RichardWagner
Libretti
Die Walküre

(ZWEITER AUFZUG) (ACT TWO)
VIERTE SZENE
(Brünnhilde, ihr Ross am Zaume geleitend, tritt aus der Höhle und schreitet langsam und feierlich nach vorne. Sie hält an und betrachtet Siegmund von fern. Sie schreitet wieder langsam vor. Sie hält in grösserer Nähe an. Sie trägt Schild und Speer in der einen Hand, lehnt sich mit der andren an den Hals des Rosses und betrachtet so mit ernster Miene Siegmund)


Music
SCENE FOUR
BRÜNNHILDE

Siegmund!
Sieh auf mich!
Ich bin's,
der bald du folgst.
BRÜNNHILDE

Siegmund,
look at me.
I am she
whom you will follow soon.
SIEGMUND
(richtet den Blick zu ihr auf)

Wer bist du, sag',
die so schön und ernst mir erscheint?
SIEGMUND


Tell me, who are you
who, so fair and grave, appear before me?
BRÜNNHILDE

Nur Todgeweihten
taugt mein Anblick;
wer mich erschaut
der scheidet vom Lebenslicht.
Auf der Walstatt allein
erschein' ich Edlen:
wer mich gewahrt,
zur Wal kor ich ihn mir!
BRÜNNHILDE

Only those doomed to die
see my gaze.
Whoever looks on me
must leave life and its light.
I only appear to heroes
on the battlefield.
The man who sees me
is my victim in battle.
SIEGMUND
(blickt ihr lange forschend und
fest in das Auge, senkt dann
sinnend das Haupt und wendet
sich endlich mit feierlichem Ernste
wieder zu ihr)


Der dir nun folgt,
wohin führst du den Helden?
SIEGMUND






If I follow you
whither will you lead your hero?
BRÜNNHILDE

Zu Walvater,
der dich gewählt,
führ' ich dich:
nach Walhall folgst du mir.
BRÜNNHILDE

To the Lord of battles
who chose you
I shall lead you.
You will follow me to Valhalla.
SIEGMUND

In Walhalls Saal
Walvater find' ich allein?
SIEGMUND

In the hall of Valhalla
shall I find Battlefather alone?
BRÜNNHILDE

Gefallner Helden
hehre Schar
umfängt dich hold
mit hoch-heiligem Gruss.
BRÜNNHILDE

Dead heroes
in a splendid body
will embrace you kindly
and welcome you solemny.
SIEGMUND

Fänd' ich in Walhall
Wälse, den eignen Vater?
SIEGMUND

In Valhalla shall I find
Volsa, my own father?
BRÜNNHILDE

Den Vater findet
der Wälsung dort.
BRÜNNHILDE

You will find your father there,
Volsung.
SIEGMUND

Grüsst mich in Walhall
froh eine Frau?
SIEGMUND

In Valhalla shall I be welcomed
warmly by a woman?
BRÜNNHILDE

Wunschmädchen
walten dort hehr:
Wotans Tochter
reicht dir traulich den Trank!
BRÜNNHILDE

Desirable maidens
abound there in splendour.
Wotan's daughter
will gladly give you your drink.
SIEGMUND

Hehr bist du,
und heilig gewahr' ich
das Wotanskind:
doch Eines sag' mir, du Ew'ge!
Begleitet den Bruder
die bräutliche Schwester?
Umfängt Siegmund
Sieglinde dort?
SIEGMUND

You are wonderful
and I recognize the holy
daughter of Wotan.
But tell me one thing, Immortal:
can this brother take with him
his sister and bride?
May Siegmund embrace
Sieglinde there?
BRÜNNHILDE

Erdenluft
muss sie noch atmen:
Sieglinde sieht
Siegmund dort nicht!
BRÜNNHILDE

She must still breathe
the air of earth.
You will not see Sieglinde
there, Siegmund.
SIEGMUND
(neigt sich sanft über Sieglinde,
küsst sie leise auf die Stirn und wendet
sich ruhig wieder zu Brünnhilde)


So grüsse mir Walhall,
grüsse mir Wotan,
grüsse mir Wälse
und alle Helden,
grüss' auch die holden
Wunschesmädchen: -

(sehr bestimmt)

zu ihnen folg' ich dir nicht.
SIEGMUND




Then greet Valhalla for me,
greet Wotan too,
greet Volsa for me
and all the heroes,
greet the lovely
wishmaidens too.



I will not follow you to them.
  Music  
BRÜNNHILDE

Du sahest der Walküre
sehrenden Blick:
mit ihr musst du nun ziehn!
BRÜNNHILDE

You have seen the Valkyrie's
searing glance.
Now you must go with her.
SIEGMUND

Wo Sieglinde lebt
in Lust und Leid,
da will Siegmund auch säumen:
noch machte dein Blick
nicht mich erbleichen:
vom Bleiben zwingt er mich nie.
SIEGMUND

Wherever Sieglinde lives,
in pleasure or sorrow,
Siegmund will also stay.
Your gaze has not yet made me
grow pale.
It will never force me from here.
BRÜNNHILDE

Solang du lebst,
zwäng' dich wohl nichts:
doch zwingt dich Toren der Tod: -
ihn dir zu künden
kam ich her.
BRÜNNHILDE

As long as you live,
nothing can force you.
But death, you fool, will force you.
I have come here
to tell you of it.
SIEGMUND

Wo wäre der Held,
dem heut' ich fiel?
SIEGMUND

Where might the hero be
to whom I should fall today?
BRÜNNHILDE

Hunding fällt dich im Streit.
BRÜNNHILDE

Hunding will kill you in battle.
SIEGMUND

Mit Stärkrem drohe,
als Hundings Streichen!
Lauerst du hier
lüstern auf Wal,
jenen kiese zum Fang:
ich denk ihn zu fällen im Kampf!
SIEGMUND

You must threaten with stronger
blows than Hunding's.
If you are lingering here,
lusting for battle,
settle on him for your catch;
I intend to kill him in the fight.
BRÜNNHILDE
(den Kopf schüttelnd)

Dir, Wälsung -
höre mich wohl:
dir ward das Los gekiest.
BRÜNNHILDE


You, Volsung -
listen well to me -
you have been chosen by fate.
SIEGMUND

Kennst du dies Schwert?
Der mir es schuf,
beschied mir Sieg:
deinem Drohen trotz' ich mit ihm!
SIEGMUND

Do you know this sword?
He who made it for me
promised me victory.
I defy your threats with it.
BRÜNNHILDE
(mit stark erhobener Stimme)

Der dir es schuf,
beschied dir jetzt Tod:
seine Tugend nimmt er dem Schwert!
BRÜNNHILDE


He who made it for you
has decreed your death.
He will take the power from the sword.
SIEGMUND
(heftig)

Schweig, und schrecke
die Schlummernde nicht!

(Er beugt sich mit hervorbrechendem
Schmerze zärtlich über Sieglinde)


Weh! Weh!
Süssestes Weib!
Du traurigste aller Getreuen!
Gegen dich wütet
in Waffen die Welt:
und ich, dem du einzig vertraut,
für den du ihr einzig getrotzt,
mit meinem Schutz
nicht soll ich dich schirmen,
die Kühne verraten im Kampf?
Ha, Schande ihm,
der das Schwert mir schuf,
beschied er mir Schimpf für Sieg!
Muss ich denn fallen,
nicht fahr' ich nach Walhall:
Hella halte mich fest!

(Er neigt sich tief zu Sieglinde)
SIEGMUND


Be quiet, and do not terrify
the sleeping woman.




Oh! Oh!
Sweetest wife,
saddest of all faithful women.
The whole world rages
against you in arms.
And I who am your only trust,
for whom alone you defied it,
may I not shield you
with my protection,
must I betray a heroine in battle?
O shame upon him
who made my sword,
if he decreed shame for me, not victory.
If I must die
I shall not go to Valhalla.
Let Hell hold me fast!


BRÜNNHILDE
(erschüttert)

So wenig achtest du
ewige Wonne?

(zögernd und zurückhaltend)

Alles wär' dir
das arme Weib,
das müd' und harmvoll
matt von dem Schosse dir hängt?
Nichts sonst hieltest du hehr?
BRÜNNHILDE


So little do you value
everlasting bliss?



Is she everything to you,
this poor woman
who, tired and sorrowful,
lies limp in your lap?
Do you think nothing else glorious?
SIEGMUND
(bitter zu ihr aufblickend)

So jung und schön
erschimmerst du mir:
doch wie kalt und hart
erkennt dich mein Herz!
Kannst du nur höhnen,
so hebe dich fort,
du arge, fühllose Maid!
Doch musst du dich weiden
an meinem Weh',
mein Leiden letze dich denn;
meine Not labe
dein neidvolles Herz:
nur von Walhalls spröden Wonnen
sprich du wahrlich mir nicht!
SIEGMUND


So young and fair
and dazzling you look,
but how cold and hard
my heart knows you must be.
If you can only scoff
then take yourself away,
you cruel, unfeeling maiden.
Yet if you must gloat
on my misery,
then let my sufferings comfort you,
my distress delight
your jealous heart.
But of Valhalla's frigid joys
please do not speak to me.
BRÜNNHILDE

Ich sehe die Not,
die das Herz dir zernagt,
ich fühle des Helden
heiligen Harm -
Siegmund, befiehl mir dein Weib:
mein Schutz umfange sie fest!
BRÜNNHILDE

I see th distress
which gnaws at your heart,
I feel the hero's
holy sorrow.
Siegmund, confide your wife to me;
my protection shall enfold her firmly.
SIEGMUND

Kein andrer als ich
soll die Reine lebend berühren:
verfiel ich dem Tod,
die Betäubte töt' ich zuvor!
SIEGMUND

I and no other
shall touch her purity while she lives.
If I am death's prey
I shall kill her first, asleep.
BRÜNNHILDE
(in wachsender Ergriffenheit)

Wälsung! Rasender!
Hör' meinen Rat:
befiehl mir dein Weib
um des Pfandes willen,
das wonnig von dir es empfing!
BRÜNNHILDE


Volsung, madman!
Hear what I advise.
Confide your wife to me
for the sake of the child
that she has got by your love.
SIEGMUND
(sein Schwert ziehend)

Dies Schwert, -
das dem Treuen ein Trugvoller schuf;
dies Schwert, -
das feig vor dem Feind mich verrät: -
frommt es nicht gegen den Feind,
so fromm' es denn wider den Freund! -

(Er zückt das Schwert auf Sieglinde)

Zwei Leben
lachen dir hier:
nimm sie, Notung,
neidischer Stahl!
Nimm sie mit einem Streich!
SIEGMUND


This sword
which in trust a traitor gave me:
this sword,
which cowardly must betray me to my foe;
if it may not avail against my foe,
then let it avail against my friend.



Two lives
smile on you here:
take them, Notung,
precious sword,
take them with one blow.
BRÜNNHILDE
(im heftigsten Sturme des Mitgefühls)

Halt' ein Wälsung!
Höre mein Wort!
Sieglinde lebe -
und Siegmund lebe mit ihr!
Beschlossen ist's;
das Schlachtlos wend' ich:
dir, Siegmund,
schaff' ich Segen und Sieg!

(Man hört aus dem fernen
Hintergrunde Hornrufe erschallen)


Hörst du den Ruf?
Nun rüste dich, Held!
Traue dem Schwert
und schwing' es getrost:
treu hält dir die Wehr,
wie die Walküre treu dich schützt! -
Leb' wohl, Siegmund,
seligster Held!
Auf der Walstatt seh' ich dich wieder!
BRÜNNHILDE


Stop, Volsung,
hear what I say.
Sieglinde shall live
and Siegmund live with her.
It is decided:
I'll change the fight's outcome;
for you, Siegmund,
I'll procure favour and victory.




Do you hear the call?
Now prepare, hero.
Rely on your sword
and wield it boldly.
The weapon will be true to you,
just as the Valkyrie will truly protect you.
Farewell, Siegmund,
beloved hero.
On the battlefield I shall see you again.
(Sie stürmt fort und verschwindet mit dem Rosse rechts in einer Seitenschlucht. Siegmund blickt ihr freudig und erhoben nach. - Die Bühne hat sich allmählich verfinstert; schwere Gewitterwolken legen sich auf den Hintergrund herab und hüllen die Gebirgswände, die Schlucht und das erhöhte Bergjoch nach und nach gänzlich ein)