RichardWagner
Libretti
Tristan und Isolde

(ERSTER AUFZUG)
VIERTE SZENE

Die Vorigen und Kurwenal
(Durch die Vorhänge tritt mit Ungestüm Kurwenal herein)


Music
KURWENAL

Auf! Auf! Ihr Frauen!
Frisch und froh!
Rasch gerüstet!
Fertig nun, hurtig und flink!

(gemessener)

Und Frau Isolden
sollt ich sagen
von Held Tristan,
meinem Herrn:
Vom Mast der Freude Flagge,
sie wehe lustig ins Land;
in Markes Königsschlosse
mach sie ihr Nah'n bekannt.
Drum Frau Isolde
bät er eilen,
fürs Land sich zu bereiten,
dass er sie könnt geleiten.
ISOLDE
(nachdem sie zuerst bei der Meldung
in Schauer zusammengefahren,
gefasst und mit Würde)


Herrn Tristan bringe
meinen Gruss,
und meld ihm, was ich sage.
Sollt ich zur Seit' ihm gehen,
vor König Marke zu stehen,
nicht möcht es nach Zucht
und Fug geschehn,
empfing ich Sühne
nicht zuvor
für ungesühnte Schuld: -
drum such er meine Huld.

(Kurwenal macht eine trotzige Gebärde.
Isolde fährt mit Steigerung fort)


Du merke wohl,
und meld es gut!
Nicht woll ich mich bereiten,
ans Land ihn zu begleiten;
nicht werd ich zur Seit' ihm gehen,
vor König Marke zu stehen;
begehrte Vergessen
und Vegeben
nach Zucht und Fug
er nicht zuvor
für ungebüsste Schuld: -
die böt' ihm meine Huld.
KURWENAL

Sicher wisst,
das sag' ich ihm;
nun harrt, wie er mich hört!
(Er geht schnell zurück. Isolde eilt auf Brangäne zu und umarmt sie heftig)
ISOLDE

Nun leb wohl, Brangäne!
Grüss mir die Welt,
grüsse mir Vater und Mutter!
BRANGÄNE

Was ist? Was sinnst du?
Wolltest du fliehn?
Wohin soll ich dir folgen?
ISOLDE
(fasst sich schnell)

Hörtest du nicht?
Hier bleib ich,
Tristan will ich erwarten.
Getreu befolg
was ich befehl,
den Sühnetrank
rüste schnell;
du weisst, den ich dir wies.

(Sie entnimmt dem Schrein das Fläschen)
BRANGÄNE

Und welchen Trank?
ISOLDE

Diesen Trank!
In die goldne Schale
giess ihn aus;
gefüllt fasst sie ihn ganz.
BRANGÄNE
(voll Grausen das Fläschen empfangend)

Trau ich dem Sinn?
ISOLDE

Sei du mir treu!
BRANGÄNE

Den Trank - für wen?
ISOLDE

Wer mich betrog.
BRANGÄNE

Tristan?
ISOLDE

Trinke mir Sühne!
BRANGÄNE
(zu Isoldes Füssen stürzend)

Entsetzen! Schone mich Arme!
ISOLDE
(sehr heftig)

Schone du mich,
untreue Magd!
Kennst du der Mutter
Künste nicht?
Wähnst du, die alles
klug erwägt,
ohne Rat in fremdes Land
hätt' sie mit dir mich entsandt?
Für Weh und Wunden
gab sie Balsam,
für böse Gifte
Gegengift:
für tiefstes Weh,
für höchstes Leid -
gab sie den Todestrank.
Der Tod nun sag ihr Dank!



Music
BRANGÄNE
(kaum ihrer mächtig)

O tiefstes Weh!
ISOLDE

Gehorchst du mir nun?
BRANGÄNE

O höchstes Leid!
ISOLDE

Bist du mir treu?
BRANGÄNE

Der Trank?
KURWENAL
(eintretend)

Herr Tristan!
(Brangäne erhebt sich erschrocken und verwirrt. Isolde sucht mit furchtbarer Anstrengung sich zu fassen)
ISOLDE
(zu Kurwenal)

Herr Tristan trete nah!