Golde galt meine Müh'.

(als verspräche er ihm hübsche Sachen)

Gibst du mir das
gutwillig nun nicht, -

(als wäre er bereit, sein Leben
für ihn zu lassen)


Siegfried, mein Sohn,
das siehst du wohl selbst,

(mit freundlichem Scherze)

dein Leben musst du mir lassen!
SIEGFRIED

Dass du mich hassest,
hör' ich gern:
doch auch mein Leben muss ich dir lassen?
MIME
(ärgerlich)

Das sagt' ich doch nicht?
Du verstehst mich ja falsch! -

(Er sucht sein Fläschchen hervor. -
Er gibt sich die ersichtlichste
Mühe zur Verstellung)


Sieh', du bist müde
von harter Müh';
brünstig wohl brennt dir der Leib:
dich zu erquicken
mit queckem Trank
säumt' ich Sorgender nicht.
Als dein Schwert du dir branntest,
braut' ich den Sud;
trinkst du nun den,
gewinn' ich dein trautes Schwert,
und mit ihm Helm und Hort.

(er kichert dazu)
SIEGFRIED

So willst du mein Schwert
und was ich erschwungen,
Ring und Beute, mir rauben?
MIME
(heftig)

Was du doch falsch mich verstehst!
Stamml' ich, fasl' ich wohl gar?
Die grösste Mühe
geb' ich mir doch,
mein heimliches Sinnen
heuchelnd zu bergen,
und du dummer Bube
deutest alles doch falsch!
Öffne die Ohren,
und vernimm genau:
Höre, was Mime meint! -

(wieder sehr freundlich,
mit ersichtlicher Mühe)


Hier nimm und trinke die Labung!
Mein Trank labte dich oft:
tat'st du wohl unwirsch,
stelltest dich arg:
was ich dir bot, -
erbost auch - nahmst du's doch immer.
SIEGFRIED
(ohne eine Miene zu verziehen)

Einen guten Trank
hätt' ich gern:
wie hast du diesen gebraut?
MIME
(lustig scherzend, als schildere
er ihm einen angenehm berauschten
Zustand, den ihm der Saft bereiten soll)


Hei! So trink nur,
trau' meiner Kunst!
In Nacht und Nebel
sinken die Sinne dir bald:
ohne Wach' und Wissen
stracks streckst du die Glieder.
Liegst du nun da,
leicht könnt' ich
die Beute nehmen und bergen:
doch erwachtest du je,
nirgends wär' ich
sicher vor dir,
hätt' ich selbst auch den Ring.
Drum mit dem Schwert,
das so scharf du schufst,

(mit einer Gebärde
ausgelassener Lustigkeit)


hau' ich dem Kind
den Kopf erst ab:
dann hab' ich mir Ruh' und auch den Ring!

(Er kichert wieder)
SIEGFRIED

Im Schlafe willst du mich morden?








Music
MIME
(wütend ärgerlich)

Was möcht' ich? Sagt' ich denn das?

(Er bemüht sich, den zärtlichsten
Ton anzunehmen)


Ich will dem Kind

(mit sorglichster Deutlichkeit)

nur den Kopf abhau'n!

(mit dem Ausdruck herzlicher
Besorgtheit für Siegfrieds Gesundheit)


Denn hasste ich dich
auch nicht so sehr,
und hätt' ich des Schimpfs
und der schändlichen Mühe
auch nicht so viel zu rächen:

(sanft)

aus dem Wege dich zu räumen,
darf ich doch nicht rasten:
wie käm' ich sonst anders zur Beute,
da Alberich auch nach ihr lugt?

(Er giesst den Saft in das Trinkhorn
und führt dieses Siegfried mit
aufdringlicher Gebärde zu)


Nun, mein Wälsung!
Wolfssohn du!
Sauf', und würg' dich zu Tod:
Nie tust du mehr 'nen Schluck!
(Siegfried holt mit dem Schwert aus. Er führt, wie in einer Anwandlung heftigen Ekels einen jähen Streich nach Mime; dieser stürzt sogleich tot zu Boden. Man hört Alberichs höhnisches Gelächter aus dem Geklüfte)




















































































Music
SIEGFRIED

Schmeck' du mein Schwert,
ekliger Schwätzer!

(Er henkt, auf den am
Boden Liegenden blickend,
ruhig sein Schwert wieder ein)


Neides Zoll
zahlt Notung:
dazu durft' ich ihn schmieden.

(Er rafft Mimes Leichnam auf,
trägt ihn auf die Anhöhe vor
den Eingang der Höhle und
wirft ihn dort hinein)


In der Höhle hier
lieg' auf dem Hort!
Mit zäher List
erzieltest du ihn:
jetzt magst du des wonnigen walten! -
Einen guten Wächter
geb' ich dir auch,
dass er vor Dieben dich deckt.

(Er wälzt mit grosser Anstrengung
den Leichnam des Wurmes vor den
Eingang der Höhle, so dass er diesen
ganz damit verstopft)


Da lieg' auch du,
dunkler Wurm!
Den gleissenden Hort
hüte zugleich
mit dem beuterührigen Feind:
so fandet beide ihr nun Ruh'!

(Er blickt eine Weile sinnend
in die Höhle hinab und wendet
sich dann langsam, wie ermüdet,
in den Vordergrund. Es ist Mittag.
Er führt sich die Hand über die Stirn)


Heiss ward mir
von der harten Last!
Brausend jagt
mein brünst'ges Blut;
die Hand brennt mir am Haupt. -
Hoch steht schon die Sonne:
aus lichtem Blau
blickt ihr Aug'
auf den Scheitel steil mir herab. -
Linde Kühlung
erkies' ich unter der Linde!

(Er streckt sich unter der Linde
aus und blickt wieder die Zweige
hinauf)


Noch einmal, liebes Vöglein, -
da wir so lang
lästig gestört, -
lauscht' ich gerne deinem Sange:
auf dem Zweige seh' ich
wohlig dich wiegen;
zwitschernd umschwirren
dich Brüder und Schwestern,
umschweben dich lustig und lieb!

Doch ich - bin so allein,
hab' nicht Brüder noch Schwestern:
meine Mutter schwand,
mein Vater fiel:
nie sah sie der Sohn!
Mein einz'ger Gesell
war ein garstiger Zwerg;
Güte zwang
uns nie zu Liebe;
listige Schlingen
warf mir der Schlaue;
nun musst' ich ihn gar erschlagen!

(Er blickt schmerzlich bewegt
wieder nach den Zweigen auf)


Freundliches Vöglein,
dich frage ich nun:
gönntest du mir
wohl ein gut Gesell?
Willst du mir das Rechte raten?
Ich lockte so oft,
und erlost' es mir nie:
Du, mein Trauter,
träfst es wohl besser,
so recht ja rietest du schon.
Nun sing'! Ich lausche dem Gesang.
STIMME DES WALDVOGELS

Hei! Siegfried erschlug
nun den schlimmen Zwerg!
Jetzt wüsst' ich ihm noch
das herrlichste Weib:
auf hohem Felsen sie schläft,
Feuer umbrennt ihren Saal:
durchschritt' er die Brunst,
weckt' er die Braut,
Brünnhilde wäre dann sein!
SIEGFRIED
(fährt mit jäher Heftigkeit
vom Sitze auf)


O holder Sang!
Süssester Hauch!
Wie brennt sein Sinn
mir sehrend die Brust!
Wie zückt er heftig
zündend mein Herz!
Was jagt mir so jach
durch Herz und Sinne?
Sag' es mir, süsser Freund!

(er lauscht)
STIMME DES WALDVOGELS

Lustig im Leid
sing' ich von Liebe;
wonnig aus Weh
web' ich mein Lied:
nur Sehnende kennen den Sinn!
SIEGFRIED

Fort jagt mich's
jauchzend von hinnen,
fort aus dem Wald auf den Fels! -
Noch einmal sage mir,
holder Sänger:
werd' ich das Feuer durchbrechen?
Kann ich erwecken die Braut?
(Siegfried lauscht noch mal)
STIMME DES WALDVOGELS

Die Braut gewinnt,
Brünnhilde erweckt
ein Feiger nie:
nur wer das Fürchten nicht kennt!
SIEGFRIED
(lacht auf vor Entzücken)

Der dumme Knab',
der das Fürchten nicht kennt,
mein Vöglein, der bin ja ich!
Noch heute gab ich
vergebens mir Müh,
das Fürchten von Fafner zu lernen:
nun brenn' ich vor Lust,
es von Brünnhilde zu wissen!
Wie find' ich zum Felsen den Weg?
(Der Vogel flattert auf, kreist über Siegfried und fliegt ihm zögernd voran)
SIEGFRIED
(jauchzend)

So wird mir der Weg gewiesen:
wohin du flatterst
folg' ich dem Flug!
(Er läuft dem Vogel, welcher ihn neckend einige Zeitlang unstet nach verschiedenen Richtungen hinleitet, nach und folgt ihm endlich, als dieser mit einer bestimmten Wendung nach dem Hintergrunde davonfliegt.