RichardWagner
Libretti
Die Walküre

(ZWEITER AUFZUG)
DRITTE SZENE
(Auf dem Bergjoch angelangt, gewahrt Brünnhilde, in die Schlucht hinabblickend, Siegmund und Sieglinde; sie betrachtet die Nahenden einen Augenblick und wendet sich dann in die Höhe zu ihrem Ross, so dass sie dem Zuschauer gänzlich verschwindet - Siegmund und Sieglinde erscheinen auf dem Bergjoche. Sieglinde schreitet Siegmund hastig voraus; Siegmund sucht sie aufzuhalten)
SIEGMUND

Raste nun hier;
gönne dir Ruh'!
SIEGLINDE

Weiter! Weiter!
SIEGMUND
(umfasst sie mit sanfter Gewalt)

Nicht weiter nun!

(Er schliesst sie fest an sich)

Verweile, süssestes Weib!
Aus Wonne-Entzücken
zucktest du auf,
mit jäher Hast
jagtest du fort:
kaum folgt' ich der wilden Flucht;
durch Wald und Flur,
über Fels und Stein,
sprachlos, schweigend
sprangst du dahin,
kein Ruf hielt dich zur Rast!

(Sie starrt wild vor sich hin)

Ruhe nun aus:
rede zu mir!
Ende des Schweigens Angst!
Sieh, dein Bruder
hält seine Braut:
Siegmund ist dir Gesell'!

(Er hat sie unvermerkt nach
dem Steinsitze geleitet)
SIEGLINDE
(blickt Siegmund mit wachsendem
Entzücken in die Augen, dann
umschlingt sie leidenschaftlich seinen
Hals und verweilt so; dann fährt sie
mit jähem Schreck auf)


Hinweg! Hinweg!
Flieh' die Entweihte!
Unheilig
umfängt dich ihr Arm;
entehrt, geschändet
schwand dieser Leib:
flieh' die Leiche,
lasse sie los!
Der Wind mag sie verwehn,
die ehrlos dem Edlen sich gab!
Da er sie liebend umfing,
da seligste Lust sie fand,
da ganz sie minnte der Mann,
der ganz ihre Minne geweckt: -
vor der süssesten Wonne
heiligster Weihe,
die ganz ihr Sinn
und Seele durchdrang,
Grauen und Schauder
ob grässlichster Schande
musste mit Schreck
die Schmähliche fassen,
die je dem Manne gehorcht,
der ohne Minne sie hielt! -
Lass die Verfluchte,
lass sie dich fliehn!
Verworfen bin ich,
der Würde bar!
Dir reinstem Manne
muss ich entrinnen,
dir Herrlichem darf ich
nimmer gehören.
Schande bring' ich dem Bruder,
Schmach dem freienden Freund!
SIEGMUND

Was je Schande dir schuf,
das büsst nun des Frevlers Blut!
Drum fliehe nicht weiter;
harre des Feindes;
hier soll er mir fallen:
wenn Notung ihm
das Herz zernagt,
Rache dann hast du erreicht!
SIEGLINDE
(schrickt auf und lauscht)

Horch! Die Hörner,
hörst du den Ruf?
Ringsher tönt
wütend Getös':
aus Wald und Gau
gellt es herauf.
Hunding erwachte
aus hartem Schlaf!
Sippen und Hunde
ruft er zusammen;
mutig gehetzt
heult die Meute,
wild bellt sie zum Himmel
um der Ehe gebrochenen Eid!

(Sieglinde starrt wie
wahnsinnig vor sich hin)


Wo bist du, Siegmund?
Seh' ich dich noch?
brünstig geliebter,
leuchtender Bruder!
Deines Auges Stern
lass noch einmal mir strahlen:
wehre dem Kuss
des verworfnen Weibes nicht! -

(Sie hat sich ihm schluchzend
an die Brust geworfen: dann
schrickt sie ängstlich wieder auf)


Horch! O horch!
Das ist Hundings Horn!
Seine Meute naht
mit mächt'ger Wehr:
kein Schwert frommt
vor der Hunde Schwall:
wirf es fort, Siegmund!
Siegmund - wo bist du?
Ha dort! Ich sehe dich!
Schrecklich Gesicht!
Rüden fletschen
die Zähne nach Fleisch;
sie achten nicht
deines edlen Blicks;
bei den Füssen packt dich
das feste Gebiss -
du fällst -
in Stücken zerstaucht das Schwert: -
die Esche stürzt, -
es bricht der Stamm!
Bruder! Mein Bruder!
Siegmund - ha! -

(Sie sinkt ohnmächtig
in Siegmunds Arme)
SIEGMUND

Schwester! Geliebte!
(Er lauscht ihrem Atem und überzeugt sich, dass sie noch lebe. Er lässt sie an sich herabgleiten, so dass sie, als er sich selbst zum Sitze niederlässt, mit ihrem Haupt auf seinem Schoss zu ruhen kommt. In dieser Stellung verbleiben beide bis zum Schlusse des folgenden Auftrittes. - Langes Schweigen, während dessen Siegmund mit zärtlicher Sorge über Sieglinde sich hinneigt und mit einem langen Kusse ihr die Stirne küsst)