RichardWagner
Libretti
Tristan und Isolde

(ERSTER AUFZUG)
ZWEITE SZENE

Die Vorigen. Tristan. Kurwenal. Schiffswolk. Ritter und Knappen.
(Man blickt dem Schiff entlang bis zum Steuerbord, über den Bord hinaus auf das Meer und den Horizont. Um den Hauptmast in der Mitte ist Seevolk, mit Tauen beschäftigt, gelagert; über sie hinaus gewahrt man am Steuerbord Ritter und Knappen, ebenfalls gelagert; von ihnen etwas entfernt Tristan, mit verschränkten Armen stehend, und sinnend in das Meer blickend; zu Füssen ihm, nachlässig gelagert, Kurwenal)
Vom Maste her, aus der Höhe,
vernimmt man wieder die


STIMME DES JUNGEN SEEMANNS

Frisch weht der Wind
der Heimat zu:
mein irisch Kind,
wo weilest du?
Sind's deiner Seufzer Wehen,
die mir die Segel blähen?
Wehe, wehe, du Wind!
Weh, ach wehe, mein Kind!





Music



Music
ISOLDE
(deren Blick sogleich Tristan
fand und starr auf ihn geheftet blieb,
dumpf für sich)


Mir erkoren,
mir verloren,
hehr und heil,
kühn und feig!
Todgeweihtes Haupt!
Todgeweihtes Herz!

(zu Brangäne, unheimlich lachend)

Was hältst du von dem Knechte?
BRANGÄNE
(ihrem Blicke folgend)

Wen meinst du?
ISOLDE

Dort den Helden,
der meinem Blick
den seinen birgt,
in Scham und Scheue
abwärts schaut.
Sag, wie dünkt er dich?
BRANGÄNE

Frägst du nach Tristan,
teure Frau?
dem Wunder aller Reiche,
dem hochgepriesnen Mann,
dem Helden ohne Gleiche,
des Ruhmes Hort und Bann?
ISOLDE
(sie verhöhnend)

Der zagend vor dem Streiche
sich flüchtet, wo er kann,
weil eine Braut er als Leiche
für seinen Herrn gewann!
Dünkt es dich dunkel,
mein Gedicht?
Frag ihn denn selbst,
den freien Mann,
ob mir zu nahn er wagt?
Der Ehren Gruss
und zücht'ge Acht
vergisst der Herrin
der zage Held,
dass ihr Blick ihn nur nicht erreiche,
den Helden ohne Gleiche!
Oh, er weiss
wohl, warum!
Zu dem Stolzen geh,
meld ihm der Herrin Wort!
Meinem Dienst bereit,
schleunig soll er mir nahn.
BRANGÄNE

Soll ich ihn bitten,
dich zu grüssen?
ISOLDE

Befehlen liess
dem Eigenholde
Furcht der Herrin
ich, Isolde!
(Auf Isoldes gebieterischen Wink entfernt sich Brangäne und schreitet verschämt dem Deck entlang dem Steuerbord zu, an den arbeitenden Seeleuten vorbei. Isolde, mit starrem Blicke ihr folgend, zieht sich rücklings nach dem Ruhebett zurück, wo sie sitzend während des Folgenden bleibt, das Auge unabgewandt nach dem Steuerbord gerichtet)
KURWENAL
(der Brangäne kommen sieht,
zupft, ohne sich zu erheben,
Tristan am Gewande)


Hab acht, Tristan!
Botschaft von Isolde.
TRISTAN
(auffahrend)

Was ist? Isolde? -

(Er fasst sich schnell, als Brangäne
vor ihm anlangt und sich verneigt)


Von meiner Herrin?
Ihr gehorsam,
was zu hören
meldet höfisch
mir die traute Magd?
BRANGÄNE

Mein Herre Tristan,
euch zu sehen
wünscht Isolde,
meine Frau.
TRISTAN

Grämt sie die lange Fahrt,
die geht zu End';
eh' noch die Sonne sinkt,
sind wir am Land.
Was meine Frau mir befehle,
treulich sei's erfüllt.
BRANGÄNE

So mög Herr Tristan
zu ihr gehn:
das ist der Herrin Will'.
TRISTAN

Wo dort die grünen Fluren
dem Blick noch blau sich färben,
harrt mein König
meiner Frau:
zu ihm sie zu geleiten,
bald nah ich mich der Lichten:
keinem gönnt' ich
diese Gunst.
BRANGÄNE

Mein Herre Tristan,
höre wohl:
deine Dienste
will die Frau,
dass du zur Stell ihr nahtest
dort, wo sie deiner harrt.








Music
TRISTAN

Auf jeder Stelle,
wo ich steh,
getreulich dien ich ihr,
der Frauen höchster Ehr';
liess ich das Steuer
jetzt zur Stund',
wie lenkt' ich sicher den Kiel
zu König Markes Land?
BRANGÄNE

Tristan, mein Herre!
Was höhnst du mich?
Dünkt dich nicht deutlich
die tör'ge Magd,
hör meiner Herrin Wort!
So, hiess sie, sollt ich sagen:
Befehlen liess
dem Eigenholde
Furcht der Herrin
sie, Isolde.
KURWENAL
(aufspringend)

Darf ich die Antwort sagen?
TRISTAN
(ruhig)

Was wohl erwidertest du?




Music
KURWENAL

Das sage sie
der Frau Isold'!
Wer Kornwalls Kron'
und Englands Erb'
an Irlands Maid vermacht,
der kann der Magd
nicht eigen sein,
die selbst dem Ohm er schenkt.
Ein Herr der Welt
Tristan der Held!
Ich ruf's: du sag's, und grollten
mir tausend Frau Isolden!

(Da Tristan durch Gebärden ihm
zu wehren sucht und Brangäne entrüstet
sich zum Weggehen wendet, singt
Kurwenal der zögernd sich Entfernenden
mit höchster Stärke nach:)


"Herr Morold zog
zu Meere her,
in Kornwall Zins zu haben;
ein Eiland schwimmt
auf ödem Meer,
da liegt er nun begraben!
Sein Haupt doch hängt
im Irenland,
als Zins gezahlt
von Engeland:
hei! unser Held Tristan,
wie der Zins zahlen kann!"
(Kurwenal, von Tristan fortgescholten, ist in den Schiffsraum hinabgestiegen; Brangäne in Bestürzung zu Isolde zurückgekehrt, schliesst hinter sich die Vorhänge, während die ganze Mannschaft aussen sich hören lässt)






Music
ALLE MÄNNER

"Sein Haupt doch hängt
im Irenland,
als Zins gezahlt
von Engeland:
hei! unser Held Tristan,
wie der Zins zahlen kann!"