RichardWagner
Libretti
Siegfried

(DRITTER AUFZUG)
DRITTE SZENE
(Das immer zarter gewordene Gewölk hat sich in einen feinen Nebelschleier von rosiger Färbung aufgelöst und zerteilt sich nun in der Weise, dass der Duft sich gänzlich nach oben verzieht und endlich nur noch den heiteren, blauen Tageshimmel erblicken lässt, während am Saume der nun sichtbar werdenden Felsenhöhe - ganz die gleiche Szene wie im dritten Aufzug der "Walküre" - ein morgenrötlicher Nebelschleier haften bleibt, welcher zugleich an die in der Tiefe noch lodernde Zauberlohe erinnert. - Die Anordnung der Szene ist durchaus dieselbe wie am Schlusse der "Walküre": im Vordergrunde, unter der breitästigen Tanne, liegt Brünnhilde in vollständiger, glänzender Panzerrüstung, mit dem Helm auf dem Haupte, den langen Schild über sich gedeckt, in tiefem Schlafe)


















































































































Music
SIEGFRIED
(gelangt von aussen her auf den
felsigen Saum der Höhe und zeigt sich
dort zuerst nur mit dem Oberleibe: so
blickt er lange staunend um sich)


Selige Öde
auf sonniger Höh'! -

(Er steigt vollends herauf und
betrachtet, auf einem Felsensteine
des hinteren Abhanges stehend,
mit Verwunderung die Szene.
Er blickt zur Seite in den Tann
und schreitet etwas vor)


Was ruht dort schlummernd
im schattigen Tann? -
Ein Ross ist's,
rastend in tiefem Schlaf!

(Langsam näher kommend,
hält er verwundert an, als er noch
aus einiger Entfernung Brünnhildes
Gestalt wahrnimmt)


Was strahlt mir dort entgegen?
Welch glänzendes Stahlgeschmeid?
Blendet mir noch
die Lohe den Blick?

(Er tritt näher hinzu)

Helle Waffen!
Heb' ich sie auf?

(Er hebt den Schild ab und erblickt
Brünnhildes Gestalt, während ihr
Gesicht jedoch noch zum grossen
Teil vom Helm verdeckt ist)


Ha! In Waffen ein Mann: -
wie mahnt mich wonnig sein Bild! -
Das hehre Haupt
drückt wohl der Helm? -
Leichter würd' ihm,
löst' ich den Schmuck.

(Vorsichtig löst er den Helm
und hebt ihn der Schlafenden
vom Haupte ab: langes lockiges
Haar bricht hervor. Siegfried erschrickt)


Ach! Wie schön!

(Er bleibt in den Anblick versunken)

Schimmernde Wolken
säumen in Wellen
den hellen Himmelssee;
leuchtender Sonne
lachendes Bild
strahlt durch das Wogengewölk!

(Er neigt sich tiefer zu der
Schlafenden hinab)


Von schwellendem Atem
schwingt sich die Brust: -
brech' ich die engende Brünne?

(Er versucht mit grosser
Behutsamkeit die Brünne zu lösen)


Komm, mein Schwert,
schneide das Eisen!

(Er zieht sein Schwert, durchschneidet
mit zarter Vorsicht die Panzerringe zu
beiden Seiten der ganzen Rüstung
und hebt dann die Brünne und die
Schienen ab, so dass nun Brünnhilde
in einem weichen weiblichen Gewande
vor ihm liegt. Er fährt erschreckt
und staunend auf)


Das ist kein Mann! -

(Er starrt mit höchster Aufgeregtheit
auf die Schlafende hin)


Brennender Zauber
zückt mir ins Herz;
feurige Angst
fasst meine Augen:
mir schwankt und schwindelt der Sinn!

(Er gerät in höchste Beklemmung)

Wen ruf' ich zum Heil,
dass er mir helfe? -
Mutter! Mutter!
Gedenke mein! -

(Er sinkt, wie ohnmächtig, an Brünnhildes
Busen. Langes Schweigen. Dann fährt er
seufzend auf)


Wie weck' ich die Maid,
dass sie ihr Auge mir öffne? -
Das Auge mir öffne?
Blende mich auch noch der Blick?
Wagt' es mein Trotz?
Ertrüg' ich das Licht? -

Mir schwebt und schwankt
und schwirrt es umher!
Sehrendes Sehnen
zehrt meine Sinne;
am zagenden Herzen
zittert die Hand! -
Wie ist mir Feigem? -
Ist dies das Fürchten? -
O Mutter! Mutter!
Dein mutiges Kind!
Im Schlafe liegt eine Frau: -
die hat ihn das Fürchten gelehrt! -
Wie end' ich die Furcht?
Wie fass' ich Mut? -
Dass ich selbst erwache,
muss die Maid mich erwecken! -

(Indem er sich der Schlafenden von
neuem nähert, wird er wieder von
zarteren Empfindungen an ihren
Anblick gefesselt. Er neigt sich
tiefer hinab)


Süss erbebt mir
ihr blühender Mund. -
Wie mild erzitternd
mich Zagen er reizt! -
Ach! Dieses Atems
wonnig warmes Gedüft!

(wie in Verzweiflung)

Erwache! Erwache!
Heiliges Weib!

(Er starrt auf sie hin)

Sie hört mich nicht. -

(gedehnt mit gepresstem,
drängendem Ausdruck)


So saug' ich mir Leben
aus süssesten Lippen, -
sollt' ich auch sterbend vergeh'n!


Music
(Er sinkt, wie ersterbend, auf die Schlafende und heftet mit geschlossenen Augen seine Lippen auf ihren Mund. - Brünnhilde schlägt die Augen auf. Siegfried fährt auf und bleibt vor ihr stehen. Brünnhilde richtet sich langsam zum Sitze auf. Sie begrüsst mit feierlichen Gebärden der erhobenen Arme ihre Rückkehr zur Wahrnehmung der Erde und des Himmels)
BRÜNNHILDE

Heil dir, Sonne!
Heil dir, Licht!
Heil dir, leuchtender Tag!
Lang war mein Schlaf;
ich bin erwacht.
Wer ist der Held,
der mich erweckt'?
SIEGFRIED
(von ihrem Blicke und ihrer
Stimme feierlich ergriffen,
steht wie festgebannt)


Durch das Feuer drang ich,
das den Fels umbrann;
ich erbrach dir den festen Helm:
Siegfried bin ich,
der dich erweckt'.
BRÜNNHILDE
(hoch aufgerichtet sitzend)

Heil euch, Götter!
Heil dir, Welt!
Heil dir, prangende Erde!
Zu End' ist nun mein Schlaf;
erwacht, seh' ich:
Siegfried ist es,
der mich erweckt!




Music
SIEGFRIED
(in erhabenste Verzückung
ausbrechend)


O Heil der Mutter,
die mich gebar;
Heil der Erde,
die mich genährt!
Dass ich das Aug' erschaut,
das jetzt mir Seligem lacht!










Music
BRÜNNHILDE
(mit grösster Bewegtheit)

O Heil der Mutter,
die dich gebar!
Heil der Erde,
die dich genährt!
Nur dein Blick durfte mich schau'n,
erwachen durft' ich nur dir!

(Beide bleiben voll strahlenden Entzückens
in ihren gegenseitigen Anblick verloren)


O Siegfried! Siegfried!
Seliger Held!
Du Wecker des Lebens,
siegendes Licht!
O wüsstest du, Lust der Welt,
wie ich dich je geliebt!
Du warst mein Sinnen,
mein Sorgen du!
Dich Zarten nährt' ich,
noch eh' du gezeugt;
noch eh' du geboren,
barg dich mein Schild:
so lang' lieb' ich dich, Siegfried!
SIEGFRIED
(leise und schüchtern)

So starb nicht meine Mutter?
Schlief die minnige nur?
BRÜNNHILDE
(lächelnd, freundlich die
Hand nach ihm ausstreckend)


Du wonniges Kind!
Deine Mutter kehrt dir nicht wieder.
Du selbst bin ich,
wenn du mich Selige liebst.
Was du nicht weisst,
weiss ich für dich;
doch wissend bin ich
nur - weil ich dich liebe! -
O Siegfried! Siegfried!
Siegendes Licht!
Dich liebt' ich immer;
denn mir allein
erdünkte Wotans Gedanke
der Gedanke, den ich nie
nennen durfte;
den ich nicht dachte,
sondern nur fühlte;
für den ich focht,
kämpfte und stritt;
für den ich trotzte
dem, der ihn dachte;
für den ich büsste,
Strafe mich band,
weil ich nicht ihn dachte
und nur empfand!
Denn der Gedanke -
dürftest du's lösen! -
mir war er nur Liebe zu dir!
SIEGFRIED

Wie Wunder tönt,
was wonnig du singst;
doch dunkel dünkt mich der Sinn.
Deines Auges Leuchten
seh' ich licht;
deines Atems Wehen
fühl' ich warm;
deiner Stimme Singen
hör' ich süss:
doch was du singend mir sagst,
staunend versteh' ich's nicht.
Nicht kann ich das Ferne
sinnig erfassen,
wenn alle Sinne
dich nur sehen und fühlen!
Mit banger Furcht
fesselst du mich:
du Einz'ge hast
ihre Angst mich gelehrt.
Den du gebunden
in mächtigen Banden,
birg meinen Mut mir nicht mehr!

(Er verweilt in grosser Aufregung,
sehnsuchtsvollen Blick auf sie heftend)
BRÜNNHILDE
(wendet sanft das Haupt zur Seite
und richtet ihren Blick nach dem Tann)


... Dort seh' ich Grane,
mein selig Ross:
wie weidet er munter,
der mit mir schlief!
Mit mir hat ihn Siegfried erweckt.
SIEGFRIED
(in der vorigen Stellung verbleibend)

Auf wonnigem Munde
weidet mein Auge:
in brünstigem Durst
doch brennen die Lippen,
dass der Augen Weide sie labe! -
BRÜNNHILDE
(deutet ihm mit der Hand nach
ihren Waffen, die sie gewahrt)


Dort seh' ich den Schild,
der Helden schirmte;
dort seh' ich den Helm,
der das Haupt mir barg:
er schirmt, er birgt mich nicht mehr!
SIEGFRIED

Eine selige Maid
versehrte mein Herz;
Wunden dem Haupte
schlug mir ein Weib: -
ich kam ohne Schild und Helm!
BRÜNNHILDE
(mit gesteigertem Wehmut)

Ich sehe der Brünne
prangenden Stahl:
ein scharfes Schwert
schnitt sie entzwei;
von dem maidlichen Leibe
löst' es die Wehr: -
ich bin ohne Schutz und Schirm,
ohne Trutz ein trauriges Weib!
SIEGFRIED

Durch brennendes Feuer
fuhr ich zu dir!
Nicht Brünne noch Panzer
barg meinen Leib:
nun brach die Lohe
mir in die Brust.
Es braust mein Blut
in blühender Brunst;
ein zehrendes Feuer
ist mir entzündet:
die Glut, die Brünnhilds
Felsen umbrann,
die brennt mir nun in der Brust!
O Weib, jetzt lösche den Brand!
Schweige die schäumende Glut!
(Er hat sie heftig umfasst: sie springt auf, wehrt ihm mit der höchsten Kraft der Angst, und entflieht nach der anderen Seite).
BRÜNNHILDE

Kein Gott nahte mir je!
Der Jungfrau neigten
scheu sich die Helden:
heilig schied sie aus Walhall!
Wehe! Wehe!
Wehe der Schmach,
der schmählichen Not!
Verwundet hat mich,
der mich erweckt!
Er erbrach mir Brünne und Helm:
Brünnhilde bin ich nicht mehr!
SIEGFRIED

Noch bist du mir
die träumende Maid:
Brünnhildes Schlaf
brach ich noch nicht.
Erwache, sei mir ein Weib!
BRÜNNHILDE
(in Betäubung)

Mir schwirren die Sinne,
mein Wissen schweigt:
soll mir die Weisheit schwinden?
SIEGFRIED

Sangst du mir nicht,
dein Wissen sei
das Leuchten der Liebe zu mir?
BRÜNNHILDE
(vor sich hinstarrend)

Trauriges Dunkel
trübt meinen Blick;
mein Auge dämmert,
das Licht verlischt:
Nacht wird's um mich.
Aus Nebel und Grau'n
windet sich wütend
ein Angstgewirr:
Schrecken schreitet
und bäumt sich empor!

(Sie birgt heftig die Augen
mit beiden Händen)
SIEGFRIED
(indem er ihr sanft die Hände
von den Augen löst)


Nacht umfängt
gebund'ne Augen.
Mit den Fesseln schwindet
das finstre Grau'n.
Tauch' aus dem Dunkel und sieh: -
sonnenhell leuchtet der Tag!








Music









Music
BRÜNNHILDE
(in höchster Ergriffenheit)

Sonnenhell
leuchtet der Tag meiner Schmach! -
O Siegfried! Siegfried!
Sieh' meine Angst!

(Ihre Miene verrät, dass ihr ein
anmutiges Bild vor die Seele tritt,
von welchem ab sie den Blick mit
Sanftmut wieder auf Siegfried richtet)


Ewig war ich,
ewig bin ich,
ewig in süss
sehnender Wonne, -
doch ewig zu deinem Heil! -
O Siegfried! Herrlicher!
Hort der Welt!
Leben der Erde!
Lachender Held!
Lass, ach lass,
lasse von mir!
Nahe mir nicht
mit der wütenden Nähe!
Zwinge mich nicht
mit dem brechenden Zwang,
zertrümmre die Traute dir nicht! -
Sahst du dein Bild
im klaren Bach?
Hat es dich Frohen erfreut?
Rührtest zur Woge
das Wasser du auf,
zerflösse die klare
Fläche des Bachs:
dein Bild sähst du nicht mehr,
nur der Welle schwankend Gewog'! -
So berühre mich nicht,
trübe mich nicht!
Ewig licht
lachst du selig dann
aus mir dir entgegen,
froh und heiter ein Held! -
O Siegfried!
Leuchtender Spross!
Liebe dich,
und lasse von mir:
vernichte dein Eigen nicht!
SIEGFRIED

Dich lieb' ich:
o liebtest mich du!
Nicht hab' ich mehr mich:
o, hätte ich dich! -
Ein herrlich Gewässer
wogt vor mir;
mit allen Sinnen
seh' ich nur sie,
die wonnig wogende Welle:
Brach sie mein Bild,
so brenn' ich nun selbst,
sengende Glut
in der Flut zu kühlen;
ich selbst, wie ich bin,
spring' in den Bach: -
o, dass seine Wogen
mich selig verschlängen,
mein Sehnen schwänd' in der Flut!
Erwache, Brünnhilde!
Wache, du Maid!
Lache und lebe,
süsseste Lust!
Sei mein! Sei mein! Sei mein!
BRÜNNHILDE
(sehr innig)

O Siegfried! Dein -
war ich von je!
SIEGFRIED
(feurig)

Warst du's von je,
so sei es jetzt!
BRÜNNHILDE

Dein werd' ich
ewig sein!
SIEGFRIED

Was du sein wirst,
sei es mir heut'!
Fasst dich mein Arm,
umschling' ich dich fest;
schlägt meine Brust
brünstig die deine;
zünden die Blicke,
zehren die Atem sich;
Aug' in Auge,
Mund an Mund:
dann bist du mir,
was bang du mir warst und wirst!
Dann brach sich die brennende Sorge,
ob jetzt Brünnhilde mein?

(Er hat sie umfasst)
BRÜNNHILDE

Ob jetzt ich dein? -
Göttliche Ruhe
rast mir in Wogen;
keuschestes Licht
lodert in Gluten:
himmlisches Wissen
stürmt mir dahin,
Jauchzen der Liebe
jagt es davon!
Ob jetzt ich dein? -
Siegfried! Siegfried!
Siehst du mich nicht?
Wie mein Blick dich verzehrt,
erblindest du nicht?
Wie mein Arm dich presst,
entbrennst du mir nicht?
Wie in Strömen mein Blut
entgegen dir stürmt,
das wilde Feuer,
fühlst du es nicht?
Fürchtest du, Siegfried,
fürchtest du nicht
das wild wütende Weib?

(Sie umfasst ihn heftig)
SIEGFRIED
(in freudigem Schreck)

Ha! -
Wie des Blutes Ströme sich zünden,
wie der Blicke Strahlen sich zehren,
Wie die Arme brünstig sich pressen, -
kehrt mir zurück
mein kühner Mut,
und das Fürchten, ach!
Das ich nie gelernt, -
das Fürchten, das du
mich kaum gelehrt:
das Fürchten, - mich dünkt -
ich Dummer vergass es nun ganz!

(Er hat bei den letzten Worten
Brünnhilde unwillkürlich losgelassen)











Music
BRÜNNHILDE
(im höchsten Liebesjubel
wild auflachend)


O kindischer Held!
O herrlicher Knabe!
Du hehrster Taten
töriger Hort!
Lachend muss ich dich lieben,
lachend will ich erblinden,
lachend lass uns verderben
lachend zu Grunde gehn!
  Fahr' hin, Walhalls
leuchtende Welt!
Zerfall in Staub
deine stolze Burg!
Leb' wohl, prangende
Götterpracht!
End' in Wonne,
du ewig Geschlecht!
Zerreisst, ihr Nornen,
das Runenseil!
Götterdämm'rung,
dunkle herauf!
Nacht der Vernichtung,
neble herein! -
Mir strahlt zur Stunde
Siegfrieds Stern;
er ist mir ewig,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!
SIEGFRIED

Lachend erwachst
du Wonnige mir:
Brünnhilde lebt,
Brünnhilde lacht!
Heil dem Tage,
der uns umleuchtet!
Heil der Sonne,
die uns bescheint!
Heil dem Licht,
das ser Nacht enttaucht!
Heil der Welt,
der Brünnhilde lebt!
Sie wacht, sie lebt,
sie lacht mir entgegen.
Prangend strahlt
mir Brünnhildes Stern!
Sie ist mir ewig,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!
(Brünnhilde stürzt sich in Siegfrieds Arme)

(Der Vorhang fällt.)