RichardWagner
Libretti
Die Walküre

(ERSTER AUFZUG) (ACT ONE)
ZWEITE SZENE
(Sieglinde fährt plötzlich auf, lauscht und hört Hunding, der sein Ross aussen zum Stall führt. Sie geht hastig zur Tür und öffnet; Hunding, gewaffnet sein Schild und Speer, tritt ein und hält unter der Tür, als er Siegmund gewahrt. Hunding wendet sich mit einem ernst fragenden Blick an Sieglinde)

Music

Music
SCENE TWO
SIEGLINDE
(dem Blicke Hundings entgehend)

Müd am Herd
fand ich den Mann:
Not führt' ihn ins Haus.
SIEGLINDE


I found this man exausted,
by our fireplace.
Distress led him into our house.
HUNDING

Du labtest ihn?
HUNDING

Did you look after him?
SIEGLINDE

Den Gaumen letzt' ich ihm,
gastlich sorgt' ich sein!
SIEGLINDE

I refreshed his lips;
I treated him as a guest.
SIEGMUND
(der ruhig und fest Hunding beobachtet)

Dach und Trank
dank' ich ihr:
willst du dein Weib drum schelten?
SIEGMUND


For shelter and a drink
I have her to thank.
You won't scold your wife for that?
HUNDING

Heilig ist mein Herd: -
heilig sei dir mein Haus!

(er legt seine Waffen ab
und übergibt sie Sieglinde)
(zu Sieglinde)


Rüst' uns Männern das Mahl!
HUNDING

My hearth is holy.
Treat my house as holly too.





Serve the meal for us men.
(Sieglinde hängt die Waffen an Ästen des Eschenstammes auf, dann holt sie Speise und Trank aus dem Speicher und rüstet auf dem Tische das Nachtmahl. - Unwillkürlich heftet sie wieder den Blick auf Siegmund)  
HUNDING
(misst scharf und verwundert
Siegmunds Züge, die er mit denen
seiner Frau vergleicht; für sich:)


Wie gleicht er dem Weibe!
Der gleissende Wurm
glänzt auch ihm aus dem Auge.

(Er birgt sein Befremden und wendet
sich wie unbefangen zu Siegmund)


Weit her, traun,
kamst du des Wegs;
ein Ross nicht ritt,
der Rast hier fand:
welch schlimme Pfade
schufen dir Pein?
HUNDING




How like my wife he is!
That snaky shiftiness
gleams out of his eyes as well.




From far away, I expect,
you've come on your travels.
You weren't on horseback
when you stopped here.
What rough tracks
caused your weariness?
SIEGMUND

Durch Wald und Wiese,
Heide und Hain,
jagte mich Sturm
und starke Not:
nicht kenn' ich den Weg, den ich kam.
Wohin ich irrte,
weiss ich noch minder:
Kunde gewänn' ich des gern.
SIEGMUND

Through forests and fields,
heaths and thickets
I was chased by storms
and deep distress.
I don't know the way that I came.
Where I've strayed to
I know still less:
I'd be glad to find out.
HUNDING
(am Tisch, und Siegmund
den Sitz bietend)


Des Dach dich deckt,
des Haus dich hegt,
Hunding heisst der Wirt;
wendest von hier du
nach West den Schritt,
in Höfen reich
hausen dort Sippen,
die Hundings Ehre behüten.
Gönnt mir Ehre mein Gast,
wird sein Name nun mir gennant.
HUNDING



The roof that shelters you,
the house that protects you,
have Hunding for landlord.
When you leave here
and travel west,
in wealthy estates
there dwell the kinsmen
who guard Hunding's honour;
if my guest respects my honour,
he will tell me his name.
(Siegmund, der sich am Tisch niedergesetzt, blickt nachdenklich vor sich hin. Sieglinde, die sich neben Hunding, Siegmund gegenüber, gesetzt, heftet ihr Auge mit auffallender Teilnahme und Spannung auf diesen.)  
HUNDING
(der beide beobachtet)

Trägst du Sorge,
mir zu vertraun,
der Frau hier gib doch Kunde:
sieh, wie gierig sie dich frägt!
HUNDING


If you are wary
of confiding in me,
tell your tale to my wife here:
look how greedily she questions you!
SIEGLINDE
(unbefangen und teilnahmsvoll)

Gast, wer du bist,
wüsst' ich gern.
SIEGLINDE


I'd be glad to know,
guest, who you are.
SIEGMUND
(blickt auf, sieht ihr
in das Auge und beginnt ernst)


Friedmund darf ich nicht heissen;
Frohwalt möcht' ich wohl sein:
doch Wehwalt musst ich mich nennen.
Wolfe, der war mein Vater;
zu zwei kam ich zur Welt,
eine Zwillingsschwester und ich.
Früh schwanden mir
Mutter und Maid.
Die mich gebar,
und die mit mir sie barg,
kaum hab' ich je sie gekannt.
Wehrlich und stark war Wolfe;
der Feinde wuchsen ihm viel.
Zum Jagen zog
mit dem Jungen der Alte:
Von Hetze und Harst
einst kehrten wir heim:
da lag das Wolfsnest leer.
Zu Schutt gebrannt
der prangende Saal,
zum Stumpf der Eiche
blühender Stamm;
erschlagen der Mutter
mutiger Leib,
verschwunden in Gluten
der Schwester Spur:
uns schuf die herbe Not
der Neidinge harte Schar.
Geächtet floh
der Alte mit mir;
lange Jahre
lebte der Junge
mit Wolfe im wilden Wald:
manche Jagd
ward auf sie gemacht;
doch mutig wehrte
das Wolfspaar sich.

(zu Hunding gewandt)

Ein Wölfing kündet dir das,
den als "Wölfing" mancher wohl kennt.
SIEGMUND



I can't call myself "Peaceful";
I wish I were called "Cheerful";
but "Woeful" has to be my name.
"Wolf" was my father;
I come into the world one of two,
I and twin sister.
Prematurely I was bereft
of mother and sister:
she who bore me
and she who was born with me,
I hardly knew eiter of them.
Warlike and strong was Wolf,
enemies he gained in plenty.
The old man went out hunting
with the young one.
From scrapping and harrying
we came home one day:
there stood the Wolf's lair empty.
Burnt to ashes
was our fine living-room,
down to the stump
the oaktree's flourishing trunk;
slaughtered lay my mother's
brave body,
vanished in the flames
was all trace of my sister.
This harsh fate was dealt us
by a cruel gang of ruffians.
Outlawed we escaped,
the old man and I:
many years
of my youth I passed
with Wolf in the wild wood.
Many a chase
they made after us.
But we two Wolves
defended ourselves bravely.



A "Wolf-cub" tells you this,
and as "Wolf-cub" I'm known to many folk.
HUNDING

Wunder und wilde Märe
kündest du, kühner Gast,
Wehwalt - der Wölfing!
Mich dünkt, von dem wehrlichen Paar
vernahm ich dunkle Sage,
kannt' ich auch Wolfe
und Wölfing nicht.
HUNDING

Strange and brutal tales
you tell us, bold guest,
"Woeful" the "Wolf-cub"!
I fancy of that warlike couple
I have heard dark tales,
though I never knew "Wolf"
or "Wolf-cub".
SIEGLINDE

Doch weiter künde, Fremder:
wo weilt dein Vater jetzt?
SIEGLINDE

Do tell us more, stranger:
where is your father now?
SIEGMUND

Ein starkes Jagen auf uns
stellten die Neidinge an:
der Jäger viele
fielen den Wölfen,
in Flucht durch den Wald
trieb sie das Wild.
Wie Spreu zerstob uns der Feind.
Doch ward ich vom Vater versprengt;
seine Spur verlor ich,
je länger ich forschte:
eines Wolfes Fell nur
traf ich im Forst;
leer lag das vor mir,
den Vater fand ich nicht.
Aus dem Wald trieb es mich fort;
mich drängt' es zu Männern und Frauen.
Wieviel ich traf,
wo ich sie fand,
ob ich um Freund',
um Frauen warb,
immer doch war ich geächtet:
Unheil lag auf mir.
Was Rechtes je ich riet,
andern dünkte es arg,
was schlimm immer mir schien,
andre gaben ihm Gunst.
In Fehde fiel ich,
wo ich mich fand,
Zorn traf mich,
wohin ich zog;
gehrt' ich nach Wonne,
weckt' ich nur Weh':
drum musst' ich mich Wehwalt nennen;
des Wehes waltet' ich nur.

(Er sieht zu Sieglinde auf und
gewahrt ihren teilnehmenden Blick).
SIEGMUND

Those ruffians started
a fierce attack on us:
many of the pursuers
fell to the "Wolves";
in flight through the forest
we drove our quarry.
Our enemies vanished like chaff.
But I was separated from my father.
I lost track of him
the more I sought him.
Only a wolfskin
I found in the forest.
It lay empty before me.
I did not find my father.
I had to leave the woodland;
I was drawn to men and women.
But though I met many,
wherever I found them,
whether sought friends,
or courted women,
I was always unpopular.
Bad luck dogged me.
Whatever I thought right
seemed bad to others;
whatever seemed wrong to me,
other approved of.
I ran into feuds
wherever I found myself,
I met disfavour
wherever I went;
if I hankered for happiness,
I only stirred up misery;
so I had to be called "Woeful":
Woe is all I possess.



HUNDING

Die so leidig Los dir beschied,
nicht liebte dich die Norn':
froh nicht grüsst dich der Mann,
dem fremd als Gast du nahst.
HUNDING

She who granted you a wretched fate,
the Norn, did not love you.
No man enjoys meeting you
when, being a stranger, you ask his hospitality.
SIEGLINDE

Feige nur fürchten den,
der waffenlos einsam fährt! -
Künde noch, Gast,
wie du im Kampf
zuletzt die Waffe verlorst!
SIEGLINDE

Only cowards fear the man
who travels alone and unarmed.
Tell us more, visitor,
of how in battle
you finally lost your arms.
SIEGMUND
(immer lebhafter)

Ein trauriges Kind
rief mich zum Trutz:
vermählen wollte
der Magen Sippe
dem Mann ohne Minne die Maid.
Wider den Zwang
zog ich zum Schutz,
der Dränger Tross
traf ich im Kampf:
dem Sieger sank der Feind.
Erschlagen lagen die Brüder:
die Leichen umschlang da die Maid,
den Grimm verjagt' ihr der Gram.
Mit wilder Tränen Flut
betroff sie weinend die Wal:
um des Mordes der eignen Brüder
klagte die unsel'ge Braut.
Der Erschlagnen Sippen
stürmten daher;
übermächtig
ächzten nach Rache sie;
rings um die Stätte
ragten mir Feinde.
Doch von der Wal
wich nicht die Maid;
mit Schild und Speer
schirmt' ich sie lang',
bis Speer und Schild
im Harst mir zerhaun.
Wund und waffenlos stand ich -
sterben sah ich die Maid:
mich hetzte das wütende Heer -
auf den Leichen lag sie tot.

(mit einem Blicke voll schmerzlichen
Feuers auf Sieglinde)


Nun weisst du, fragende Frau,
warum ich Friedmund nicht heisse!
















Music
SIEGMUND


A child in distress
called an me for help.
She was pushed by her family
into marriage
with a man the girl did not love.
Against their compulsion
I came to her help;
I met the crowd
of oppressors in battle.
The enemy fell and I won.
Her brothers lay there dead,
the girl embraced their corpses;
the sorrow banished her anger.
In a flood of wild tears
she gazed weeping at the carnage.
The murder of her own brothers
the wretched bride lamented.
The kinsmen of the slain
rushed to the spot;
in great numbers
they thirsted for vengeance.
All round the dwelling
enemies rose against me.
But from the battlefield
the girl would not move.
With spear and shield
I protected her for a long time
until my spear and shield
were cut from me in the flight.
Wounded and unarmed I stood;
I saw the girl die.
The furious crowd hunted me;
she lay dead upon the corpses.




Woman, you asked; now you know
why I am not called "Peaceful".
(Er steht auf und schreitet auf den Herd zu. Sieglinde blickt erbleicht und tief erschüttert zu Boden) Music  
HUNDING
(erhebt sich, sehr finster)

Ich weiss ein wildes Geschlecht,
nicht heilig ist ihm,
was andern hehr:
verhasst ist es allen und mir.
Zur Rache ward ich gerufen,
Sühne zu nehmen
für Sippenblut:
zu spät kam ich,
und kehrte nun heim,
des flücht'gen Frevlers Spur
im eignen Haus zu erspähn. -
Mein Haus hütet,
Wölfing, dich heut';
für die Nacht nahm ich dich auf;
mit starker Waffe
doch wehre dich morgen;
zum Kampfe kies' ich den Tag:
für Tote zahlst du mir Zoll.
HUNDING


I know of a savage family;
they hold nothing sacred
that others honour.
Everyone hates them, as I do.
I was called to vengeance
to make amends
for family bloodished.
I come too late
and now return home
to see in my own house
the tracks of the villain who fled.
My house will shelter you,
"Wolf-cub", for today.
For this night I put you up.
But tomorrow arm yourself
with stout weapons.
I choose the day for fighting:
you must pay for those deaths.
(Sieglinde schreitet mit besorgter Gebärde zwischen die beiden Männer vor)  
HUNDING
(barsch)

Fort aus dem Saal!
Säume hier nicht!
Den Nachttrunk rüste mir drin
und harre mein' zur Ruh'.
HUNDING


Leave the room!
Don't dally here.
Prepare my night drink
and wait till I come to bed.
(Sieglinde steht eine Weile unentschieden und sinnend. Sie wendet sich langsam und zögernden Schrittes nach dem Speicher. Dort hält sie wieder an und bleibt, in Sinnen verloren, mit halb abgewandtem Gesicht stehen. Mit ruhigem Entschluss öffnet sie den Schrein, füllt ein Trinkhorn und schüttet aus einer Büchse Würze hinein. Dann wendet sich das Auge auf Siegmund, um seinem Blicke zu begegnen, den dieser fortwährend auf sie heftet. Sie gewahrt Hundings Spähen und wendet sich sogleich zum Schlafgemach. Auf den Stufen kehrt sie sich noch einmal um, heftet das Auge sehnsuchtsvoll auf Siegmund und deutet mit dem Blicke andauernd und mit sprechender Bestimmtheit auf eine Stelle am Eschenstamme. Hunding fährt auf und treibt sie mit einer heftigen Gebärde zum Fortgehen an. Mit einem letzten Blick auf Siegmund geht sie in das Schlafgemach und schliesst hinter sich die Türe.) Music  
HUNDING
(nimmt seine Waffen vom Stamme herab).

Mit Waffen wehrt sich der Mann. -

(Im Abgehen sich zu Siegmund wendend)

Dich Wölfing treffe ich morgen;
mein Wort hörtest du -
hüte dich wohl!
HUNDING


A man needs his armour.



"Wolf-cub", I will meet you tomorrow.
You have heard my words:
be on your guard!
(Er geht mit den Waffen in das Gemach; man hört ihn von innen den Riegel schliessen)