RichardWagner
Libretti
Tristan und Isolde

(ERSTER AUFZUG)
FÜNFTE SZENE

Tristan. Isolde. Brangäne. Später Kurwenal, Schiffsvolk, Ritter und Knappen
Music (Kurwenal geht wieder zurück. Brangäne, kaum ihrer mächtig, wendet sich in den Hintergrund, Isolde, ihr ganzes Gefühl zur Entscheidung zusammenfassend, schreitet langsam mit grosser Haltung dem Ruhebett zu, auf dessen Kopfende sich stützend sie den Blick fest dem Eingange zuwendet. - Tristan tritt ein und bleibt ehrerbietig am Eingange stehen. - Isolde ist mit furchtbarer Aufregung in seinen Anblick versunken. - Langes Schweigen)
TRISTAN

Begehrt, Herrin,
was Ihr wünscht.
ISOLDE

Wüsstest du nicht,
was ich begehre,
da doch die Furcht,
mir's zu erfüllen,
fern meinem Blick dich hielt?
TRISTAN

Ehrfurcht
hielt mich in Acht.
ISOLDE

Der Ehre wenig
botest du mir;
mit off'nem Hohn
verwehrtest du
Gehorsam meinem Gebot.
TRISTAN

Gehorsam einzig
hielt mich in Bann.
ISOLDE

So dankt' ich Geringes
deinem Herrn,
riet dir sein Dienst
Unsitte
gegen sein eigen Gemahl?
TRISTAN

Sitte lehrt,
wo ich gelebt:
zur Brautfahrt
der Brautwerber
meide fern die Braut.
ISOLDE

Aus welcher Sorg'?
TRISTAN

Fragt die Sitte!
ISOLDE

Da du so sittsam,
mein Herr Tristan,
auch einer Sitte
sei nun gemahnt:
den Feind dir zu sühnen,
soll er als Freund dich rühmen.
TRISTAN

Und welchen Feind?
ISOLDE

Frag deine Furcht!
Blutschuld
schwebt zwischen uns.
TRISTAN

Die ward gesühnt.
ISOLDE

Nicht zwischen uns!
TRISTAN

Im offnen Feld
vor allem Volk
ward Urfehde geschworen.
ISOLDE

Nicht da war's,
wo ich Tantris barg,
wo Tristan mir verfiel.
Da stand er herrlich,
hehr und heil;
doch was er schwur,
das schwurt ich nicht:
zu schweigen hatt' ich gelernt.
Da in stiller Kammer
krank er lag,
mit dem Schwerte stumm
ich vor ihm stund:
schwieg da mein Mund,
bannt' ich meine Hand, -
doch was einst mit Hand
und Mund ich gelobt,
das schwur ich schweigend zu halten.
Nun will ich des Eides walten.
TRISTAN

Was schwurt ihr, Frau?
ISOLDE

Rache für Morold!
TRISTAN

Müht euch die?













Music
ISOLDE

Wagst du zu höhnen?
Angelobt war er mir,
der hehre Irenheld;
seine Waffen hatt' ich geweiht;
für mich zog er zum Streit.
Da er gefallen,
fiel meine Ehr':
in des Herzens Schwere
schwur ich den Eid,
würd' ein Mann den Mord nicht sühnen,
wollt' ich Magd mich des erkühnen.

Siech und matt
in meiner Macht,
warum ich dich da nicht schlug?
Das sag dir selbst mit leichtem Fug.
Ich pflag des Wunden,
dass den Heilgesunden
rächend schlüge der Mann,
der Isolde ihm abgewann.
Dein Los nun selber
magst du dir sagen!
Da die Männer sich all ihm vertragen,
wer muss nun Tristan schlagen?








Music
TRISTAN
(bleich und düster)

War Morold dir so wert,
nun wieder nimm das Schwert
und führ es sicher und fest,
dass du nicht dir's entfallen lässt!

(Er reicht ihr sein Schwert dar)
ISOLDE

Wie sorgt' ich schlecht
um deinen Herren;
was würde König
Marke sagen,
erschlüg' ich ihm
den besten Knecht,
der Kron und Land ihm gewann,
den allertreusten Mann?
Dünkt dich so wenig,
was er dir dankt,
bringst du die Irin
ihm als Braut,
dass er nicht schölte,
schlüg' ich den Werber,
der Urfehde-Pfand
so treu ihm liefert zur Hand?
Wahre dein Schwert!
Da einst ich's schwang,
als mir die Rache
im Busen rang: -
als dein messender Blick
mein Bild sich stahl,
ob ich Herrn Marke
taug als Gemahl: -
das Schwert - da liess ich's sinken.
Nun lass uns Sühne trinken!
(Sie winkt Brangäne. Diese schaudert zusammen, schwankt und zögert in ihrer Bewegung. Isolde treibt sie mit gesteigerter Gebärde an. Brangäne lässt sich zur Bereitung des Trankes an)
SCHIFFSVOLK
(von aussen)

Ho! he! ha! he!
Am Obermast
die Segel ein!
Ho! he! ha! he!
TRISTAN
(aus düsterem Brüten auffahrend)

Wo sind wir?
ISOLDE

Hart am Ziel!
Tristan, gewinn ich die Sühne?
Was hast du mir zu sagen?
TRISTAN
(finster)

Des Schweigens Herrin
heisst mich schweigen: -
fass' ich, was sie verschwieg,
verschweig ich, was sie nicht fasst.
ISOLDE

Dein Schweigen fass' ich,
weichst du mir aus.
Weigerst du die Sühne mir?
(Neue Schiffsrufe)

(Auf Isoldes ungeduldigen Wink reicht Brangäne ihr die gefüllte Trinkschale)















Music
ISOLDE
(mit dem Becher zu Tristan tretend,
der ihr starr in die Augen blickt)


Du hörst den Ruf?
Wir sind am Ziel: -
In kurzer Frist
stehn wir -

(mit leisem Hohne)

vor König Marke.
Geleitest du mich,
dünkt dich's nicht lieb,
darfst du so ihm sagen?

"Mein Herr und Ohm,
sieh die dir an:
ein sanftres Weib
gewännst du nie.
Ihren Angelobten
erschlug ich ihr einst,
sein Haupt sandt' ich ihr heim;
die Wunde, die
seine Wehr mir schuf,
die hat sie hold geheilt;
mein Leben lag
in ihrer Macht: -
das schenkte mir
die holde Magd
und ihres Landes
Schand und Schmach,
die gab sie mit darein,
dein Ehgemahl zu sein.
So guter Gaben
holden Dank
schuf mir ein süsser
Sühnetrank;
den bot mir ihre Huld,
zu sühnen alle Schuld."
SCHIFFSVOLK
(aussen)

Auf das Tau!
Anker ab!
TRISTAN
(wild auffahrend)

Los den Anker!
Das Steuer dem Strom!
Den Winden Segel und Mast! -

(Er entreisst ihr die Trinkschale)

Wohl kenn ich Irlands
Königin
und ihrer Künste
Wunderkraft.
Den Balsam nützt' ich,
den sie bot:
den Becher nehm ich nun,
dass ganz ich heut genese.
Und achte auch
des Sühne-Eids,
den ich zum Dank dir sage!
Tristans Ehre -
höchste Treu'!
Tristans Elend -
kühnster Trotz!
Trug des Herzens!
Traum der Ahnung!
Ew'ger Trauer
einz'ger Trost:
Vergessens güt'ger Trank, -
dich trink ich sonder Wank!

(Er setzt an und trinkt)
ISOLDE

Betrug auch hier?
Mein die Hälfte!

(Sie entwindet ihm den Becher)

Verräter! Ich trink sie dir!
(Sie trinkt. Dann wirft sie die Schale fort. - Beide, von Schauder erfasst, blicken sich mit höchster Aufregung, doch mit starrer Haltung, unverwandt in die Augen, in deren Ausdruck der Todestrotz bald der Liebesglut weicht. - Zittern ergreift sie. Sie fassen sich krampfhaft an das Herz - und führen die Hand wieder an die Stirn. - Dann suchen sie sich wieder mit dem Blick, senken ihn verwirrt und heften ihn wieder mit steigender Sehnsucht aufeinander)
ISOLDE
(mit bebender Stimme)

Tristan!
TRISTAN
(überströmend)

Isolde!
ISOLDE
(an seine Brust sinkend)

Treuloser Holder!



Music
TRISTAN
(mit Glut sie umfassend)

Seligste Frau!
(Sie verbleiben in stummer Umarmung)

(Aus der Ferne vernimmt man Trompeten, von aussen auf dem Schiffe den Ruf der)
MÄNNER

Heil! König Marke Heil!
BRANGÄNE
(die, mit abgewandtem Gesicht,
voll Verwirrung und Schauder
sich über den Bord gelehnt hatte,
wendet sich jetzt dem Anblick des
in Liebesumarmung versunkenen
Paares zu und stürzt händeringend
voll Verzweiflung in den Vordergrund)


Wehe! Weh!
Unabwendbar
ew'ge Not
für kurzen Tod!
Tör'ger Treue
trugvolles Werk
blüht nun jammernd empor!
(Tristan und Isolde fahren aus der Umarmung auf)
TRISTAN
(verwirrt)

Was träumte mir
von Tristans Ehre?
ISOLDE

Was träumte mir
von Isoldes Schmach?
TRISTAN

Du mir verloren?
ISOLDE

Du mich verstossen?
TRISTAN

Trügenden Zaubers
tückische List!
ISOLDE

Törigen Zürnens
eitles Dräu'n!
TRISTAN

Isolde!
ISOLDE

Tristan!
TRISTAN

Süsseste Maid!
ISOLDE

Trautester Mann!
BEIDE

Wie sich die Herzen
wogend erheben!
Wie alle Sinne
wonnig erbeben!
Sehnender Minne
schwellendes Blühen,
schmachtender Liebe
seliges Glühen!
Jach in der Brust
jauchzende Lust!
Isolde! Tristan!
Welten entronnen,
du mir gewonnen!
Du mir einzig bewusst,
höchste Liebeslust!
(Die Vorhänge werden weit auseinander gerissen; das ganze Schiff ist mit Rittern und Schiffsvolk bedeckt, die jubelnd über Bord winken, dem Ufer zu, das man, mit einer hohen Felsenburg gekrönt, nahe erblickt. Tristan und Isolde bleiben, in ihrem gegenseitingen Anblick verloren, ohne Wahrnehmung des um sie Vorgehenden)
BRANGÄNE
(zu den Frauen, die auf ihren Wink
aus dem Schiffsraum heraufsteigen)


Schnell, den Mantel,
den Königsschmuck!

(Zwischen Tristan und Isolde stürzend)

Unsel'ge! Auf!
Hört, wo wir sind!

(Sie legt Isolde, die es nicht gewahrt,
den Königsmantel an)
ALLE MÄNNER

Heil! Heil! Heil!
König Marke Heil!
Heil dem König!
KURWENAL
(lebhaft herantretend)

Heil Tristan,
glücklicher Held!
Mit reichem Hofgesinde,
dort auf Nachen
naht Herr Marke.
Hei! wie die Fahrt ihn freut,
dass er die Braut sich freit!
TRISTAN
(in Verwirrung aufblickend)

Wer naht?
KURWENAL

Der König!
TRISTAN

Welcher König?
(Kurwenal deutet über Bord)
ALLE MÄNNER
(die Hüte schwenkend)

Heil! König Marke Heil!
(Tristan starrt wie sinnlos nach dem Lande)
ISOLDE
(in Verwirrung)

Was ist, Brangäne?
Welcher Ruf?
BRANGÄNE

Isolde! Herrin!
Fassung nur heut!
ISOLDE

Wo bin ich? Leb ich?
Ha! Welcher Trank?
BRANGÄNE
(verzweiflungsvoll)

Der Liebestrank.
ISOLDE
(starrt entsetzt auf Tristan)

Tristan!
TRISTAN

Isolde!
ISOLDE

Muss ich leben?

(Sie stürzt ohnmächtig an seine Brust)
BRANGÄNE
(zu den Frauen)

Helft der Herrin!
TRISTAN

O Wonne voller Tücke!
O truggeweihtes Glücke!
ALLE MÄNNER
(Ausbruch allgemeinen Jauchzens)

Kornwall Heil!
(Trompeten vom Lande her)

(Leute sind über Bord gestiegen, andere haben eine Brücke ausgelegt, und die Haltung aller deutet auf die soeben bevorstehende Ankunft der Erwarteten, als der Vorhang schnell fällt)