RichardWagner
Libretti
Die Walküre

DRITTER AUFZUG
VORSPIEL UND ERSTE SZENE
Auf dem Gipfel eines Felsenberges.


(Rechts begrenzt ein Tannenwald die Szene. Links der Eingang einer Felshöhle, die einen natürlichen Saal bildet: darüber steigt der Fels zu seiner höchsten Spitze auf. Nach hinten ist die Aussicht gänzlich frei; höhere und niedere Felssteine bilden den Rand vor dem Abhange, der - wie anzunehmen ist - nach dem Hintergrund zu steil hinabführt. - Einzelne Wolkenzüge jagen, wie vom Sturm getrieben, am Felsensaume vorbei. - Gerhilde, Ortlinde, Waltraute und Schwertleite haben sich auf der Felsspitze, an und über die Höhle gelagert, sie sind in voller Waffenrüstung.)






Music
GERHILDE
(zu höchst gelagert und dem
Hintergrunde zurufend, wo ein
starkes Gewölk herzieht)


Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Helmwige! Hier!
Hieher mit dem Ross!
HELMWIGES STIMME
(im Hintergrunde)

Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
(In dem Gewölk bricht Blitzesglanz aus: eine Walküre zu Ross wird in ihm sichtbar: über ihrem Sattel hängt ein erschlagener Krieger. Die Erscheinung zieht, immer näher, am Felsensaume von links nach rechts vorbei)
GERHILDE, WALTRAUTE
UND SCHWERTLEITE

(der ankommend entgegenrufend)

Heiaha! Heiaha!
(Die Wolke mit der Erscheinung ist rechts hinter dem Tann verschwunden)
ORTLINDE
(in den Tann hineinrufend)

Zu Ortlindes Stute
stell deinen Hengst:
mit meiner Grauen
grast gern dein Brauner!
WALTRAUTE
(hineinrufend)

Wer hängt dir im Sattel?
HELMWIGE
(aus dem Tann auftretretend)

Sintolt, der Hegeling!
SCHWERTLEITE

Führ' deinen Brauen
fort von der Grauen:
Ortlindes Mähre
trägt Wittig, den Irming!
GERHILDE
(ist etwas näher herab gestiegen)

Als Feinde nur sah ich
Sintolt und Wittig!
ORTLINDE
(springt auf)

Heiaha! Die Stute
stösst mir der Hengst!

(Sie läuft in den Tann)
SCHWERTLEITE, GERHILDE
UND HELWIGE

(lachen laut auf)
GERHILDE

Der Recken Zwist
entzweit noch die Rosse!
HELMWIGE
(in den Tann zurückrufend)

Ruhig, Brauner!
Brich nicht den Frieden!
WALTRAUTE
(auf der Höhe, wo sie für Gerhilde
die Wacht übernommen, nach
rechts in den Hintergrund rufend)


Hoioho! Hoioho!
Siegrune, hier!
Wo säumst du so lang?

(Sie lauscht nach rechts)
SIEGRUNES STIMME
(von der rechten Seite des
Hintergrundes her)


Arbeit gab's!
Sind die andren schon da?
SCHWERTLEITE UND WALTRAUTE
(nach rechts in dem Hintergrund rufend)

Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
GERHILDE

Heiaha!
(Ihre Gebärden, sowie ein heller Glanz hinter dem Tann, zeigen an, dass soeben Siegrune dort angelangt ist. Aus der Tiefe hört man zwei Stimmen zugleich)
GRIMGERDE UND ROSSWEISSE
(links im Hintergrund)

Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
WALTRAUTE
(nach links)

Grimgerd' und Rossweisse!
GERHILDE
(ebenso)

Sie reiten zu zwei.
(In einem blitzerglänzenden Wolkenzuge, der von links her vorbeizieht, erscheinen Grimgerde und Rossweisse, ebenfalls auf Rossen, jede einen Erschlagenen im Sattel führend. - Helmwige, Ortlinde und Siegrune sind aus dem Tann getreten und winken vom Felsensaume den Ankommenden zu)
HELMWIGE, ORTLINDE
UND SIEGRUNE


Gegrüsst, ihr Reisige!
Rossweiss' und Grimgerde!
ROSSWEISSES UND GRIMGERDES
STIMMEN


Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
(Die Erscheinung verschwindet hinter dem Tann)
DIE SECHS ANDEREN WALKÜREN

Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
GERHILDE
(in den Tann rufend)

In Wald mit den Rossen
zu Weid' und Rast!
ORTLINDE
(ebenfalls in den Tann rufend)

Führet die Mähren
fern von einander,
bis unsrer Helden
Hass sich gelegt!
(Die Walküren lachen)
HELMWIGE
(während die anderen lachen)

Der Helden Grimm
büsste schon die Graue!
(Die Walküren lachen)
ROSSWEISSE UND GRIMGERDE
(aus dem Tann tretend)

Hojotoho! Hojotoho!
DIE ANDEREN WALKÜREN

Willkommen! Willkommen!
SCHWERTLEITE

Wart ihr Kühnen zu zwei?
GRIMGERDE

Getrennt ritten wir
und trafen uns heut'.
ROSSWEISSE

Sind wir alle versammelt,
so säumt nicht lange:
nach Walhall brechen wir auf,
Wotan zu bringen die Wal.
HELMWIGE

Acht sind wir erst:
eine noch fehlt.
GERHILDE

Bei dem braunen Wälsung
weilt wohl noch Brünnhilde.
WALTRAUTE

Auf sie noch harren
müssen wir hier:
Walvater gäb' uns
grimmigen Gruss,
säh' ohne sie er uns nahn!
SIEGRUNE
(auf der Felswarte,
von wo sie hinausspäht)


Hojotoho! Hojotoho!

(in den Hintergrund rufend)

Hieher! Hieher!

(zu den andern)

In brünstigem Ritt
jagt Brünnhilde her.
DIE WALKÜREN
(alle eilen auf die Warte)

Hojotoho! Hojotoho!
Brünnhilde! Hei!

(Sie spähen mit wachsender
Verwunderung)
WALTRAUTE

Nach dem Tann lenkt sie
das taumelnde Ross.
GRIMGERDE

Wie schnaubt Grane
vom schnellen Ritt!
ROSSWEISSE

So jach sah ich nie
Walküren jagen!
ORTLINDE

Was hält sie im Sattel?
HELMWIGE

Das ist kein Held!
SIEGRUNE

Eine Frau führt sie!
GERHILDE

Wie fand sie die Frau?
SCHWERTLEITE

Mit keinem Gruss
grüsst sie die Schwestern!
WALTRAUTE
(hinabrufend)

Heiaha! Brünnhilde!
Hörst du uns nicht?
ORTLINDE

Helft der Schwester
vom Ross sich schwingen!
(Gerhilde und Helmwige stürzen in den Tann)
(Siegrune und Rossweisse laufen ihnen nach)
DIE WALKÜREN

Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
WALTRAUTE
(in den Tann blickend)

Zu Grunde stürzt
Grane, der Starke!
GRIMGERDE

Aus dem Sattel hebt sie
hastig das Weib!
DIE ÜBRIGEN WALKÜREN
(alle in den Tann laufend)

Schwester! Schwester!
Was ist geschehn?
(Alle Walküren kehren auf die Bühne zurück; mit ihnen kommt Brünnhilde, Sieglinde unterstützend, hereingeleitend)
BRÜNNHILDE
(atemlos)

Schützt mich und helft
in höchster Not!
DIE WALKÜREN

Wo rittest du her
in rasender Hast?
So fliegt nur, wer auf der Flucht!
BRÜNNHILDE

Zum erstenmal flieh' ich
und bin verfolgt:
Heervater hetzt mir nach!
DIE WALKÜREN
(heftig erschreckend)

Bist du von Sinnen?
Sprich! Sage uns!
Verfolgt dich Heervater?
Fliehst du vor ihm?
BRÜNNHILDE
(wendet sich ängstlich, um zu
spähen, und kehrt wieder zurück)


O Schwestern, späht
von des Felsens Spitze!
Schaut nach Norden,
ob Walvater naht!

(Ortlinde und Waltraute springen
auf die Felsenspitze zur Warte)


Schnell! Seht ihr ihn schon?
ORTLINDE

Gewittersturm
naht von Norden.
WALTRAUTE

Starkes Gewölk
staut sich dort auf!
DIE WALKÜREN

Heervater reitet
sein heiliges Ross!
BRÜNNHILDE

Der wilde Jäger,
der wütend mich jagt,
er naht, er naht von Norden!
Schützt mich, Schwestern!
Wahret dies Weib!
DIE WALKÜREN

Was ist mit dem Weibe?
BRÜNNHILDE

Hört mich in Eile:
Sieglinde ist es,
Siegmunds Schwester und Braut:
gegen die Wälsungen
wütet Wotan in Grimm;
dem Bruder sollte
Brünnhilde heut'
entziehen den Sieg;
doch Siegmund schützt' ich
mit meinem Schild,
trotzend dem Gott! -
Der traf ihn da selbst mit dem Speer:
Siegmund fiel;
doch ich floh
fern mit der Frau;
sie zu retten,
eilt' ich zu euch -
ob mich Bange auch

(kleinmütig)

ihr berget vor dem strafenden Streich!
DIE WALKÜREN
(in grösster Bestürzung)

Betörte Schwester,
was tatest du?
Wehe! Brünnhilde, wehe!
Brach ungehorsam
Brünnhilde
Heervaters heilig Gebot?
WALTRAUTE
(von der Warte)

Nächtig zieht es
von Norden heran.
ORTHILDE
(ebenso)

Wütend steuert
hieher der Sturm.
DIE ANDEREN WALKÜREN
(dem Hintergrunde zugewendet)

Wild wiehert
Walvaters Ross.
Schrecklich schnaubt es daher!
BRÜNNHILDE

Wehe der Armen,
wenn Wotan sie trifft:
den Wälsungen allen
droht er Verderben! -
Wer leiht mir von euch
das leichteste Ross,
das flink die Frau ihm entführ'?
SIEGRUNE

Auch uns rätst du
rasenden Trotz?
BRÜNNHILDE

Rossweisse, Schwester,
leih' mir deinen Renner!
ROSSWEISSE

Vor Walvater floh
der fliegende nie.
BRÜNNHILDE

Helmwige, höre!
HELMWIGE

Dem Vater gehorch' ich.
BRÜNNHILDE

Grimgerde! Gerhilde!
Gönnt mir eu'r Ross!
Schwertleite! Siegrune!
Seht meine Angst!
Seid mir treu,
wie traut ich euch war:
rettet dies traurige Weib!
SIEGLINDE
(die bisher finster und kalt vor
sich hingestarrt, fährt, als Brünnhilde
sie lebhaft - wie zum Schutze - umfasst,
mit einer abwehrenden Gebärde auf)


Nicht sehre dich Sorge um mich:
einzig taugt mir der Tod!
Wer hiess dich Maid,
dem Harst mich entführen?
Im Sturm dort hätt' ich
den Streich empfah'n
von derselben Waffe,
der Siegmund fiel:
das Ende fand ich
vereint mit ihm! -
Fern von Siegmund -
Siegmund, von dir! -
O deckte mich Tod,
dass ich's denke!
Soll um die Flucht
dir, Maid, ich nicht fluchen,
so erhöre heilig mein Flehen:
stosse dein Schwert mir ins Herz!
BRÜNNHILDE

Lebe, o Weib,
um der Liebe willen!
Rette das Pfand,
das von ihm du empfingst:

(stark und drängend)

ein Wälsung wächst dir im Schoss!
SIEGLINDE
(erschrickt zunächst heftig:
sogleich strahlt aber ihr
Gesicht in erhabener Freude auf)


Rette mich, Kühne!
Rette mein Kind!
Schirmt mich, ihr Mädchen,
mit mächtigstem Schutz!
(Immer finsteres Gewitter steigt im Hintergrunde auf: nahender Donner)
WALTRAUTE
(auf der Wart)

Der Sturm kommt heran.
ORTLINDE
(ebenso)

Flieh', wer ihn fürchtet!
DIE ANDEREN WALKÜREN

Fort mit dem Weibe,
droht ihm Gefahr:
der Walküren keine
wag' ihren Schutz!
SIEGLINDE
(auf den Knien vor Brünnhilde)

Rette mich, Maid!
Rette die Mutter!
BRÜNNHILDE
(mit lebhaftem Entschluss hebt
sie Sieglinde auf)


So fliehe denn eilig -
und fliehe allein!
Ich bleibe zurück,
biete mich Wotans Rache:
an mir zögr' ich
den Zürnenden hier,
während du seinem Rasen entrinnst.
SIEGLINDE

Wohin soll ich mich wenden?
BRÜNNHILDE

Wer von euch Schwestern
schweifte nach Osten?
SIEGRUNE

Nach Osten weithin
dehnt sich ein Wald:
der Niblungen Hort
entführte Fafner dorthin.
SCHWERTLEITE

Wurmes Gestalt
schuf sich der Wilde:
in einer Höhle
hütet er Alberichs Reif!
GRIMGERDE

Nicht geheu'r ist's dort
für ein hilflos' Weib.
BRÜNNHILDE

Und doch vor Wotans Wut
schützt sie sicher der Wald:
ihn scheut der Mächt'ge
und meidet den Ort.
WALTRAUTE
(auf der Warte)

Furchtbar fährt
dort Wotan zum Fels.
DIE WALKÜREN

Brünnhilde, hör'
seines Nahens Gebraus'!













Music
BRÜNNHILDE
(Sieglinde die Richtung weisend)

Fort denn eile,
nach Osten gewandt!
Mutigen Trotzes
ertrag' alle Müh'n, -
Hunger und Durst,
Dorn und Gestein;
lache, ob Not,
ob Leiden dich nagt!
Denn eines wiss'
und wahr' es immer:
den hehrsten Helden der Welt
hegst du, o Weib,
im schirmenden Schoss! -

(Sie zieht die Stücken von Siegmunds
Schwert unter ihrem Panzer hervor,
und überreicht sie Sieglinde)


Verwahr' ihm die starken
Schwertesstücken;
seines Vaters Walstatt
entführt' ich sie glücklich:
der neugefügt
das Schwert einst schwingt,
den Namen nehm' er von mir -
"Siegfried" erfreu' sich des Siegs!



Music
SIEGLINDE
(in grösster Rührung)

O hehrstes Wunder!
Herrlichste Maid!
Dir Treuen dank' ich
heiligen Trost!
Für ihn, den wir liebten,
rett' ich das Liebste:
meines Dankes Lohn
lache dir einst!
Lebe wohl!
Dich segnet Sieglindes Weh'!
(Sie eilt rechts im Vordergrunde von dannen. - Die Felsenhöhe ist von schwarzen Gewitterwolken umlagert; furchtbarer Sturm braust aus dem Hintergrunde daher; wachsender Feuerschein rechts daselbst)
WOTANS STIMME

Steh'! Brünnhild'!
(Brünnhilde, nachdem sie eine Weile Sieglinde nachgesehen, wendet sich in den Hintergrund, blickt in den Tann und kommt angstvoll wieder vor)
ORTLINDE UND WALTRAUTE
(von der Warte herabsteigend)

Den Fels erreichten
Ross und Reiter!
ALLE WALKÜREN

Weh', Brünnhild'!
Rache entbrennt!
BRÜNNHILDE

Ach, Schwestern, helft!
Mir schwankt das Herz!
Sein Zorn zerschellt mich,
wenn euer Schutz ihn nicht zähmt.
DIE WALKÜREN
(flüchten ängstlich nach der
Felsenspitze hinauf; Brünnhilde
lässt sich von ihnen nachziehen)


Hieher, Verlor'ne!
Lass dich nicht sehn!
Schmiege dich an uns
und schweige dem Ruf!

(Sie verbergen Brünnhilde unter
sich und blicken ängstlich nach
dem Tann, der jetzt von grellem
Feuerschein erhellt wird, während
der Hintergrund ganz finster
geworden ist)


Weh'!
Wütend schwingt sich
Wotan vom Ross! -
Hieher rast
sein rächender Schritt!