RichardWagner
Libretti
Die Walküre

ZWEITER AUFZUG
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VORSPIEL UND ERSTE SZENE
Wildes Felsengebirge


(Im Hintergrund zieht sich von unten her eine Schlucht herauf, die auf ein erhöhtes Felsjoch mündet; von diesem senkt sich der Boden dem Vordergrunde zu wieder abwärts. Wotan, kriegerisch gewaffnet, mit dem Speer; vor ihm Brünnhilde, als Walküre, ebenfalls in voller Waffenrüstung)
WOTAN

Nun zäume dein Ross,
reisige Maid!
Bald entbrennt
brünstiger Streit:
Brünnhilde stürme zum Kampf,
dem Wälsung kiese sie Sieg!
Hunding wähle sich,
wem er gehört;
nach Walhall taugt er mir nicht.
Drum rüstig und rasch,
reite zur Wal!




Music
BRÜNNHILDE
(jauchzend von Fels zu Fels die
Höhe rechts hinauf springend)


Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Hojotoho! Heiaha!

(Sie hält auf einer hohen
Felsspitze an, blickt in die hintere
Schlucht hinab und ruft zu
Wotan zurück)


Dir rat' ich, Vater,
rüste dich selbst;
harten Sturm
sollst du bestehn.
Fricka naht, deine Frau,
im Wagen mit dem Widdergespann.
Hei! Wie die goldne
Geissel sie schwingt!
Die armen Tiere
ächzen vor Angst;
wild rasseln die Räder;
zornig fährt sie zum Zank!
In solchem Strausse
streit' ich nicht gern,
lieb' ich auch mutiger
Männer Schlacht!
Drum sieh, wie den Sturm du bestehst:
ich Lustige lass' dich im Stich!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Heiahaha!
(Brünnhilde verschwindet hinter der Gebirgshöhe zur Seite. - In einem mit zwei Widdern bespannten Wagen langt Fricka aus der Schlucht auf dem Felsjoche an, dort hält sie rasch an und steigt aus. Sie schreitet heftig in den Vordergrund auf Wotan zu)

Music
WOTAN
(Fricka auf sich zuschreitend
sehend, für sich)


Der alte Sturm,
die alte Müh'!
Doch stand muss ich hier halten!
FRICKA
(je näher sie kommt, desto mehr
mässigt sie den Schritt und stellt
sich mit Würde zu Wotan)


Wo in den Bergen du dich birgst,
der Gattin Blick zu entgehn,
einsam hier
such' ich dich auf,
dass Hülfe du mir verhiessest.
WOTAN

Was Fricka kümmert,
künde sie frei.
FRICKA

Ich vernahm Hundings Not,
um Rache rief er mich an:
der Ehe Hüterin
hörte ihn,
verhiess streng
zu strafen die Tat
des frech frevelnden Paars,
das kühn den Gatten gekränkt.
WOTAN

Was so Schlimmes
schuf das Paar,
das liebend einte der Lenz?
Der Minne Zauber
entzückte sie:
wer büsst mir der Minne Macht?
FRICKA

Wie töricht und taub du dich stellst,
als wüsstest fürwahr du nicht,
dass um der Ehe
heiligen Eid,
den hart gekränkten, ich klage!
WOTAN

Unheilig
acht' ich den Eid,
der Unliebende eint;
und mir wahrlich
mute nicht zu,
dass mit Zwang ich halte,
was dir nicht haftet:
denn wo kühn Kräfte sich regen,
da rat' ich offen zum Krieg.
FRICKA

Achtest du rühmlich
der Ehe Bruch,
so prahle nun weiter
und preis' es heilig,
dass Blutschande entblüht
dem Bund eines Zwillingspaars!
Mir schaudert das Herz,
es schwindelt mein Hirn:
bräutlich umfing
die Schwester der Bruder!
Wann ward es erlebt,
dass leiblich Geschwister sich liebten?
WOTAN

Heut' - hast du 's erlebt!
Erfahre so,
was von selbst sich fügt,
sei zuvor auch noch nie es geschehn.
Dass jene sich lieben,
leuchtet dir hell;
drum höre redlichen Rat:
Soll süsse Lust
deinen Segen dir lohnen,
so segne, lachend der Liebe,
Siegmunds und Sieglindes Bund!




















Music
FRICKA
(in höchste Entrüstung ausbrechend)

So ist es denn aus
mit den ewigen Göttern,
seit du die wilden
Wälsungen zeugtest?
Heraus sagt' ich's; -
traf ich den Sinn?
Nichts gilt dir der Hehren
heilige Sippe;
hin wirfst du alles,
was einst du geachtet;
zerreissest die Bande,
die selbst du gebunden,
lösest lachend
des Himmels Haft: -
dass nach Lust und Laune nur walte
dies frevelnde Zwillingspaar,
deiner Untreue zuchtlose Frucht!
O, was klag' ich
um Ehe und Eid,
da zuerst du selbst sie versehrt!
Die treue Gattin
trogest du stets;
wo eine Tiefe,
wo eine Höhe,
dahin lugte
lüstern dein Blick,
wie des Wechsels Lust du gewännest
und höhnend kränktest mein Herz.
Trauernden Sinnes
musst' ich's ertragen,
zogst du zur Schlacht
mit den schlimmen Mädchen,
die wilder Minne
Bund dir gebar:
denn dein Weib noch scheutest du so,
dass der Walküren Schar
und Brünnhilde selbst,
deines Wunsches Braut,
in Gehorsam der Herrin du gabst.
Doch jetzt, da dir neue
Namen gefielen,
als "Wälse" wölfisch
im Walde du schweiftest;
jetzt, da zu niedrigster
Schmach du dich neigtest,
gemeiner Menschen
ein Paar zu erzeugen:
jetzt dem Wurfe der Wölfin
wirfst du zu Füssen dein Weib! -
So führ' es denn aus!
Fülle das Mass!
Die Betrogne lass auch zertreten!
WOTAN
(ruhig)

Nichts lerntest du,
wollt' ich dich lehren,
was nie du erkennen kannst,
eh' nicht ertagte die Tat.
Stets Gewohntes
nur magst du verstehn:
doch was noch nie sich traf,
danach trachtet mein Sinn.
Eines höre!
Not tut ein Held,
der, ledig göttlichen Schutzes,
sich löse vom Göttergesetz.
So nur taugt er
zu wirken die Tat,
die, wie not sie den Göttern,
dem Gott doch zu wirken verwehrt.
FRICKA

Mit tiefem Sinne
willst du mich täuschen:
was Hehres sollten
Helden je wirken,
das ihren Göttern wäre verwehrt,
deren Gunst in ihnen nur wirkt?
WOTAN

lhres eignen Mutes
achtest du nicht?
FRICKA

Wer hauchte Menschen ihn ein?
Wer hellte den Blöden den Blick?
In deinem Schutz
scheinen sie stark,
durch deinen Stachel
streben sie auf:
du reizest sie einzig,
die so mir Ew'gen du rühmst,
Mit neuer List
willst du mich belügen,
durch neue Ränke
mir jetzt entrinnen;
doch diesen Wälsung
gewinnst du dir nicht:
in ihm treff' ich nur dich,
denn durch dich trotzt er allein.
WOTAN
(ergriffen)

In wildem Leiden
erwuchs er sich selbst:
mein Schutz schirmte ihn nie.
FRICKA

So schütz' auch heut' ihn nicht!
Nimm ihm das Schwert,
das du ihm geschenkt!
WOTAN

Das Schwert?
FRICKA

Ja, das Schwert,
das zauberstark
zuckende Schwert,
das du Gott dem Sohne gabst.
WOTAN
(heftig)

Siegmund gewann es sich

(mit unterdrücktem Beben)

selbst in der Noth.
Music (Wotan drückt in seiner ganzen Haltung von hier an einen immer wachsenden unheimlichen, tiefen Unmut aus)
FRICKA
(eifrig fortfahrend)

Du schufst ihm die Not,
wie das neidliche Schwert.
Willst du mich täuschen,
die Tag und Nacht
auf den Fersen dir folgt?
Für ihn stiessest du
das Schwert in den Stamm,
du verhiessest ihm
die hehre Wehr:
willst du es leugnen,
dass nur deine List
ihn lockte, wo er es fänd'?
(Wotan fährt mit einer grimmigen Gebärde auf)
FRICKA
(immer sicherer, da sie den
Eindruck gewahrt, den sie auf
Wotan hervorgebracht hat)


Mit Unfreien
streitet kein Edler,
den Frevler straft nur der Freie.
Wider deine Kraft
führt' ich wohl Krieg:
doch Siegmund verfiel mir als Knecht!

(Neue heftige Gebärde Wotans,
dann Versinken in das Gefühl
seiner Ohnmacht)


Der dir als Herren
hörig und eigen,
gehorchen soll ihm
dein ewig Gemahl?
Soll mich in Schmach
der Niedrigste schmähen,
dem Frechen zum Sporn,
dem Freien zum Spott?
Das kann mein Gatte nicht wollen,
die Göttin entweiht er nicht so!
WOTAN
(finster)

Was verlangst du?
FRICKA

Lass von dem Wälsung!
WOTAN
(mit gedämpfter Stimme)

Er geh' seines Wegs.
FRICKA

Doch du schütze ihn nicht,
wenn zur Schlacht ihn der Rächer ruft!
WOTAN

Ich schütze ihn nicht.
FRICKA

Sieh mir ins Auge,
sinne nicht Trug:
die Walküre wend' auch von ihm!
WOTAN

Die Walküre walte frei.
FRICKA

Nicht doch; deinen Willen
vollbringt sie allein:
verbiete ihr Siegmunds Sieg!
WOTAN
(in heftigen inneren Kampf ausbrechend)

Ich kann ihn nicht fällen:
er fand mein Schwert!
FRICKA

Entzieh' dem den Zauber,
zerknick' es dem Knecht!
Schutzlos schau' ihn der Feind!
(Man vernimmt Brünnhilde von der Höhe her)
BRÜNNHILDE

Heiaha! Heiaha! Hojotoho!
FRICKA

Dort kommt deine kühne Maid;
jauchzend jagt sie daher.
WOTAN
(dumpf für sich)

Ich rief sie für Siegmund zu Ross!

Music
(Brünnhilde erscheint mit ihrem Ross auf dem Felsenpfade rechts. Als sie Fricka gewahrt, bricht sie schnell ab und geleitet ihr Ross still und langsam während des Folgenden den Felsweg herab: dort birgt sie es dann in einer Höhle)
FRICKA

Deiner ew'gen Gattin
heilige Ehre
beschirme heut' ihr Schild!
Von Menschen verlacht,
verlustig der Macht,
gingen wir Götter zugrund:
würde heut' nicht hehr
und herrlich mein Recht
gerächt von der mutigen Maid.
Der Wälsung fällt meiner Ehre:
Empfah' ich von Wotan den Eid?
WOTAN
(in furchtbarem Unmut und
innerem Grimm auf einen
Felsensitz sich werfend)


Nimm den Eid!
(Fricka schreit dem Hintergrunde zu: dort begegnet sie Brünnhilde und hält einen Augenblick vor ihr an)
FRICKA
(zu Brünnhilde)

Heervater
harret dein:
lass' ihn dir künden,
wie das Los er gekiest!

(Sie besteigt den Wagen
und fährt schnell davon)
(Brünnhilde tritt mit besorgter Miene verwundert vor Wotan, der, auf dem Felssitz zurückgelehnt, das Haupt auf die Hand gestützt, in finstres Brüten versunken ist)