RichardWagner
Libretti
Tristan und Isolde

(ZWEITER AUFZUG)
ZWEITE SZENE

Tristan und Isolde
TRISTAN
(stürzt herein)

Isolde! Geliebte!
ISOLDE
(ihm entgegenspringend)

Tristan! Geliebter!
(Stürmische Umarmungen beider, unter denen sie in den Vordergrund gelangen)
ISOLDE

Bist du mein?
TRISTAN

Hab ich dich wieder?
ISOLDE

Darf ich dich fassen?
TRISTAN

Kann ich mir trauen?
ISOLDE

Endlich! Endlich!
TRISTAN

An meiner Brust!
ISOLDE

Fühl ich dich wirklich?
TRISTAN

Seh' ich dich selber?
ISOLDE

Dies deine Augen?
TRISTAN

Dies dein Mund?
ISOLDE

Hier deine Hand?
TRISTAN

Hier dein Herz?
ISOLDE

Bin ich's? Bist du's?
Halt ich dich fest?
TRISTAN

Bin ich's? Bist du's?
Ist es kein Trug?
BEIDE

Ist es kein Traum?
O Wonne der Seele,
o süsse, hehrste,
kühnste, schönste,
seligste Lust!
TRISTAN

Ohne Gleiche!
ISOLDE

Überreiche!
TRISTAN

Überselig!
ISOLDE

Ewig!
TRISTAN

Ewig!
ISOLDE

Ungeahnte,
nie gekannte!
TRISTAN

Überschwenglich
hoch erhabne!
ISOLDE

Freudejauchzen!
TRISTAN

Lustentzücken!
  ISOLDE

Himmelhöchstes
Weltentrücken!
Mein! Tristan mein!
Mein und dein!
Ewig, ewig ein!
TRISTAN

Himmelhöchstes
Weltentrücken!
Mein! Isolde mein!
Mein und dein!
Ewig, ewig ein!
ISOLDE

Wie lange fern!
Wie fern so lang!
TRISTAN

Wie weit so nah!
So nah wie weit!
ISOLDE

O Freundesfeindin,
böse Ferne!
Träger Zeiten
zögernde Länge!
TRISTAN

O Weit' und Nähe!
Hart entzweite!
Holde Nähe!
Öde Weite!
ISOLDE

Im Dunkel du,
im Lichte ich!


Music
TRISTAN

Das Licht! Das Licht!
O dieses Licht,
wie lang verlosch es nicht!
Die Sonne sank,
der Tag verging,
doch seinen Neid
erstickt' er nicht:
sein scheuchend Zeichen
zündet er an,
und steckt's an der Liebsten Türe,
dass nicht ich zu ihr führe.
ISOLDE

Doch der Liebsten Hand
löschte das Licht;
wes die Magd sich wehrte,
scheut' ich mich nicht:
in Frau Minnes Macht und Schutz
bot ich dem Tage Trutz!
TRISTAN

Dem Tage! dem Tage!
dem tückischen Tage,
dem härtesten Feinde
Hass und Klage!
Wie du das Licht,
o könnt' ich die Leuchte,
der Liebe Leiden zu rächen,
dem frechen Tage verlöschen!
Gibt's eine Not,
gibt's eine Pein,
die er nicht weckt
mit seinem Schein?
Selbst in der Nacht
dämmernder Pracht
hegt ihn Liebchen am Haus,
streckt mir drohend ihn aus!
ISOLDE

Hegt ihn die Liebste
am eignen Haus,
im eignen Herzen
hell und kraus,
hegt' ihn trotzig
einst mein Trauter:
Tristan, - der mich betrog!
War's nicht der Tag,
der aus ihm log,
als er nach Irland
werbend zog,
für Marke mich zu frein,
dem Tod die Treue zu weihn.
TRISTAN

Der Tag! Der Tag,
der dich umgliss,
dahin, wo sie
der Sonne glich,
in höchster Ehren
Glanz und Licht
Isolde mir entrückt'!
Was mir das Auge
so entzückt',
mein Herze tief
zur Erde drückt':
in lichten Tages Schein
wie war Isolde mein?
ISOLDE

War sie nicht dein,
die dich erkor?
Was log der böse
Tag dir vor,
dass, die für dich beschieden,
die Traute du verrietest?
TRISTAN

Was dich umgliss
mit hehrster Pracht,
der Ehre Glanz,
des Ruhmes Macht,
an sie mein Herz zu hangen,
hielt mich der Wahn gefangen.
Die mit des Schimmers
hellstem Schein
mir Haupt und Scheitel
licht beschien,
der Welten-Ehren
Tages-Sonne,
mit ihrer Strahlen
eitler Wonne,
durch Haupt und Scheitel
drang mir ein,
bis in des Herzens
tiefsten Schrein.
Was dort in keuscher Nacht
dunkel verschlossen wacht',
was ohne Wiss' und Wahn
ich dämmernd dort empfahn:
ein Bild, das meine Augen
zu schaun sich nicht getrauten,
von des Tages Schein betroffen
lag mir's da schimmernd offen.
Was mir so rühmlich
schien und hehr,
das rühmt ich hell
vor allem Heer;
vor allem Volke
pries ich laut
der Erde schönste
Königsbraut.
Dem Neid, den mir
der Tag erweckt';
dem Eifer, den
mein Glücke schreckt';
der Missgunst, die mir Ehren
und Ruhm begann zu schweren:
denen bot ich Trotz,
und treu beschloss,
um Ehr' und Ruhm zu wahren,
nach Irland ich zu fahren.
ISOLDE

O eitler Tagesknecht!
Getäuscht von ihm,
der dich getäuscht,
wie musst' ich liebend
um dich leiden,
den, in des Tages
falschem Prangen,
von seines Gleissens
Trug befangen,
dort wo ihn Liebe
heiss umfasste,
im tiefsten Herzen
hell ich hasste.
Ach, in des Herzens Grunde,
wie schmerzte tief die Wunde!
Den dort ich heimlich barg,
wie dünkt' er mich so arg,
wenn in des Tages Scheine
der treu gehegte eine
der Liebe Blicken schwand,
als Feind nur vor mir stand!
Das als Verräter
dich mir wies,
dem Licht des Tages
wollt' ich entfliehn,
dorthin in die Nacht
dich mit mir ziehn,
wo der Täuschung Ende
mein Herz mir verhiess;
wo des Trugs geahnter
Wahn zerrinne;
dort dir zu trinken
ew'ge Minne,
mit mir dich im Verein
wollt' ich dem Tode weihn.
TRISTAN

In deiner Hand
den süssen Tod,
als ich ihn erkannt,
den sie mir bot;
als mir die Ahnung
hehr und gewiss
zeigte, was mir
die Sühne verhiess:
da erdämmerte mild
erhabner Macht
im Busen mir die Nacht;
mein Tag war da vollbracht.
ISOLDE

Doch ach, dich täuschte
der falsche Trank,
dass dir von neuem
die Nacht versank:
dem einzig am Tode lag,
den gab er wieder dem Tag!
TRISTAN

O Heil dem Tranke!
Heil seinem Saft!
Heil seines Zaubers
hehrer Kraft!
Durch des Todes Tor,
wo er mir floss,
weit und offen
er mir erschloss,
darin ich sonst nur träumend gewacht,
das Wunderreich der Nacht.
Von dem Bild in des Herzens
bergendem Schrein
scheucht er des Tages
täuschenden Schein,
dass nachtsichtig mein Auge
wahr es zu sehen tauge.
ISOLDE

Doch es rächte sich
der verscheuchte Tag;
mit deinen Sünden
Rat's er pflag;
was dir gezeigt
die dämmernde Nacht,
an des Taggestirnes
Königsmacht
musstest du's übergeben,
um einsam
in öder Pracht
schimmernd dort zu leben.
Wie ertrug ich's nur?
Wie ertrag ich's noch?
TRISTAN

O nun waren wir
Nachtgeweihte!
Der tückische Tag,
der Neidbereite,
trennen konnt uns sein Trug,
doch nicht mehr täuschen sein Lug!
Seine eitle Pracht,
seinen prahlenden Schein
verlacht, wem die Nacht
den Blick geweiht:
seines flackernden Lichtes
flüchtige Blitze
blenden uns nicht mehr.
Wer des Todes Nacht
liebend erschaut,
wem sie ihr tief
Geheimnis vertraut:
des Tages Lügen,
Ruhm und Ehr',
Macht und Gewinn,
so schimmernd hehr,
wie eitler Staub der Sonnen
sind sie vor dem zersponnen!
In des Tages eitlem Wähnen
bleibt ihm ein einzig Sehnen -
das Sehnen hin
zur heil'gen Nacht,
wo urewig,
einzig wahr
Liebeswonne ihm lacht!
Music (Tristan zieht Isolde sanft zur Seite auf eine Blumenbank nieder, senkt sich vor ihr auf die Knie und schmiegt sein Haupt in ihren Arm)


Music
BEIDE

O sink hernieder,
Nacht der Liebe,
gib Vergessen,
dass ich lebe;
nimm mich auf
in deinen Schoss,
löse von
der Welt mich los!
TRISTAN

Verloschen nun
die letzte Leuchte;
ISOLDE

was wir dachten,
was uns deuchte;
TRISTAN

all Gedenken -
ISOLDE

all Gemahnen -
BEIDE

heil'ger Dämm'rung
hehres Ahnen
löscht des Wähnens Graus
welterlösend aus.
ISOLDE

Barg im Busen
uns sich die Sonne,
leuchten lachend
Sterne der Wonne.
TRISTAN

Von deinem Zauber
sanft umsponnen,
vor deinen Augen
süss zerronnen;


Music
ISOLDE

Herz an Herz dir,
Mund an Mund;
TRISTAN

eines Atems
ein'ger Bund; -
BEIDE

bricht mein Blick sich
wonn'-erblindet,
erbleicht die Welt
mit ihrem Blenden:
ISOLDE

die uns der Tag
trügend erhellt,
TRISTAN

zu täuschendem Wahn
entgegengestellt,





Music
BEIDE

selbst dann
bin ich die Welt:
Wonne-hehrstes Weben,
Liebe-heiligstes Leben,
Niewiedererwachens
wahnlos
hold bewusster Wunsch.
(Tristan und Isolde versinken wie in gänzliche Entrücktheit, in der sie, Haupt an Haupt auf die Blumenbank zurückgelehnt, verweilen)
BRANGÄNES STIMME
(von der Zinne her)

Einsam wachend
in der Nacht,
wem der Traum
der Liebe lacht,
hab der einen
Ruf in acht,
die den Schläfern
Schlimmes ahnt,
bange zum
Erwachen mahnt.
Habet acht!
Habet acht!
Bald entweicht die Nacht.
Music  
ISOLDE
(leise)

Lausch, Geliebter!
TRISTAN
(ebenso)

Lass mich sterben!
ISOLDE
(allmählich sich ein wenig erhebend)

Neid'sche Wache!
TRISTAN
(zurückgelehnt bleibend)

Nie erwachen!
ISOLDE

Doch der Tag
muss Tristan wecken?
TRISTAN
(ein wenig das Haupt erhebend)

Lass den Tag
dem Tode weichen!
ISOLDE

Tag und Tod,
mit gleichen Streichen,
sollten unsre
Lieb' erreichen?
TRISTAN
(sich mehr aufrichtend)

Unsre Liebe?
Tristans Liebe?
Dein' und mein',
Isoldes Liebe?
Welches Todes Streichen
könnte je sie weichen?
Stünd' er vor mir,
der mächt'ge Tod,
wie er mir Leib
und Leben bedroht,
die ich so willig
der Liebe lasse,
wie wäre seinen Streichen
die Liebe selbst zu erreichen?

(immer inniger mit dem Haupt
sich an Isolde schmiegend)


Stürb ich nun ihr,
der so gern ich sterbe,
wie könnte die Liebe
mit mir sterben,
die ewig lebende
mit mir enden?
Doch, stürbe nie seine Liebe,
wie stürbe dann Tristan
seiner Liebe?
ISOLDE

Doch unsre Liebe,
heisst sie nicht Tristan
und - Isolde?
Dies süsse Wörtlein: und,
was es bindet,
der Liebe Bund,
wenn Tristan stürb,
zerstört' es nicht der Tod?
TRISTAN

Was stürbe dem Tod,
als was uns stört,
was Tristan wehrt,
Isolde immer zu lieben,
ewig ihr nur zu leben?
ISOLDE

Doch dieses Wörtlein: und, -
wär' es zerstört,
wie anders als
mit Isoldes eignem Leben
wär' Tristan der Tod gegeben?
(Tristan zieht, mit bedeutungsvoller Gebärde, Isolde sanft an sich)
TRISTAN

So starben wir,
um ungetrennt,
ewig einig
ohne End',
ohn' Erwachen,
ohn' Erbangen,
namenlos
in Lieb' umfangen,
ganz uns selbst gegeben,
der Liebe nur zu leben!




Music
ISOLDE
(wie in sinnender Entrücktheit
zu ihm aufblickend)


So stürben wir,
um ungetrennt, -
TRISTAN

ewig einig
ohne End', -
ISOLDE

ohn' Erwachen, -
TRISTAN

ohn' Erbangen, -
BEIDE

namenlos
in Lieb' umfangen,
ganz uns selbst gegeben,
der Liebe nur zu leben!
(Isolde neigt wie überwältigt das Haupt an seine Brust)
BRANGÄNES STIMME
(wie vorher)

Habet acht!
Habet acht!
Schon weicht dem Tag die Nacht.
TRISTAN
(lächelnd zu Isolde geneigt)

Soll ich lauschen?
ISOLDE
(schwärmerisch zu Tristan aufblickend)

Lass mich sterben!
TRISTAN

Muss ich wachen?
ISOLDE

Nie erwachen!
TRISTAN

Soll der Tag
noch Tristan wecken?
ISOLDE

Lass den Tag
dem Tode weichen!
TRISTAN

Des Tages Dräuen
nun trotzten wir so?
ISOLDE
(mit wachsender Begeisterung)

Seinem Trug ewig zu fliehn!
TRISTAN

Sein dämmernder Schein
verscheuchte uns nie?
ISOLDE
(mit grosser Gebärde
ganz sich erhebend)


Ewig währ uns die Nacht!
(Tristan folgt ihr, sie umfangen sich in schwärmerischer Begeisterung)


















Music






Music
BEIDE

O ew'ge Nacht,
süsse Nacht!
Hehr erhabne
Liebesnacht!
Wen du umfangen,
wem du gelacht,
wie wär' ohne Bangen
aus dir er je erwacht?
Nun banne das Bangen,
holder Tod,
sehnend verlangter
Liebestod!
In deinen Armen,
dir geweiht,
urheilig Erwarmen,
von Erwachens Not befreit!
Wie sie fassen,
wie sie lassen,
diese Wonne,
Fern der Sonne,
fern der Tage
Trennungsklage!
Ohne Wähnen
sanftes Sehnen;
ohne Bangen
süss Verlangen;
ohne Wehen
hehr Vergehen;
ohne Schmachten
hold Umnachten;
ohne Meiden,
ohne Scheiden,
traut allein,
ewig heim,
in ungemessnen Räumen
übersel'ges Träumen.
  TRISTAN

Tristan du,
ich Isolde,
nicht mehr Tristan!
ISOLDE

Du Isolde,
Tristan ich,
nicht mehr Isolde!
BEIDE

Ohne Nennen,
ohne Trennen,
neu Erkennen,
neu Entbrennen;
endlos ewig,
ein-bewusst:
heiss erglühter Brust
höchste Liebeslust!

(Sie bleiben in verzückter Stellung)