RichardWagner
Libretti
Tristan und Isolde

(DRITTER AUFZUG)
DRITTE SZENE

Die Vorigen. Der Hirt. Der Stuermann. Melot. Brangäne. Marke. Ritter und Knappen.
(Kurwenal war sogleich hinter Isolde zurückgekommen; sprachlos in furchtbarer Erschütterung hat er dem Auftritte beigewohnt und bewegungslos auf Tristan hingestarrt. Aus der Tiefe hört man jetzt dumpfes Gemurmel und Waffengeklirr. Der Hirt kommt über die Mauer gestiegen)
HIRT
(hastig und leise
sich zu Kurwenal wendend)


Kurwenal! Hör'!
Ein zweites Schiff.
(Kurwenal fährt heftig auf und blickt über die Brüstung, während der Hirt aus der Ferne erschüttert auf Tristan und Isolde sieht)
KURWENAL
(in Wut ausbrechend)

Tod und Hölle!
Alles zur Hand!
Marke und Melot
hab' ich erkannt.
Waffen und Steine!
Hilf mir! Ans Tor!

(Er eilt mit dem Hirten an das Tor,
das sie in der Hast zu verrammeln suchen)
DER STEUERMANN
(stürzt herein)

Marke mir nach
mit Mann und Volk:
vergebne Wehr!
Bewältigt sind wir.
KURWENAL

Stell dich, und hilf!
Solange ich lebe,
lugt mir keiner herein!
BRANGÄNES STIMME
(aussen, von unten her)

Isolde! Herrin!
KURWENAL

Brangänes Ruf?

(hinabrufend)

Was suchst du hier?
BRANGÄNE

Schliess' nicht, Kurwenal!
Wo ist Isolde?
KURWENAL

Verrätrin auch du?
Weh dir, Verruchte!
MELOT
(ausserhalb)

Zurück, du Tor!
Stemm dich nicht dort!
KURWENAL
(wütend auffahrend)

Heiahaha! Dem Tag,
an dem ich dich treffe!
(Melot, mit gewaffneten Männern, erscheint unter dem Tor. Kurwenal stürzt sich auf ihn und streckt ihn zu Boden)
KURWENAL

Stirb, schändlicher Wicht!
MELOT

Weh mir, Tristan!

(Er stirbt)
BRANGÄNE
(noch ausserhalb)

Kurwenal! Wütender!
Hör', du betrügst dich!
KURWENAL

Treulose Magd!

(zu den Seinen)

Drauf! Mir nach!
Werft sie zurück!
(Sie kämpfen)
MARKE
(ausserhalb)

Halte, Rasender!
Bist du von Sinnen?
KURWENAL

Hier wütet der Tod!
Nichts andres, König,
ist hier zu holen:
willst du ihn kiesen, so komm!

(Er dringt auf Marke
und dessen Gefolge ein)
MARKE
(unter dem Tor mit
Gefolge erscheinend)


Zurück! Wahnsinniger!
BRANGÄNE
(hat sich seitwärts über die Mauer
geschwungen und eilt in den Vordergrund)


Isolde! Herrin!
Glück und Heil!
Was seh' ich! Ha!
Lebst du? Isolde!
(Sie müht sich um Isolde. - Marke mit seinem Gefolge hat Kurwenal mit dessen Helfern vom Tore zurückgetrieben und dringt herein)
MARKE

O Trug und Wahn!
Tristan, wo bist du?
KURWENAL
(schwer verwundet, schwankt vor Marke
her nach dem Vordergrund)


Da liegt er -
hier - wo ich - liege.

(Er sinkt bei Tristans Füssen zusammen)
MARKE

Tristan! Tristan!
Isolde! Weh!
KURWENAL
(nach Tristans Hand fassend)

Tristan! Trauter!
Schilt mich nicht,
dass der Treue auch mitkommt!

(Er stirbt)
MARKE

Tot denn alles!
Alles tot!
Mein Held, mein Tristan!
Trautester Freund,
auch heute noch
musst du den Freund verraten?
Heut', wo er kommt,
dir höchste Treue zu bewähren?
Erwache! Erwache!
Erwache meinem Jammer!

(schluchzend über die Leiche
sich herabbeugend)


Du treulos treuster Freund!
BRANGÄNE
(die in ihren Armen Isolde
wieder zu sich gebracht)


Sie wacht! Sie lebt!
Isolde! hör mich,
vernimm meine Sühne!
Des Trankes Geheimnis
entdeckt' ich dem König:
mit sorgender Eil'
stach er in See,
dich zu erreichen,
dir zu entsagen,
dir zuzuführen den Freund.
MARKE

Warum, Isolde,
warum mir das?
Da hell mir enthüllt,
was zuvor ich nicht fassen konnt',
wie selig, dass den Freund
ich frei von Schuld da fand!
Dem holden Mann
dich zu vermählen,
mit vollen Segeln
flog ich dir nach.
Doch Unglückes
Ungestüm,
wie erreicht es, wer Frieden bringt?
Die Ernte mehrt' ich dem Tod:
der Wahn häufte die Not.
BRANGÄNE

Hörst du uns nicht?
Isolde! Traute!
Vernimmst du die Treue nicht?
(Isolde, die nichts um sich her vernommen, heftet das Auge mit wachsender Begeisterung auf Tristans Leiche)


Music
















































Music
ISOLDE

Mild und leise
wie er lächelt,
wie das Auge
hold er öffnet, -
seht ihr's, Freunde?
Säh't ihr's nicht?
Immer lichter
wie er leuchtet,
sternumstrahlet
hoch sich hebt?
Seht ihr's nicht?
Wie das Herz ihm
mutig schwillt,
voll und hehr
im Busen ihm quillt?
Wie den Lippen,
wonnig mild,
süsser Atem
sanft entweht: -
Freunde! Seht!
Fühlt und seht ihr's nicht?
Hör ich nur
diese Weise,
die so wunder-
voll und leise,
Wonne klagend,
alles sagend,
mild versöhnend
aus ihm tönend,
in mich dringet,
auf sich schwinget,
hold erhallend
um mich klinget?
Heller schallend,
mich umwallend,
sind es Wellen
sanfter Lüfte?
Sind es Wogen
wonniger Düfte?
Wie sie schwellen,
mich umrauschen,
soll ich atmen,
soll ich lauschen?
Soll ich schlürfen,
untertauchen?
Süss in Düften
mich verhauchen?
In dem wogenden Schwall,
in dem tönenden Schall,
in des Weltatems
wehendem All, -
ertrinken,
versinken, -
unbewusst, -
höchste Lust!
Music (Isolde sinkt, wie verklärt, in Brangänes Armen sanft auf Tristans Leiche. Grosse Rührung und Entrücktheit, unter den Umstehenden. Marke segnet die Leichen. - Der Vorhang fällt langsam)