RichardWagner
Libretti
Siegfried

DRITTER AUFZUG
VORSPIEL UND ERSTE SZENE

Wilde Gegend


am Fusse eines Felsenberges, welcher links nach hinten steil aufsteigt. - Nacht, Sturm und Wetter, Blitz und heftiger Donner, welch letzterer dann schweigt, während Blitze noch längere Zeit die Wolken durchkreuzen.
WANDERER
(schreitet entschlossen auf ein
gruftähnliches Höhlentor in einem Felsen
des Vordergrundes zu und nimmt dort,
auf seinen Speer gestützt, eine Stellung ein,
während er das Folgende dem Eingange
der Höhle zu ruft)


Wache, Wala!
Wala! Erwach'!
Aus langem Schlaf
weck' ich dich Schlummernde wach.
Ich rufe dich auf:
Herauf! Herauf!
Aus nebliger Gruft,
aus nächtigem Grunde herauf!
Erda! Erda!
Ewiges Weib!
Aus heimischer Tiefe
tauche zur Höh!
Dein Wecklied sing' ich,
dass du erwachest;
aus sinnendem Schlafe
weck' ich dich auf.
Allwissende!
Urweltweise!
Erda! Erda!
Ewiges Weib!
Wache, erwache,
du Wala! Erwache!
(Die Höhlengruft erdämmert. Bläulicher Lichtschein: von ihm beleuchtet steigt mit dem Folgenden Erda sehr allmählich aus der Tiefe auf. Sie erscheint wie von Reif bedeckt: Haar und Gewand werfen einen glitzernden Schimmer von sich)
ERDA

Stark ruft das Lied;
kräftig reizt der Zauber.
Ich bin erwacht
aus wissendem Schlaf:
wer scheucht den Schlummer mir?
WANDERER

Der Weckrufer bin ich,
und Weisen üb' ich,
dass weithin wache,
was fester Schlaf umschliesst.
Die Welt durchzog ich,
wanderte viel,
Kunde zu werben,
urweisen Rat zu gewinnen.
Kundiger gibt es
keine als dich;
bekannt ist dir,
was die Tiefe birgt,
was Berg und Tal,
Luft und Wasser durchwebt.
Wo Wesen sind,
wehet dein Atem;
wo Hirne sinnen,
haftet dein Sinn:
alles, sagt man,
sei dir bekannt.
Dass ich nun Kunde gewänne,
weck' ich dich aus dem Schlaf!
ERDA

Mein Schlaf ist Träumen,
mein Träumen Sinnen,
mein Sinnen Walten des Wissens.
Doch wenn ich schlafe,
wachen Nornen:
sie weben das Seil
und spinnen fromm, was ich weiss. -
Was frägst du nicht die Nornen?
WANDERER

Im Zwange der Welt
weben die Nornen:
sie können nichts wenden noch wandeln.
Doch deiner Weisheit
dankt' ich den Rat wohl,
wie zu hemmen ein rollendes Rad?
ERDA

Männertaten
umdämmern mir den Mut:
mich Wissende selbst
bezwang ein Waltender einst.
Ein Wunschmädchen
gebar ich Wotan:
der Helden Wal
hiess für sich er sie küren.
Kühn ist sie
und weise auch:
was weckst du mich
und frägst um Kunde
nicht Erdas und Wotans Kind?
WANDERER

Die Walküre meinst du,
Brünnhild', die Maid?
Sie trotzte dem Stürmebezwinger,
wo er am stärksten selbst sich bezwang:
was den Lenker der Schlacht
zu tun verlangte,
doch dem er wehrte
- zuwider sich selbst -,
allzu vertraut
wagte die Trotzige,
das für sich zu vollbringen, -
Brünnhild' in brennender Schlacht.
Streitvater
strafte die Maid:
in ihr Auge drückte er Schlaf;
auf dem Felsen schläft sie fest:
erwachen wird
die Weihliche nur,
um einen Mann zu minnen als Weib.
Frommten mir Fragen an sie?
ERDA
(ist in Sinnen versunken und
beginnt erst nach längerem
Schweigen)


Wirr wird mir,
seit ich erwacht:
wild und kraus
kreist die Welt!
Die Walküre,
der Wala Kind,
büsst' in Banden des Schlafs,
als die wissende Mutter schlief?
Der den Trotz lehrte,
straft den Trotz?
Der die Tat entzündet,
zürnt um die Tat?
Der die Rechte wahrt,
der die Eide hütet, -
wehret dem Recht,
herrscht durch Meineid? -
Lass mich wieder hinab! -
Schlaf verschliesse mein Wissen!
WANDERER

Dich, Mutter, lass' ich nicht ziehn,
da des Zaubers mächtig ich bin. -
Urwissend
stachest du einst
der Sorge Stachel
in Wotans wagendes Herz:
mit Furcht vor schmachvoll
feindlichem Ende
füllt' ihn dein Wissen,
dass Bangen band seinen Mut.
Bist du der Welt
weisestes Weib,
sage mir nun:
wie besiegt die Sorge der Gott?
ERDA

Du bist - nicht
was du dich nennst!
Was kamst du, störrischer Wilder,
zu stören der Wala Schlaf?






















Music
WANDERER

Du bist - nicht,
was du dich wähnst!
Urmütter-Weisheit
geht zu Ende:
dein Wissen verweht
vor meinem Willen.
Weisst du, was Wotan will?

(Langes Schweigen)

Dir Unweisen
ruf' ich ins Ohr,
dass sorglos ewig du nun schläfst!
Um der Götter Ende
grämt mich die Angst nicht,
seit mein Wunsch es will!
Was in des Zwiespalts wildem Schmerze
verzweifelnd einst ich beschloss,
froh und freudig
führe frei ich nun aus.

Weiht' ich in wütendem Ekel
des Niblungen Neid schon die Welt,
dem herrlichsten Wälsung
weis' ich mein Erbe nun an.
Der von mir erkoren,
doch nie mich gekannt,
ein kühnester Knabe,
bar meines Rates,
errang des Niblungen Ring:
liebesfroh,
ledig des Neides,
erlahmt an dem Edlen
Alberichs Fluch;
denn fremd bleibt ihm die Furcht.
Die du mir gebarst,
Brünnhild',
weckt sich hold der Held:
wachend wirkt
dein wissendes Kind
erlösende Weltentat. -
Drum schlafe nun du,
schliesse dein Auge;
träumend erschau' mein Ende!
Was jene auch wirken,
dem ewig Jungen
weicht in Wonne der Gott.
Hinab denn, Erda!
Urmütterfurcht!
Ursorge!
Hinab! Hinab,
zu ewigem Schlaf!
(Nachdem Erda bereits die Augen geschlossen hat und allmählich tiefer versunken ist, verschwindet sie jetzt gänzlich; auch die Höhle ist jetzt wiederum durchaus verfinstert. Monddämmerung erhellt die Bühne, der Sturm hat aufgehört)